Vom Schlaf zum Tode ist ein kleiner Weg

Eine fesselnde Story von Boris G. Walfort

"Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos. Sie werden assimiliert. Wir sind die Borg……"

"USS Mainsfield Sternzeit: 44002,4 Sektor: Wolf 359 Logbuch des Captains. Müssen das Schiff aufgeben!! Notaggregate halten nicht mehr lange durch. Mannschaft muß evakuiert werden. Deck 10 bis 17 nicht mehr vorhanden. Überall Schäden und …."

Captain Powell hustete stark. Er mußte die Aufzeichnung abbrechen. Immer und immer wieder hob und senkte sich das Deck unter ihm. Komisch, gerade im diesen Augenblick dachte er an ein Bootsunglück zurück. Damals wäre er beinahe ertrunken, und auch jetzt schien es ihm, als würde jeden Moment sein Schiff in den Fluten versinken. Um ihn herum knirschte und krachte es, als ob von außen Tonnen von Wasser auf das Schiff einwirken würden. Nein, nicht Wasser….. Vakuum, luftleerer Raum erwartete ihn. Ein Entrinnen gab es nicht mehr, er konnte nicht einfach tauchen und an der sicheren Oberfläche nach Luft schnappen. "Captain… kommen sie. Wir müssen die Brücke verlassen." Der Fähnrich riß ihn aus den Gedanken. Was machte dieser Junge noch hier? "Bringen sie sich in Sicherheit, Peter, schnell." Der Junge blickte verwirrt. Er zitterte am ganzen Leib, blutete aus mehr als einer Wunde. "Und sie, Sir?" Powell sah starr geradeaus. Der Sichtschirm war ausgefallen, sein Blick reichte in die Ewigkeit als er sagte: "Ich gehe mit dem Schiff unter. Retten Sie sich." Peter wollte etwas erwidern, doch er wußte, daß sich der Captain nicht mehr überreden lassen würde. Er verließ die Brücke durch den Luftschacht. Die Turbolifts waren ausgefallen. Seine Gedanken rasten, sein Herz schlug ihm bis zum Hals, er wußte, es ging um das nackte Überleben. Eine Stufe nach der anderen, Schritt für Schritt näher an die Rettungskanzel. Und doch.. um so schneller er sich bewegte, desto langsamer kam ihm seine Umwelt vor. Es war seltsam still…. totenstill. Keine Explosionen, keine Schreie, kein gar nichts. Es war ein Traum… ein Alptraum, Peter mußte sich das einreden um nicht verrückt zu werden. Gleich würde ihn Christine aufwecken und ermahnen nicht zu spät zur Schicht zu kommen. Christine? Wo war sie jetzt? Gerettet? Tot?…………..assimiliert?? Peter drohte die Kontrolle über sich zu verlieren, es viel ihm immer schwerer sich zu konzentrieren um nicht auszurutschen und den Schacht hinabzustürzen. "Luft. Der Sauerstoff fehlt." Sein Hals wurde trocken. Ihm war klar, es würde nicht mehr lange dauern. Er wurde bewußtlos.

"Lebenszeichen?" Christine Pauls tippte fieberhaft Befehle in den Bordcomputer des Shuttles ein, suchte nach Überlebenden. "Negativ…" Ihr stiegen die Tränen in die Augen, immer verzweifelter zielte sie mit den Scannern auf das Schiff. Sie wußte, dort mußten noch Menschen sein, sie fühlte es. Peter war noch dort.

Er kam wieder zu sich, atmete flach und ruhig. Als er die Augen aufschlug, sah er vor sich eine Person im Raumanzug. "Ruhig bleiben." Peter sah sich um, und reagierte fast panisch, als er bemerkte, daß er immer noch im Schacht steckte. Wenige Zentimeter von einem offenen Riß entfernt, der sich nur durch ein Eindämmungsfeld nicht zu einer tödlichen Falle entwickelte. Doch ihm wurde schlagartig bewußt, daß das Feld jederzeit zusammenbrechen konnte, zumal das Schiff kurz vor der Vernichtung stand. "Sir, der Riß." Die Gestalt über ihn schien daran nicht interessiert zu sein. Er wandte seinen Blick nicht vom Fähnrich. Peter wußte nicht, was ihn mehr beunruhigte. Der Riß oder die unbekannte Person. Durch das polarisierte Visier konnte er nicht blicken, doch er spürte den seltsam ruhigen Blick des Fremden. "Wer sind sie?" "Wie ist es, wenn man stirbt?" Peter erschrak. Er hatte gehofft sich geirrt zu haben, doch nun wußte er, daß etwas nicht stimmen konnte. Die Frage war keineswegs sadistisch gemeint, es drang ehrliche Neugier aus ihr hervor. Ein unstillbares Verlangen nach neuem Wissen.„Was sind sie?" Ein greller Blitz zuckte über ihn hinweg. Als er die Augen wieder öffnete, befand er sich ungeschützt ……….. im Weltraum.

Seine erste Reaktion bestand darin, die Luft anzuhalten, doch im selben Moment wurde ihm bewußt, daß es ihm nicht helfen würde, er würde sterben. "Sie können ruhig wieder atmen." Er hörte Stimmen…..Im Vakuum???? War er schon tot? Oder waren dies Geister, die ihm auf dem Weg zum Jenseits spotteten. "Sie sind ein wenig nervös, was? Kann ich verstehen. Würden sie wenigsten die Augen öffnen? Ihr Menschen glaubt ja erst etwas, wenn ihr es seht." Er riskierte einen Blick. Und sah jemanden vor sich schweben, unzweifelhaft eine menschliche Gestalt. "Wer sind sie? Und was wollen sie von mir?" Die Gestalt lächelte ermunternd. Offensichtlich war er froh, daß Peter sich endlich wieder ihm zuwandte. "Ich bin Q. Und ich will nur eine Antwort auf meine Frage." Peter schaffte es den Umstand, im All frei zu schweben, und sich so nebenbei mit einem Außerirdischen zu unterhalten, weitestgehend zu verdrängen, und sich auf das zu konzentrieren, was diese Person von ihm wollte. "Welche Frage?" "Wie ist es, wenn man stirbt?" Ihm kam ein schrecklicher Gedanke. "Bin ich denn tot?" Q seufzte, offensichtlich war er enttäuscht. "Warum müssen sie immer eine Gegenfrage stellen?", er schien über die Engstirnigkeit der Menschen den Kopf zu schütteln. "Sie waren tot! Sie haben es erlebt. Ich habe sie nur zurückgeholt, damit sie mir ihre Erlebnisse schildern können." Peter runzelte die Stirn, es war ihm anzusehen, wie schwer es ihm fiel, die Ruhe zu bewahren. Er war tot? Wie war das möglich? Ist dieses Wesen wirklich dazu in der Lage, die Zeitlinie zu verändern, einen Verstorbenen zurückzuholen? Er nahm seinen Mut zusammen: "Wenn sie so mächtig sind, warum wissen sie es nicht?" Q schien auf diese Frage nur gewartet zu haben. Ohne eingehendere Erklärungen, würde er wohl nicht weiterkommen. "Gerade das ist es, was mich zu faszinieren beginnt. Ich bin endlich an eine Grenze gestoßen! All die Jahre der Selbstzufriedenheit, des grenzenlosen Ausschweifens, der Überheblichkeit und nun diese unüberwindbare Grenze. Es muß einen Weg geben, meine Existenz zu überschreiten." Er schien glücklich über diese Erkenntnis zu sein, während Peter innerlich zitterte. "Glauben sie mir, wenn ich ihnen sage, daß ich diese Grenze nicht gerne so bald überschreiten möchte." Q blickte ihn verwirrt an. "Aber sie haben sie bereits überschritten! Wie war es?" "Es war nichts. Gar nichts…", diese Erkenntnis erschütterte ihn mehr, als jemals etwas anderes zuvor. Er konnte sich an nichts erinnern. "Kein Himmel, keine Hölle, kein Licht am Ende des Tunnels….. einfach nichts.”War das das Ende? Ein immer währendes Nichts? "Keine ihrer religiösen Vorstellungen traten ein?", Q schien maßlos enttäuscht. Peter schüttelte nur den Kopf. "Verdammt, so funktioniert es nicht!", er haderte mit sich selbst,„Es muß eine andere Lösung geben! Einen anderen Weg." "Warum sind sie so sehr darauf fixiert? Glauben sie mir, es ist nicht sehr angenehm." Q beendete sein Selbstgespräch und wandte sich wieder fasziniert an sein Forschungsobjekt. "Erklären sie mir das!! Wie war das Sterben an sich? Was fühlten sie dabei.”Peter erinnerte sich nicht gern an diesen Moment zurück, wollte ihn lieber verdrängen, als ihn nochmals zu durchleben. "Kälte. Ich spürte wie sie langsam in mir hoch kroch, unausweichlich. Das Atmen fiel mir schwer. Mein einziger Wunsch bestand darin zu schlafen. Verrückt, nicht wahr? Ich war nur müde." "Vom Schlaf zum Tode ist ein kleiner Weg.", murmelte Q vor sich her.„Als nächstes, erblickte ich sie." Ein Gedanke bildete sich hinter Q's Stirn. Eine Idee, die noch keinem Q vor ihm gekommen ist, niemand hätte gewagt auch nur daran zu denken. Er lächelte, als er den jungen Menschen ansah. Welch Ironie. Dessen Überleben bringt ihm selbst den Tod, das unentdeckte Land, näher als er es je vermutet hätte. "Danke." Ein erneuter Blitz erfaßte Peter

"Lebenszeichen?" Christine Pauls tippte fieberhaft Befehle in den Bordcomputer des Shuttles ein, suchte nach Überlebenden. "Nega… warten sie! Da ist etwas. In einem Schacht, nahe der Brücke. Übermittle Koordinaten. Energie!" Peter materialisierte auf dem Boden, und schnappte urplötzlich nach Luft.

"Sie werden es nicht gestatten, das weiß ich. Aber ich muß es tun." Q lächelte angesichts dieser neuen Herausforderung. Eine letzte Tat, wollte er noch vollbringen, in seinem jetzigen Zustand. Ein Volk vor dessen Schicksal beschützen. Er blickte dem Borgkubus nach, der mit hoher Geschwindigkeit der Erde entgegen raste. Hinter sich zurück ließ er nur Tod und Zerstörung. Q durchstreifte mental den Weltraum und fand, den, den er suchte. Er hauchte diesem verängstigten Menschen, nur ein einziges Wort zu: "Schlaf……"

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