
Spiegel der Seele - von Sabine
Kapitel 1 - Narbarh - Stadt der Träume
Eine zierliche Person mit schulterlang gelockten, blondem Haar stand mit verschränkten Armen vor einem großen Fenster der U.S.S. Voyager und blickte verträumt nach draußen. Der Raum, in dem sie sich befand und in dem sonst so viele Stimmen und Geräusche diesen erhellten, war momentan wie verwaist. Es sollte ihr nur Recht sein, gab es ihr doch die Möglichkeit, diesen Anblick ein wenig länger in Ruhe zu genießen. Seit die Voyager den Planeten Tase erreichte, stand Kes häufiger hier und sah schweigend hinaus. Die Oberfläche von Tase wirkte von hier aus beinahe noch farbenprächtiger, als die Kleidung der Taseianer, die ihr bislang an Bord des Schiffes begegnet waren. Dieses humanoide Volk glich äußerlich sehr dem der Menschen und sie waren eine intelligente, freundliche Rasse, die begieriger auf neue Kontakte als auf die eigentlichen Tauschgeschäfte war, die der Captain mit ihnen abgeschlossen hatte. Es war keine Überraschung, dass das Oberhaupt der Taseinaner freundlich genug war, um den Captain zu einem Besuch einzuladen. Sie hatten sich prächtig verstanden. Allerdings überraschte er sie mit seiner gastfreundschaftlichen Geste, die gesamte Crew nach Narbarh zum Volksfest Paruth einzuladen. Die Begeisterung an Bord war unermesslich und Kes erinnerte sich noch zu gut an das Raunen, das nach der Verkündung von Captain Janeway durch den Raum ging, es gäbe für alle die Möglichkeit zum Landgang. Seit gestern Abend fieberten ihre Kollegen diesem Fest entgegen und das war spürbar gut für die Moral an Bord des Schiffes. Viele Gefahren hatte diese Crew seit ihrer Ankunft im Delta-Quadranten überstehen müssen, oftmals begleitet von negativen Erfahrungen und schmerzhaften Verlusten. Sie freute sich so sehr für die Crew dieses Schiffes, dass sie leise seufzte. Fast hätte sie vergessen, wo sie sich befand, doch das Klappern von Geschirr hinter sich ließ sie langsam aus ihren Träumen zurückkehren. "Ist er nicht wunderschön?", fragte Kes und blickte noch immer nach draußen. "Ähm ... was?", fragte jemand hinter dem Tresen gebückt und stellte geräuschvoll das Geschirr zurück. "Oh ... oh ja", antwortete Neelix und richtete sich auf. "Schenkst du mir den ersten Tanz?", wollte sie von ihm wissen und löste sich nach der langen Zeit endlich von dem Anblick des Planeten. "Selbstverständlich", entgegnete der Talaxianer strahlend über das ganze Gesicht und wischte seine Hände in einem Tuch ab. "Ich werde allerdings erst später nachkommen, denn ich habe hier noch zu tun." Kes lächelte ihn an. "Ich werde in Narbarh auf dich warten", sprach sie fröhlich und begab sich zum Ausgang des Casinos. "Ich muss jetzt los. Ich möchte nicht, dass sie auf mich warten." Neelix nickte. "Ja, beeile dich", meinte er verständnisvoll und blickte ihr voller Vorfreude auf den heutigen Abend nach. Nur noch ein wenig das Chaos beseitigen, dann würde er sich seinen schönsten Anzug heraussuchen und zum unwiderstehlichsten Talaxianer in diesem Quadranten verwandeln.
"Sie sind sich absolut sicher, dass Sie nicht mit zu den ersten Gruppen gehören wollen, die an dem Fest teilnehmen?" Captain Janeway hatte ihren Sicherheitsoffizier zur Seite genommen und blickte ihn fragend an. Hinter ihr, auf der Transporterplattform, standen bereits die nächsten Crewmitglieder, die darauf warteten, nach Narbarh gebeamt zu werden. "Captain", sprach Tuvok mit ernster Miene, "ich versichere Ihnen, dass die Auswertung der Analyse momentan höchste Priorität besitzt. Ich bedauere es, vorher nicht teilnehmen zu können." Schmunzelnd blickte sie zu ihm hoch, setzte jedoch umgehend wieder ein ernstes Gesicht auf. "Ganz im Vertrauen", flüsterte sie und beugte sich näher zu ihm, "der Captain könnte die Priorität sofort drastisch senken, sodass Sie nichts länger bedauern müssten." Tuvok hob eine Augenbraue an. Es lag ihm nichts daran, an diesem Fest teilzunehmen, es war für seine Belange unwichtig. "Ich weiß es sehr zu würdigen, Captain", sprach er ruhig, "aber diese Verantwortung müssen Sie nicht meinetwegen tragen." "Für Sie bin ich jede Verantwortung bereit zu tragen", war das Letzte, was sie ihm zuflüsterte und ihn dann innerlich schmunzelnd an der Konsole stehen ließ. Die Türen zum Transporterraum öffneten sich und Tom Paris eilte leger gekleidet herein. "Wunderbar", begrüßte Janeway ihn gutgelaunt und ging zusammen mit ihm auf die Plattform, "dann wären wir ja komplett. Mister Tuvok, Energie!" Der Vulkanier führte umgehend ihren Befehl aus und er sah zu, wie sich die Personen entmaterialisierten. Hörbar atmete er aus. Weshalb verstanden die Menschen denn nicht, dass er keinen Bedarf an solchen gesellschaftlichen Aktivitäten hatte? Er überließ die Konsole einem Crewman, der die nächsten Besatzungsmitglieder nach Narbarh bringen würde und zog sich für seine Analyse zurück.
Trotz der Sonnenbrille, die er sich extra für diesen Landgang repliziert hatte, kniff Tom Paris zunächst die Augen bei dem hellen Licht zusammen. Warme Luft schlug ihm entgegen, als sich die Gruppe auf Tase materialisierte. Nur gut, dass es der Crew freigestellt war, zivile Kleidung anzuziehen und er wollte sein Hawaii-Hemd um kein Latinum des Universums gegen die offizielle, festliche Uniform des Captains tauschen. "Ich freue mich, Sie auf Tase begrüßen zu dürfen", sprach Jaime, das Oberhaupt der Taseinaner und verbeugte sich vor seinen Gästen. "Captain ..." Er reichte ihr zur Begrüßung seine Hand. Janeway musterte den Einheimischen vor sich. Nein, das konnte nicht ... "Jaime?", fragte sie überwältigt von dem farbenprächtigen Glanz, den seine Haut präsentierte. Die Taseianer besaßen von Natur aus eine bunt-gefleckte Haut und einen Hang zu noch farbenreicherer Kleidung, doch selbst seine sonst so hellen Haare waren heute bunt eingefärbt und die zusätzlichen schillernden Bemalungen auf seiner Haut hätten ihn fast nicht erkennen lassen. "Es ist schön, dass Sie frühzeitiger kommen konnten", sagte er fröhlich und führte seine Gäste durch die schmalen Gassen der Stadt. "Das ist Narbarh", zeichnete er sich mit begeisterten Worten als Fremdenführer aus, "die 'Stadt der Träume'. Die Geschichte besagt, die Göttin Manassu habe sich schrecklich einsam gefühlt. Seit der Entstehung dieses Planetens herrschte sie alleine über die bunten Täler, Wälder und Meere von Tase. So kam es, dass sie eines Tages vor Langeweile nach Jahrhunderten endlich einschlief und in einen Traum fiel. In ihrem Geiste hörte sie das fröhliche Lachen von Taseianern, die diesen Ort besiedelten, und ihr Geist erschuf die Form der Einheimischen. Dieser Traum machte sie überaus glücklich und Manassu beschloss, nie wieder aufzuwachen und ihn bis zu ihrem Ende weiter zu träumen; so schenkte sie den ersten Bewohnern ihr Dasein ..." "Und wenn sie nicht gestorben ist, dann träumen wir noch heute", schoss es unüberlegt aus Toms Mund und er erntete umgehend einen scharfen Blick seines Captains. "Entschuldigung ..." Jaime schmunzelte und klopfte dem blonden Mann auf die Schulter. "Kein Problem", beruhigte er ihn, "es ist nur eine Geschichte, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Die wissenschaftliche Entstehungsgeschichte ist eine ganz andere, wie wir schon lange wissen, jedoch sollten Mythen und Traditionen aufrechterhalten und nicht vergessen werden." "Ja, Sir", entgegnete Tom zerknirscht, weil er seinen Mund nicht halten konnte. "Jaime", sprach das Oberhaupt, "nennen Sie mich einfach Jaime." Lächelnd trat er auf den Captain zu und hielt eine kurze Ansprache an seine Gäste. "Das Paruth beginnt erst in ein paar Stunden, aber Sie alle sind herzlich dazu eingeladen, bis dahin die Stadt und ihre Umgebung zu erkunden. Sollten Sie Hilfe benötigen, können Sie sich an jeden aus meinem Volk wenden. Wir werden Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich machen. Wer von Ihnen sich näher mit der Kultur dieses Planeten und dem Hintergrund des Paruths beschäftigen möchte, ist ebenfalls herzlich eingeladen, sich für seinen Aufenthalt traditionelle, festliche Kleidung der Taseianer zu borgen und nebenbei etwas über die Geschichte zu erfahren. An jedem Eingang, wo sich dieses Zeichen befindet", er deutet über sich auf ein kleines, dunkelblaues Schild mit einem rot aufgemalten Kreis und einer weißen, gezackten Linie, "wird man Sie kostenlos verschönern. Genießen Sie Ihren Aufenthalt und fühlen Sie sich wie zu Hause." Die Gruppe löste sich auf und trennte sich in die unterschiedlichsten Richtungen. "Das ist sehr nett von Ihnen, Jaime, ich weiß Ihre Gastfreundschaft sehr zu schätzen", bedankte sich Janeway bei ihm und wollte weiter des Weges gehen. "Captain", er hielt sie zurück, "bitte verstehen Sie mich nicht falsch oder betrachten es gar als Beleidigung ..." Überrascht drehte sie sich um und sah ihn an. "Ihre Uniform steht Ihnen ausgezeichnet, doch es wäre mir eine Ehre, auch Sie für das Paruth traditionell ausstatten zu dürfen", sprach er respektvoll. Janeway trat einen Schritt zur Seite und ermöglichte es einer Einheimischen, aus der sich öffnenden Tür, sich in die Gasse zu begeben. "Sie würden diesem Fest mit anderen Augen begegnen und es würde Ihnen fantastisch stehen", versuchte er sie weiter zu überzeugen. Ihr Blick ging erneut zu der Fremden, die sich ungeniert neben sie gestellt und dem Gespräch gelauscht hatte. Janeways Augen wurden vor Überraschung größer. "Kes?", fragte sie die zierliche Person. "Ja, Captain", antwortete diese fröhlich. Sehr viel länger hätte sie es nicht ausgehalten, schweigend neben ihr zu stehen. "Oh, Sie sehen zauberhaft aus, Kes", sprach Janeway und betrachtete die Ocampa. Ihre Haut glänzte ebenfalls wie die von Jaime und war nicht minder bunt verziert. Die Haare hatte sie zu einem kunstvollen Gebilde teils hochgesteckt, teils fielen einige Locken, verziert mit glitzernden Steinen, auf ihre Schulter und das grünbunte Kleid rundete den Gesamteindruck perfekt ab. "Ja, ist es nicht fantastisch, was Malia mit mir gemacht hat? Sie ist unglaublich begabt, nicht wahr?" Kes drehte sich um die eigene Achse und sprudelte vor Begeisterung fast über. "Sie müssen das unbedingt auch probieren, Captain." Janeway schmunzelte. "Die Farbe bekomme ich hinterher auch ohne Probleme wieder entfernt?", fragte sie noch unschlüssig. "Aber ja", sagte Jaime. "Sie hält zwar ausgesprochen gut, aber wenn Sie nicht zwischenzeitlich mit Seife in Berührung kommen, dann können Sie es bis zum Ende des Paruth's genießen. Danach zersetzen sich langsam die Farbpigmente von selbst und niemand würde mehr irgendwelche Rückstände sehen." Janeway blickte zwischen den beiden hin und her. Kes sah in der Tat umwerfend aus und es war eine überaus freundliche Geste ihres Gastgebers, sie mit der Tradition seines Volkes und des Festes vertraut zu machen. Diese Gelegenheit würde sich nie wieder bieten und sie war daran interessiert, mehr über dieses Volk der Taseianer zu erfahren. "Einverstanden", willigte Kathryn schließlich ein, "Sie haben mich überzeugt." Jaime und Kes lächelten sich gegenseitig erfreut an. "Ich freue mich", sprach er und führte den Captain in das Haus von Malia.
"Uuuh", stöhnte Tom Paris erschrocken auf, als die kalte Farbe auf seinem Brustkorb verteilt wurde. "Verzeihung", sagte Arasahn und massierte die zweite Grundierung in seine Haut, "wir müssen bei den Temperaturen die Farbe kühlen, denn sie trocknet sonst zu schnell." "Kein Problem ...", schluckte er, "machen Sie ruhig weiter." Tom schloss die Augen und lag regungslos auf der Liege. Nachdem er Fähnrich Murphy in einer der Gassen traf und dieser ihm überschwänglich von seiner Verwandlungsprozedur berichtete, konnte er sich nicht diesem sinnlichen Erlebnis verwehren. Das Ganzkörper-Bad legte vorab die Grundierung für die nächste Schicht, bevor schließlich die farbenprächtige Bemalung stattfinden konnte. Auf die Bemalung könnte er sogar verzichten, wenn Arasahn weiter diese Farbe mit ihren Fingern einmassieren würde, überlegte der Lieutenant und atmete tief ein.
"Wie kommen Sie voran?", fragte der Erste Offizier aus dem Sessel des Captains. "Benötigen Sie meine Unterstützung, Tuvok?" Der Vulkanier blickte von seiner Konsole kurz auf. "Das wird nicht nötig sein, Commander", lehnte er sein Angebot ab, "jedoch wird die Analyse noch ein paar Stunden meine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen." Chakotay drehte sich rasch wieder nach vorne und blickte auf sein Padd. Ein paar Stunden, wiederholte er in Gedanken die ungenaue Angabe von Tuvok und schmunzelte. Der Vulkanier schien sich offensichtlich vor lauter Vorfreude auf seinen bevorstehenden Landgang nicht richtig konzentrieren zu können - eine solche Analyse hatte er sonst binnen weniger Stunden erledigt und benötigte nicht wie heute Dreiviertel des Tages dafür. "Was ziehen Sie nachher an?", fragte er ihn weiter und presste bei der Vorstellung über Tuvoks Gesicht seine Lippen amüsiert zusammen. "Ich habe nicht vor, mich umzuziehen, Commander", antwortete Tuvok. Oh, hatte er da einen gereizten Unterton in der sonst so beherrschten Stimme des Vulkaniers vernommen? Chakotay musste ein Lachen unterdrücken. "Wenn sich Ihre Frage auf meine Einladung nach Narbarh bezieht", ergänzte Tuvok sachlich, "dann muss ich Ihnen mitteilen, dass ich einen Landgang nur in Betracht ziehe, wenn ich meine Arbeit abgeschlossen habe." "Ja, meine Frage bezog sich auf Ihren Kurzurlaub, Tuvok", schmunzelte Chakotay. Irgendwie musste es doch eine Möglichkeit geben, dem Vulkanier diesen Landurlaub schmackhaft zu machen. Jeder hier an Bord konnte es kaum erwarten, bis er endlich an der Reihe war, für ein paar Stunden festen Boden unter den Füßen zu haben. Bis auf einen ... Chakotay nahm das nächste Padd. Die ersten Crewmitglieder waren inzwischen bereits seit über 3 Stunden auf dem Planeten und er wäre garantiert jemand, der sein Dienstende heute kaum abwarten könnte. Tuvok würde er ebenfalls noch überzeugen, schwor er sich.
"Ich brauche noch etwas Schmuck", sprach Malia bei dem Anblick von Janeways Füßen und eilte geschwind in einen der Nebenräume. Kathryn nickte ihr nur zu und atmete schließlich tief durch, nachdem sie für einen Moment lang allein war. Hätte sie von Anfang an gewusst, was alles bei dieser Bemalung auf sie zukommen würde, sie hätte vorzeitig abgelehnt. Malia hatte es jedoch verstanden, dass Janeway ihr ihren Körper anvertraute und inzwischen war die Prozedur fast beendet. An ihrem Körper gab es, bis auf die Haare, keine Stelle, die nicht komplett mit Farbe überzogen war. Diese war inzwischen getrocknet und sie saß in ihrem neuen Kleid auf einem Stuhl, wartend auf die schmückende Verzierung ihrer Zehen. Ihre Haut schimmerte und fühlte sich geschmeidig glatt durch die Farbe an. Selbst ihr Rücken und andere Stellen ihres Körpers waren aufwändig verziert, auch wenn der leichte Stoff des Kleides mehr von dem Kunstwerk verhüllte, als er zu offenbaren vermochte. "Da bin ich wieder", sagte die Taseianerin fröhlich singend und kniete sich vor Janeway. "Ich hatte nicht mit einkalkuliert, dass die Menschen ein paar Zehen mehr als wir haben könnten." "Wie viele haben Sie denn?", fragte Janeway nach. "Augenblick", bat Malia und befestigte an Janeways kleinen Zeh den letzten Ring, den sie mit der Kette an ihrem Knöchel verband. Vorsichtig schob sie ihre Füße in das traditionelle Schuhwerk und stand auf. Malia hob ihr langes Kleid ein wenig an und streckte Janeway ihren linken Fuß entgegen. Interessiert begutachtete sie die hübschen Zehen von Malia, die wesentlich größer als ihre eigenen waren, dafür zierten jedoch nur drei Stück ihren Fuß. "Sie sind eine wahre Künstlerin", lobte Janeway sie für ihr Werk. "Kommen Sie mit", meinte Malia aufgeregt, nahm ihren Fuß zurück und ergriff Janeway bei der Hand. Gemeinsam gingen sie nach nebenan und stellten sich vor einen großen Spiegel. Fassungslos betrachtete sich Kathryn mit offenem Mund. Ihr Blick ging von Malia zu sich selbst und wieder zurück. Sie sah einer Taseianerin täuschend ähnlich. "Sie haben außerordentliche Arbeit geleistet, Malia", bedankte sie sich herzlich. "Es war mir ein Vergnügen", lächelte Malia und umarmte die Frau neben sich. "Ich freue mich, Sie später auf dem Fest zu treffen", sagte sie zum Abschied. "Ihre Kleidung werde ich gut für Sie verwahren." "Vielen Dank", sprach Kathryn und ließ sich von ihr zur Tür begleiten. Sie war gespannt, wen sie von ihrer Crew noch alles kaum wieder erkennen würde und betrat die Gasse vor dem Haus. Leise Musik war bereits zu hören und fröhliches Gelächter der Einheimischen, die die Straße mit Girlanden schmückten. Es versprach ein wundervoller Landgang zu werden.
Das Zischen der Turbolifttüren ließ Chakotay von seinem Padd hochschrecken. War es tatsächlich schon so spät? Zuerst, als er von Janeway die Brücke übernahm, wollte die Zeit überhaupt nicht vergehen, zu sehr dachte er an den bevorstehenden Landgang, und jetzt türmten sich zu seinen Füßen einige Padds, die er während des ereignislosen Tages durchgearbeitet hatte. Fähnrich Jenkins steuerte direkt auf ihn zu. In der Tat, es war schon spät. "Commander", begrüßte sie ihn höflich mit einem Kopfnicken, "bereit, Sie für Ihren Landgang abzulösen." Chakotay erhob sich, legte die Padds schnell zur Seite und überließ ihr seinen Platz. Ein Blick über seine Schulter sagte ihm, dass der Vulkanier noch immer eifrig an seiner Analyse arbeitete. "Tuvok, wir sehen uns nachher im Transporterraum", neckte er ihn freundlich, bevor er die Brücke verlassen wollte. "Commander", erwiderte Tuvok mit hochernster Miene, "Sie werden auf meine Anwesenheit verzichten müssen, es sei denn, Sie wünschen, dass ich Sie persönlich nach Tase beame." Jenkins und der Commander tauschten einen ratlosen Blick. "Ich würde mir das nicht entgehen lassen, wenn meine Schicht bereits beendet wäre", mischte sie sich mit leisen Worten ein. "Fähnrich Jenkins", erhob der Vulkanier belehrend seine Stimme, "wie Ihnen durch Ihre kurze Anwesenheit auf der Brücke entgangen sein mag, arbeitete ich an der Auswertung einer Analyse der Prioritätsstufe 2. Bislang vermochte ich diese nicht abzuschließen und ziehe es daher vor, mein Dienstende vorerst auf der Brücke zu verbringen." Chakotays Mundwinkel zuckten. Es hatte keinen Sinn, einen Vulkanier von seiner festgesetzten Meinung abzubringen. Jenkins tat ihm leid, aber selbst er hatte in den letzten Stunden die harte Schale von Tuvok nicht einmal ankratzen können. Achselzuckend gab er es auf und verließ die Brücke. Jenkins seufzte und setzte sich. Wie schön wäre es doch, wenn ihre Schicht sich bald dem Ende nähern würde.
Allmählich umhüllte die Dunkelheit die Stadt Narbarh und die Luft kühlte sich ein wenig ab. Janeway stand am Rande des großen Platzes, auf dem sich das gesamte Dorf versammelt zu haben schien. Bunte Lichter erhellten den Ort und laute Musik erklang, während die Taseianer eifrig dazu mitsangen und tanzten. Sie leerte den Rest des taseianischen Weins und stellte das Glas auf dem Tresen der Theke ab. Müde suchte sie sich einen Weg durch die vielen Personen. Sie war lange genug auf den Beinen und ihre Füße schmerzten von den vielen, bewegungsreichen Tänzen, vor denen sie nur selten entkam. Es war ein wunderschöner Nachmittag und Abend, den sie hier verbringen durfte, aber nun war es an der Zeit, zurück auf ihr Schiff zu gelangen, damit sie etwas Schlaf bekam und am nächsten Morgen für jemanden aus ihrer Crew die Schicht übernehmen könnte. Jemand fasste sie von hinten an ihrer Hand und bevor sie sich versah, wurde sie herumgedreht und landete, mit dem Oberkörper nach hinten übergebeugt, in den Armen eines gutaussehenden Einheimischen. "Tar djem narbarh, mehnim dja narbarh", sprach er hingebungsvoll und blickte ihr tief in die Augen. "Wie bitte?" Verwirrt über die Tatsache, dass er sie wie bei einem der Tänze hielt und darüber, dass er diesen Überfall überhaupt wagte, blickte sie noch viel irritierter zu ihrem Communicator, dessen Universaltranslator sich nicht minder geschockt fühlte und seinen Dienst verweigerte. "Ich verstehe Sie nicht." Der Mann lächelte sie an. "Tar djem narbarh, die Stadt der Träume", übersetzte er strahlend, "mehnim dja narbarh, die Frau meiner Träume", und brachte sie langsam wieder in eine aufrechte Haltung. "Ihre Sprache stellt kein Problem für uns dar, wir sind linguistisch sehr begabt", sprach er weiter, nachdem die Frau vor ihm offenbar nach Worten suchte. "Mein Name ist Ciaron", verbeugend stellte er sich vor. "Würden Sie mir meinen Traum erfüllen und mir diesen Tanz schenken?" "Ich ..." Janeway suchte nach den geeigneten Worten, die ihm erklären würden, dass sie müde sei, ihre Füße schmerzten und sie in wenigen Stunden wieder die Verantwortung für ein Sternenflottenschiff tragen und daher leider ablehnen musste. Doch was tat dieser Ciaron? Zu seinem bittenden Blick sank er jetzt auch noch vor ihr auf die Knie, ergriff ihre Hand und hauchte einen angedeuteten Kuss auf die Oberseite. "Es ist wirklich ..." Oh, sie hätte ihn erschlagen können, denn inzwischen zog sein Verhalten bereits die ersten Blicke der umstehenden Personen auf sie. "Stehen Sie um Himmelswillen auf!", befahl sie ihm flüsternd. "Aber nur diesen einen Tanz, denn es ist schon spät." "Mehnim dja narbarh!", rief er freudig und sprang auf. "Mehnim dja narbarh!" Verlegen lächelte sie den Bewohnern um sich herum zu, bevor er sie schwungvoll in seine Arme schloss. "Kathryn Janeway", stellte sie sich vor und hoffte inständig, dass er seine Anrede zügig ändern würde.
"So allein, schöne Frau?" Tom schwankte zu einem Tresen und setzte sich auf einen Hocker. "Gestatten Sie, dass ich Sie zu einem Drink einlade?" Seine Zunge war durstig und so trank er noch einen Schluck aus seinem großen Glas. Die Taseianerin blickte irritiert zu ihrer Freundin neben sich und wandte sich dann an dem Fremden. "Wie mir scheint, haben Sie bereits genug für heute getrunken." "Gar nicht wahr", protestierte er mit lallender Stimme. "Komm", flüsterte die Frau ihrer Nachbarin zu und beide entfernten sich hastig von der Theke. "Ich weiß gar nicht, was die haben!", murrte er in die Richtung des Mannes zu seiner Linken und unterdrückte einen Schluckauf. Der Taseianer rümpfte von dem Alkoholgeruch ein wenig seine Nase und zog es vor, seine Konversation zur anderen Seite nicht stören zu lassen. "Oh Mann", bemitleidete sich Paris selbst und stütze seine Ellenbogen auf den Tresen, "keiner liebt mich."
"Neelix", rief Kes nach dem Talaxianer, "das musst du unbedingt kosten." Sie befand sich vor einem kleinen Verkaufsstand und deutete mit einer Fingerbewegung zu der einheimischen Verkäuferin auf die olivfarbenen Kügelchen hin, um sich davon eine weitere Portion zu bestellen. "Was ist das?", fragte er neugierig und blickte auf den kleinen Teller, den sie in der Hand hielt. "Taseianische Kumpras", sagte sie geheimnisvoll und steckte dem Talaxianer einen in den Mund. "Hmmm", vorsichtig ließ der den Geschmack auf seiner Zunge zergehen, "mhmm ...", fügte er hinzu, bevor er die harte Schale zerbiss und an die Flüssigkeit gelangte. "Oh ... wundervoll, Liebste. Es schmeckt nach ... nach ... könnte ich bitte noch eines bekommen?" Kes lachte. "Aber gerne doch", antwortete sie und gab ihm ein weiteres Kumpra. Es schmeckte ihm sichtbar. Sie war erfreut. "Mhmm ... zunächst dieser herbe, rauchige Geschmack", analysierte er, "dann wird es nussig ..." Es knackte, als er die Schale zerbiss. "Und jetzt ist es süß wie Honig." Neelix strahlte über das ganze Gesicht. "Das schmeck ausgezeichnet, Kes", lobte er ihre gute Wahl. "Ich werde morgen davon einige Kilo einkaufen. Das muss ich der Crew an Bord servieren. Du bist fantastisch!" Überschwänglich drückte er ihr einen Kuss auf und ließ sich weiter von ihr mit der Delikatesse füttern.
Janeway schlenderte den Weg entlang, der sie von den vielen Personen entfernte. Sie hatte es geschafft und Ciaron nur einen einzigen Tanz gestattet. Ihr war es gelungen, sich endlich zu entfernen und ein paar besinnliche, letzte Minuten auf diesem Planeten in Einsamkeit zu verbringen, bevor sie sich wieder an Bord bringen lassen würde. Kathryn entdeckte eine Bank und setzte sich. Rasch zog sie sich ihre Schuhe aus, denn länger würde sie dieses Schuhwerk an ihren Füßen nicht ertragen. Dreiviertel der Besatzung befand sich im Wechsel seit heute Nachmittag auf dem Planeten und jeder, der wollte, wurde entsprechend den Ritualen mit taseianischer Kleidung und der Bemalung versehen. Janeway schmunzelte bei dem Gedanken an Tuvok. Wie hätte er wohl während der Bemalungszeremonie reagiert? Kathryn streckte ihre Füße auf dem kühlen Boden aus. Ein paar Minuten wollte sie noch hier verweilen.
Lieutenant Ayala befand sich im Transporterraum und begutachtete die beiden Personen vor sich. "Unsere Neuzugänge von Tase sind angekommen. Es handelt sich hierbei um einen Mann und eine Frau, die uns die versprochene Sternenkarte über diesen Sektor mitgebracht haben. Möchten Sie sofort mit ihnen sprechen, Sir?", fragte er seinen Gesprächspartner via Interkom. "Das hat Zeit", antwortete Chakotay. "Weisen Sie den beiden jeweils ein Quartier zu und machen Sie sie mit dem Schiff vertraut. Wir setzen uns morgen früh zusammen und besprechen alles weitere. Chakotay , Ende." Für ein "Aye, Sir." war es zu spät und Ayala deutete den Taseianern mit einem stummen Wink, durch die Tür hinaus in den Korridor zu treten. Wie gerne hätte er diese Aufgabe einem anderen Crewmitglied überlassen, denn er war nicht überaus redselig. Man könnte diesen Rundgang durchs Schiff mit der Erzählung von interessanten Begebenheiten schmücken, doch dafür war er nicht die richtige Person. "Folgen Sie mir bitte hier entlang", bat er freundlich und überholte die beiden auf dem Korridor.
Tuvok hatte vor einer Stunde das Kommando über die Brücke von Fähnrich Jenkins übernommen, die unbedingt die letzten Stunden des Tages mit Harry auf Tase verbringen wollte. Freiwillig bot er ihr dieses an, als er sie mit einem lauten Seufzer davon reden hörte, wie gut er, Tuvok, es doch hätte, da er seine Freizeit sofort für das Fest nutzen könne. Es war Tuvok absolut unverständlich, wie seine Crewmitglieder an den Bräuchen dieses Festes Gefallen finden konnten. Diese Maskerade befand er für überflüssig, der Gesang und die Tänze waren derart simpel, dass sie ihm nach Studieren der übermittelten Daten nicht auch noch in Natura dargeboten werden mussten. "Fähnrich Celes", sprach er die junge Frau an der OPS an, "starten Sie die Subroutine Gamma 3. Meine Anzeige hat eine Fluktuation von einer Nanosekunde in Sektion 29 festgestellt." Tal Celes zuckte zusammen, als ihr Vorgesetzter sie beim Namen nannte. "Aye, Sir", sprach sie hektisch und betätigte zögernd eine Tastenkombination auf ihrer Konsole. Subroutine Gamma 3, überlegte sie, eine Fluktuation? Warum musste so etwas ständig passieren, wenn sie Harry vertrat? Wenigstens kam das selten genug vor, aber heute waren fast alle auf dem Planeten. "Subroutine läuft", meldete sie beinahe flüsternd, "geschätzte Dauer etwa 9 Minuten." Der Vulkanier nickte stumm und nahm im Sessel des Captains seinen Platz ein. Jede Fluktuation war besser, als an dieser Feier teilnehmen zu müssen.
Captain Janeway materialisierte sich auf der Plattform des Transporterraumes Eins. Seufzend stellte sie während der ersten Schritte durch den Raum fest, dass sie ihre Schuhe neben der Bank auf Tase vergessen hatte. Es war zwar nicht angemessen für einen Captain, ohne Schuhe durch die Korridore zu gehen, aber es machte heute Abend nichts aus, denn ihre angeschwollenen Füße hätten nicht mehr in die taseianische Fußbekleidung gepasst. Da sie alleine war, durfte sie ungestraft herzhaft gähnen. Müde verließ sie den Raum und begab sich durch den Korridor zum nächsten Turbolift. Sollte sie Tuvok einen Besuch abstatten und ihm ein wenig Gesellschaft leisten, indem sie die junge Frau, die sie gerade an Bord gebeamt hatte, ablösen würde? Für eine Ablösung war sie definitiv zu müde, bemerkte Janeway zähneknirschend, aber für ein paar Minuten Konversation mit ihrem alten Freund Tuvok würde es heute noch ausreichen. Wenn sie ihn nur überzeugen könnte, wie viel Spaß solche Feste bereiten, dann würde er morgen vielleicht die Chance nutzen, um nach Narbarh zu reisen. "Welcher Vulkanier versteht schon Spaß?", murmelte sie leise zu sich selbst und machte im selben Moment unfreiwillig drei große Schritte nach vorne, als sie letztendlich doch mit dem langen Kleid stolperte und den Korridor entlang rutschte. Das Schiff taumelte, die Stabilisatoren mussten kurz außer Funktion geraten sein, stellte Janeway erschrocken fest und stand vom Boden auf. Jetzt war sie so wach, dass sie sogar die Schicht von Fähnrich Celes übernehmen könnte. Sie musste umgehend auf die Brücke.
Kapitel 2 folgt in Kürze




