
"Deck 5", sprach Seska zum Turboblift und verschränkte fröstelnd die Arme vor ihrem Oberkörper. Ihre Schicht war inzwischen beendet und Chakotay hatte sich einmal bei ihr per Interkom auf der Brücke gemeldet, um die neue Kursrichtung anzuordnen, die mit Culluh besprochen war. Sie wollte ein Wort des Bedauerns über den Verlust von Janeway gegenüber Chakotay äußern, plagte sie doch seit ihrem Eintreffen auf der Krankenstation ein schlechtes Gewissen, hierfür verantwortlich zu sein, doch der Captain hatte ihr keine Gelegenheit dazu gelassen, sondern ihr wortkarg weiterhin das Kommando über die Brücke überlassen, bis Ayala sie ablöste. Zunächst hatte sie sich schuldig und fast ein wenig hilflos gefühlt, Chakotay derart getroffen zu sehen, doch nach all den Stunden keimte nur weitere Wut in ihr auf. Was war zwischen ihm und dieser Janeway gewesen, das ihn auf diese Weise die Beherrschung verlieren ließ? Seska fühlte sich zutiefst in ihren Gefühlen verletzt und betrogen. Sie hatte das Richtige getan. Eines Tages würde selbst Chakotay ihr dafür dankbar sein, das wusste sie, dass diese Janeway nicht mehr lebte. Schweigend betrat sie den Korridor zur Krankenstation. Chakotay hatte keinen ihrer Kommunikationsgesuche angenommen und sie hatte diesen Weg mit ihm zu reden inzwischen verworfen. Sie musste ihn persönlich sprechen, ihn jetzt in dieser schweren Zeit beistehen, um ihre Position an seiner Seite wieder zu festigen. Der Schiffscomputer hatte ihr mitgeteilt, dass Chakotay sich weiterhin auf der Krankenstation befand. Hoffentlich geht es ihm gut, dachte sie. Ihn hatte sie niemals verletzen wollen, nicht auf diese Weise. Die Türen öffneten sich automatisch und nach wenigen Sekunden hörte sie einen altbekannten Satz: "Bitte nennen Sie die Art des medizinischen Notfalls." Erfreut schaute der Doctor zum Fähnrich, hatte er diesmal gleich zu Beginn in die richtige Richtung geblickt. Seska sah sich um und antwortete erst zögernd, denn sie war allein, abgesehen von diesem holographischen Etwas. "Wo ist der Captain?" Der Doctor zuckte mit den Schultern. "Was fragen Sie mich?", lautete seine Gegenfrage, wobei er ihren respektlosen Tonfall imitierte. "Der Captain hat bereits vor Stunden die Krankenstation verlassen." "Das ist nicht wahr!", fuhr sie ihn an und schritt weiter durch den Raum. "Vor ein paar Minuten war er noch hier!", untermauerte sie die Auskunft des Schiffscomputers von vorhin. "Also schön ...", lenkte sie murrend ein, "wann ist er genau gegangen und wohin?" Ein weiteres Mal hob der Doctor seine Schultern an und setzte einen unwissenden Gesichtsausdruck auf.
Seit Stunden bot ihnen dieses kleine Quartier eine sichere Zuflucht. Chakotay wusste nicht mehr, wie lange er neben Kathryn saß, in einer Hand den Injektor fest umklammert, und sie nur angesehen hatte. Irgendwann konnte er nicht länger auf ihre blutbefleckte Kleidung starren, sondern ließ sie kurz alleine und besorgte ihr neue. Behutsam hatte er ihren Oberkörper aufgerichtet und als er sich dem bewusst wurde, dass er sie zu entkleiden beabsichtigte, stoppte er umgehend dieses Vorhaben und verharrte in dieser Position mit ihr. Bislang hatte er es nicht gewagt, sie aufzuwecken, und so ruhte ihr Kopf mit geschlossenen Augen an seiner Schulter, während er seinen anlehnte und an ihrem Haar roch. Sie war warm, ihre Haut am Rücken fühlte sich geschmeidig an und es war für ihn eine Wohltat, ihren Herzschlag an seiner Brust zu spüren. Er hatte sie nicht verloren. Chakotay atmete aus und legte sie wieder hin. Er würde sie unter dem Einsatz seines eigenen Lebens beschützen und zurück zu ihrem Schiff, in ihr Universum bringen ... um sie somit auf eine andere Art zu verlieren. Chakotay griff nach dem Injektor und setzte ihn an Janeways Hals. Weshalb konnte es sich bei ihr nicht um eine Taseianerin handeln, oder um einen 'normalen' Menschen, keinen Sternenflotten-Captain aus einem Parallel-Universum? Würde er sie überzeugen können, sein Schiff nicht zu verlassen, gemeinsam mit ihm den Rest des Weges zu gehen? Wie er sie einschätzte wäre sie kaum bereit, ihre Crew und ihr Schiff aufzugeben. Er musste sich damit abfinden, dass es keine gemeinsame Zukunft geben würde und dieser Gedanke schnürte ihm die Kehle zu. Weshalb besaß er diese Gefühle ihr gegenüber? Es war alles so unwirklich und unlogisch. Vorsichtig entlud Chakotay den Injektor und beobachtete sie, wie sie langsam ihre Augen aufschlug. "Wir haben es geschafft?", fragte sie mit rauer Stimme, als sie in sein Gesicht blickte. "Wir haben es geschafft", erwiderte Chakotay mit einem Lächeln, "vorerst." Verwundert sah sie in seine dunklen Augen, die seinem fröhlichen Gesichtsausdruck den unbeschwerten Ausdruck nahmen, und sie spürte seine Hand nach ihrer greifen. "Was meinen Sie mit 'vorerst'?", wollte sie von ihm wissen. "Wir beide spielen Verstecken mit der Crew", erzählte er ernst. "Culluh ist zum Glück von Bord und ich konnte eine leichte Kursänderung befehlen, die uns in den nächsten Wochen zurück nach Tase bringen wird." Chakotay sah in ihrem Gesichtsausdruck, dass sie sich wunderte. "Ich kann keinen direkten Kurs setzen", erklärte er, "jeder an Bord hält Sie für tot und die Kazon können sich keine weiteren Leute mehr von Tase erhoffen. Ich habe die notwendigen Vorkehrungen getroffen, dass man Sie hier in diesem Raum nicht orten kann und wohl oder übel müssen Sie sich bis zur Rückkehr hier verstecken. Ich weiß nicht, wen ich an Bord meines Schiffes uneingeschränkt vertrauen kann, außer dem Doctor." Kathryn blickte sich nachdenklich um. Die nächsten Wochen sollte sie hier verbringen? Vollkommen abgeschieden, ohne Kontakt zu anderen Personen? Das würde sie auf eine harte Probe stellen. "Mir können Sie vertrauen", sagte sie knapp und richtete sich auf. Chakotay nickte. "Ich sollte besser gehen", meinte er leise, denn er hatte ihren Atem in seinem Gesicht gespürt, als sie zu ihm sprach und dieses brachte sein Herz dazu, schneller zu schlagen. "Bleiben Sie", bat Kathryn flüsternd, bevor ihr bewusst wurde, was sie eben geäußert hatte.
"Captain Janeway wurde bereits von Captain Chakotay dem Weltraum übergeben", berichtete der Doctor und sortierte nebenbei seine medizinischen Instrumente. "Captain Janeway?", hakte Seska nach. "Diese Person hat nie diesen Rang besessen, also nennen Sie sie nicht Captain!" Dem MHN juckte es förmlich in seinen holographischen Fingerspitzen, Seska zu belehren. Empört drehte er sich zu ihr und öffnete seinen Mund, doch rasch schloss er diesen wieder, denn er hatte es sich anders überlegt. Diesen Fähnrich konnte man mit Worten nicht eines Besseren belehren - das war reine Zeitverschwendung. "Woran ist sie gestorben?", wollte die Bajoranerin neugierig wissen. "Musste sie leiden?" Der Doctor wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte, der ihm eine holographische Gänsehaut bescheren würde, wenn sein Programm danach ausgelegt worden wäre. "Hat sie um Gnade gefleht und ihr Verhalten bereut?" Seska lächelte bei dieser Vorstellung. Angewidert verzog das MHN sein Gesicht. "Bei Ihrem Verhalten sollte ich dringend einen medizinischen Check bei Ihnen vornehmen, Fähnrich!", gab er einzig und allein zur Auskunft. Jetzt war es Seska, die mit den Schultern zuckte. "Ich bekomme meine Informationen ganz bestimmt, Doctor", schmunzelte sie über ihn. "Computer: MHN deaktivieren!" Ein zum Protest geöffneter Mund des Doctors war das Letzte, was sie von ihm sah. Kopfschüttelnd über dieses eigensinnige Programm ging sie zur Konsole und verschaffte sich Zugriff auf den Schiffscomputer.
"Gerron", rief Mariah Henley dem jungen Bajoraner zu und winkte ihn zu sich und den anderen an den großen Tisch. Sie selbst war erst vor ein paar Minuten hier auf dem Holodeck eingetroffen und konnte es kaum erwarten, die soeben gehörten Neuigkeiten weiter zu verbreiten. "Hast du schon gehört? Diese Janeway ist tot." Mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck setzte sich der Bajoraner zu den anderen und erntete ein entschuldigendes Achselzucken von B'Elanna. "Mariah, ich war es, der ihren Abgang auf der Krankenstation miterlebt hat", erwiderte er möglichst ruhig. "Oh", entgegnete Henley und nahm einen weiteren Schluck von dem Wein. Die letzten Stunden kursierten die Gerüchte, aber sein Name war nicht in dem Zusammenhang mit Janeway gefallen - glaubte sie jedenfalls. "Tja, eine Person weniger", warf Bendera nachdenklich ein, "abgesehen von den anderen, die uns dank der Kazon fehlen." Torres stützte ihren Kopf in den Handflächen ab. "Wir brauchen gutes Personal ... Diese Janeway machte einen halbwegs intelligenten Eindruck. Vielleicht hätte man sie eines Tages in unsere Crew integrieren können?" "Ja, wir hätten bestimmt noch eine Menge Spaß zusammen gehabt", grinste Suder und griff nach einer Gebäckstange. B'Elanna brummte. Eine solche Bemerkung konnte auch nur von Lon stammen. "Ich meinte es ernst, Suder!" Erstaunt blickte Lon Suder zu der Halbklingonin. "Ich auch", beteuerte er ehrlich und ließ es sich schmecken. Torres schüttelte ihren Kopf. "Fakt ist, dass die Besatzung zu klein ist. Genau genommen, dürften wir uns hier überhaupt nicht treffen, sondern müssten rund um die Uhr arbeiten." Die Gruppe um B'Elanna murmelte zustimmend und alle nickten bestätigend. "Es ist ein Wunder, wie wir überhaupt so lange das Schiff instand halten konnten", sagte Mariah nachdenklich. "Wir haben unsere Technologie geteilt, stellen den Kazon wertvolles, qualifiziertes Personal für ihre Zwecke zur Verfügung", mischte sich Dalby ins Gespräch, "und was bekommen wir dafür?" "Unser Leben", beantwortete Henley seine Frage. "Aber was ist das für ein Leben?", warf Gerron die nächste Frage in die Runde. "Im Grunde sind wir Gefangene, die ein paar Annehmlichkeiten, wie zum Beispiel neue Waren, gestellt bekommen. Mehr sind wir nicht. Gefangene ... Ich bin es leid, mein Leben so zu verbringen." "Wir haben unser Schicksal selbst in der Hand", erhob Seska ihre Stimme, die unbemerkt von den anderen seit ein paar Minuten das Gespräch mit angehört hatte. Lächelnd stellte sie fest, dass alle sich erstaunt über ihre Anwesenheit zu ihr umdrehten und sie genoss es, im Mittelpunkt zu stehen. "Ihr habt Recht, so ist es kein Leben", geschickt benutzte sie Gerrons Worte als Stimme der Allgemeinheit. "Wer sagt denn, dass es ewig so weitergehen muss?" "Macht Platz für die Muse der Nacht", sagte Lon zu den anderen und rückte ebenfalls ein Stückchen auf der Bank zur Seite, damit Seska sich setzen könnte. "Keine Frage, wir bräuchten viele neue Crewmitglieder", erzählte Seska weiter und nahm ihren Platz ein. "Und was dann?", warf Kurt Bendera skeptisch ein. "Bei der nächsten Gelegenheit nehmen uns die Kazon sie wieder ab." "Das dürfen wir nicht zulassen", sprach Seska gelassen. Mit diesem Einwand hatte sie gerechnet. "Was sagt der Captain dazu?", wollte Torres wissen. "Er wird sich kaum gegen unsere Retter wenden. Wo ist er überhaupt?" Seska wusste nicht, wo Chakotay steckte. Ganze zwei Stunden hatte sie in der Krankenstation verbracht, doch sie konnte ihn nicht finden. Er musste sich an dem Computer zu schaffen gemacht haben, wie sie festgestellt hatte, doch nicht alles von Interesse hatte er beseitigen können - an das Programm des Doctors schien er nicht gedacht zu haben. "Selbst wenn er sich nicht gegen die Kazon auflehnt", sagte die Bajoranerin, "was durchaus der Fall sein könnte, nachdem man ihm sein liebstes Spielzeug genommen ..." Kurz schluckte sie die Wut über diese Tatsache, dass Chakotay jetzt nicht bei ihr war, sondern die Fremde ihr vorzog, hinunter. Ihre Rache würde folgen. "Wenn die Crew groß genug ist, wenn wir alle zusammenhalten, dann schaffen wir gemeinsam den Weg aus der 'Gefangenschaft'. Dieses Schiff ist mächtig ..." "Aber nicht mächtig genug, um gegen mehrere Kazon zu kämpfen, nachdem wir die Technologie mit ihnen geteilt haben", erhob B'Elanna Einspruch. Seska lächelte ihre Freundin an. "Aber mit einem zweiten Schiff dieser Klasse, wäre alles möglich, nicht wahr?" Verwundert blickten sich alle in der Runde an und schließlich richteten sich die Blicke auf die Bajoranerin, die geheimnisvoll strahlte. "Vertraut mir, ich führe euch hier raus", versprach sie.




