
Kathryn schreckte hoch. "Computer: Licht!", rief sie ins Dunkel, bis sie langsam Abstand von dem Traum erlangte und realisierte, wo sie sich befand. Es wurde nicht hell. Janeway griff neben sich auf dem Fußboden nach der Taschenlampe und schaltete diese ein. Wie spät war es? Das kleine Licht huschte gespenstisch über den Boden, bis sie den kleinen Schalter neben der Tür entdeckte, wo sie von Hand für mehr Licht sorgen konnte. Sie stand auf, betätigte den Schalter und kniff zunächst die Augen zusammen. Es war stickig, die Luft war zum Schneiden. Kathryn ging zurück zu ihrem Schlafplatz und setzte sich auf den Fußboden. Sie hatte geschwitzt, ihr kurzärmliges Shirt war durchnässt. Rasch griff sie nach der Kanne mit Kaffee und schenkte sich etwas in den Becher, sie war am verdursten. Die Umweltkontrollen funktionierten in diesem Bereich des Schiffes nur bedingt, teilweise waren sie sogar außer Betrieb, um wertvolle Energie zu sparen. Hastig trank sie einen Schluck und atmete tief die warme Luft ein. Sie wusste nicht, auf welchem Deck sie sich befand. Vor ihr standen ein paar Lebensmittel und kalte Getränke, die sich inzwischen der Umgebungstemperatur angepasst haben dürften. Wie gerne hätte sie in diesem Augenblick kalt geduscht, doch das wäre nur alle paar Tage, unter einem nicht zu verachtenden Risiko, möglich, hatte Chakotay ihr gesagt. Sie nahm ihre langen Haare und machte einen Knoten hinein, um wenigstens etwas Abkühlung zu erreichen. Bevor er sie gestern Nacht endgültig verlassen hatte, brachte Chakotay auf ihren Wunsch hin einige Padds vorbei, über dessen Analysen sie arbeiten könnte. Jedoch vermochte sie sich nicht daran zu erinnern, das Licht ausgeschaltet zu haben. "Jetzt bin ich dir vollkommen ausgeliefert", sprach sie gestern zu Chakotay, "und ich gebe zu, dass mir diese Tatsache nicht gefällt. Was ist, wenn ich dringend hier raus muss, oder wenn sich ein Notfall auf diesem Deck ereignet? Du bist der Einzige, der weiß, dass ich hier bin." Den Code, um die Türen zu öffnen, hatte er ihr daraufhin nicht genannt, doch er versicherte Kathryn, dass er für einen Notfall weitere Vorkehrungen getroffen habe. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und krempelte das nächste Hosenbein bis über die Knie hoch. Der Schnitt der Hose war praktisch, selbst wenn sie beinahe mit dem Gedanken spielte, sich gänzlich der Kleidung zu entledigen. Wie spät war es? Kathryn ergriff eines der Padds, über dem sie eingeschlafen sein musste. Das war ein Bericht über das infizierte Gelpack. Nein, dieses Padd hatte sie bislang nicht in ihren Händen gehalten. Kathryn drehte sich abrupt um. Hinter ihr, in der angrenzenden Nische, hatte es leise geknackt. Vorsichtig erhob sie sich und schlich auf Zehenspitzen durch den winzigen Raum. Sie hielt den Atem an und lauschte erneut. Nein, es war nichts mehr zu hören, sie musste sich getäuscht haben. Langsam beugte sie ihren Oberkörper um die Ecke. Kathryn atmete erleichtert aus. Neben der provisorischen Toilette stand lediglich der Behälter mit etwas Wasser, damit sie sich zwischendurch ein wenig frisch machen konnte. Das Handtuch musste der Übeltäter für den leichten Schreck gewesen sein, denn es hatte sich von der Halterung an der Wand gelöst und lag jetzt auf dem Boden. Sie schmunzelte über sich selbst, hob es auf und befestigte es wieder an seinem ursprünglichen Platz. Erneut bückte sie sich zu dem Wasser und benetzte mit der angewärmten Flüssigkeit ihr Gesicht. Eine weitere Tasse Kaffee würde ihr gut tun, beschloss sie und begab sich zurück. Sie setzte sich und wollte gerade die Kanne ergreifen, als Kopfschmerzen ihre Schläfe zum Pochen brachten. Janeway verzog das Gesicht und sie schirmte ihre Augen vor dem Licht ab. Freiwillig brachte sie ihren Körper in eine wagerechte Position, um den stärker werdenden Schmerz in ihrem Kopf zu lindern.
"Seska?", fragte Chakotay, nachdem der Fähnrich nicht auf seine Frage reagierte. Hastig schaltete sie das kleine Gerät aus und ließ es unauffällig in ihrer Uniform verschwinden. "Captain?" Sie blickte von ihrer Konsole auf und erntete einen kritischen Blick von dem Indianer. "Wie weit ist es bis zum Planeten?", wiederholte er seine Frage von vorhin. Die Bajoranerin las eilig die Anzeigen ab. "Bei der derzeitigen Geschwindigkeit erreichen wir den Planeten in 37 Stunden, jedoch könnten wir durch eine leichte Kursänderung fast 20 Stunden sparen." Der Captain runzelte fragend die Stirn. "Was schlägst du vor?" "Würden wir den Kurs auf 37.901 wechseln, kämen wir ohne Umwege direkt nach Beenu X", sprach Seska und ihr Finger folgte dem vorgeschlagenen Kurs auf ihrem Display. Chakotay trat neben sie und verfolgte kopfschüttelnd ihren Kurs. "Nein, auf gar keinen Fall", erwiderte er schärfer als beabsichtigt. "Das ist das Gebiet der Xaurim und was die Kazon von denen erzählten ... Nein, diese paar Stunden sind das Risiko nicht wert." Er entfernte sich und ging zurück zu seinem Sessel. Wenn sie Beenu X doch schon hinter sich hätten, doch diesen Planeten musste er auf der Rückreise nach Tase mitnehmen, sonst würde zu früh der Verdacht aufkommen, weshalb er diese Kursänderung vorgenommen hatte. Bis dahin müsste er nur dafür Sorge tragen, dass Kathryn es in diesem Versteck aushielt. Der Raum, in dem sie sich befand, war nicht als Quartier ausgelegt, jedoch war es das beste Versteck auf dem Schiff, das er ihr bieten konnte. Mit Vorsicht und eisernen Willen würden sie die Situation irgendwie meistern.
Es war einige Zeit vergangen, seitdem Seska Chakotay den Vorschlag durch das Xaurim-Gebiet zu fliegen unterbreitet hatte. Mehrmals hatte sie unter verschiedenen Vorwänden versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Es wollte ihr nicht gelingen. Nicht einmal dann, als sie sich kurzfristig alleine auf der Brücke befanden, gab es ein Wort mehr als nötig. Diese Tatsache machte Seska nur noch wütender und diese Wut wandelte sich immer mehr zum Hass. Sie hasste diese Frau, die ihr Glück zerstörte, die dafür verantwortlich war, dass sie sich noch länger den Kazon ergeben mussten. Ein Gutes hatte ihre Ankunft jedoch, denn es ließ sich Kapital daraus schlagen, welches bald die Freiheit für dieses Schiff bedeuten würde. Sie hatte viele Freunde auf der Voyager, die begeistert ihren Zielen folgen würden. Ob sie diese gemeinsam mit Chakotay erreichen würde, das sollte sich zeigen. Entweder mit oder ohne ihn. Seska räusperte sich und setzte sich gerade vor ihrem Computer hin. Perfekt hatte sie es verstanden, eine gesundheitliche Beeinträchtigung ihrerseits dem Captain vorzutäuschen, der sie daraufhin frühzeitig ihren Dienst beenden ließ. Mit ihrem Geschick, das MHN eine Diagnose erstellen zu lassen, die sie vorerst von ihren Verpflichtungen entband, war das überaus einfach. Ebenfalls war es unnötig, dass sie die Zeit ihrer Genesung auf der Krankenstation verbrachte - sie musste sich nur schonen und das konnte sie auch in ihrem Quartier. Die getarnte Frequenz stand. Seska holte noch einmal tief Luft. "Hier spricht Fähnrich Seska. Ich möchte Maje Culluh sprechen." Unbeeindruckt blickte der Kazon sie über das Display an. "Sagen Sie, was Sie wollen und ich leite die Botschaft weiter." "Nein!" Seska versuchte sich zu beruhigen und sprach in einem zunächst leisen Tonfall weiter. "Niemand außer dem Maje darf davon erfahren! Ich weiß nicht, wie lange ich diese Verbindung zu Ihnen tarnen kann ... Sie sollten den Maje umgehend holen, wenn er Sie nicht töten soll, weil er den Handel seines Lebens nicht eingehen kann!" Der Kazon zögerte, dann trat er zur Seite und der Maje erschien mit einem finsteren Blick. "Was wollen Sie?", knurrte er neugierig. Seska lächelte. "Was halten Sie davon, Ihre Machtposition in diesem Quadranten durch ein eigenes Schiff wie die Voyager zu stärken?" Bestärkt durch ein gieriges Funkeln in seinen Augen fuhr sie fort. "Wie schnell könnte eines Ihrer kleinsten Schiffe die Voyager erreichen? Ich bräuchte maximal zwei aus Ihrer Crew. Wir wollen doch kein Aufsehen erregen ... Kein Wort an niemanden dieses Schiffes außer zu mir!" Culluh blickte zur Seite und ließ sich die benötigte Zeit übermitteln. "In weniger als zwei Stunden könnte jemand bei Ihnen sein", antwortete er neugierig und ein wenig misstrauisch zugleich. "Erzählen Sie endlich, was Sie vorhaben!" "Zusätzlich bräuchte ich noch eine Kleinigkeit von Ihnen ... Eine Ihrer neuen technischen Errungenschaften." Seska wurde immer selbstsicherer und ihr Lächeln ging in die Breite. "Es wird ein historisches Ereignis in der Geschichte der Kazon, das verspreche ich Ihnen. Ihr Name wird bis in alle Ewigkeit in aller Munde sein, Maje."
Wie auf Zehenspitzen schlich der Captain durch die Korridore seines Schiffes. Er vermochte dieses Gefühl nicht anders als mit 'Unruhe' zu beschreiben, oder war es gar ein ungutes Gefühl, das ihn einige Zeit später, nachdem Seska die Brücke verlassen hatte, beschlich? Er nutzte die Gunst der Stunde, dass es ruhig auf der Brücke war und Ayala als Ersatz für Seska eintraf. Getrost konnte er seinem treuen Crewmitglied die Brücke überlassen, um so seinen längst überfälligen Rundgang durch das Schiff zu absolvieren. Seinen Communicator hatte er auf einem anderen Deck, in einem Schacht, versteckt, sodass ihm niemand folgen könnte. Er blickte sich abermals um, bevor er schließlich vor einer Tür halt machte und diese mit einem Code öffnete. Flink huschte er hinein und verriegelte den Zugang. "Hallo", begrüßte er leise die Frau, die seitlich auf dem Fußboden lag und zu ihm aufblickte. "Hallo", antwortete Janeway erstaunt über sein plötzliches Auftauchen und legte das Padd in ihrer Hand zur Seite. "Wie geht es dir?", fragte Chakotay, näherte sich und setzte sich im Schneidersitz vor sie. "Den Umständen entsprechend wunderbar", lächelte sie ihn an. Er musterte sie. Die Luft war zum Schneiden, ihr Körper glänzte vor Schweiß. "Es tut mir leid, dass ich dir nicht mehr Komfort bieten kann ..." "Ich halte es hier aus, Chakotay", betonte sie aufrichtig. "Es gibt Schlimmeres, als warme, stickige Luft. Aber deswegen bist du nicht gekommen, nicht wahr? Was ist passiert?" "Nichts. Es ist nichts passiert", beteuerte er und ließ seinen Blick über ihren Körper wandern. Ihr Shirt war über den Bauch hochgerollt, sodass er ihren Bauchnabel sehen konnte, die Hosenbeine waren ebenfalls so weit hochgeschoben, wie es nur möglich war und ihre Haare ... Er schmunzelte. Von seiner Position aus konnte er nicht erkennen, was sie damit angestellt hatte, dass diese so unordentlich zu den Seiten hin abstanden, aber sie sah hinreißend aus. Er würde sie immer hinreißend finden. "Ich kann es nicht erklären, ich hatte nur ein ungutes Gefühl und musste nach dir sehen", gab er schließlich zu. Beruhigend legte sie eine Hand auf sein Knie. "Es geht mir gut", beteuerte sie, "und ich freue mich, dich zu sehen, doch wir sollten das Risiko, entdeckt zu werden, so gering wie nur möglich halten. Ich schlage vor, du kommst erst übermorgen wieder her, nicht wie zunächst abgesprochen heute Abend." Chakotay nickte, obwohl er wusste, dass es ihm schwer fallen würde. Ihre Vernunft beeindruckte ihn. "Wie sieht es mit den Lebensmitteln aus?" Kathryn blickte kurz hinter sich in die Ecke. "Es reicht bestimmt noch für vier Tage. Ich werde es mir einteilen. Es ist besser, wenn du gehst. Man wird dich vermissen." Sie richtete sich auf und griff nach ein paar Padds, die sie ihm überreichte. "Ein Anfang ...", lächelte sie ihn an, "mehr habe ich bisher nicht geschafft." Sanft hielt er ihre Hände fest. Sein Herz wurde schwer und er wusste nicht warum. "Niemand vermisst mich ... Nicht innerhalb der nächsten halben Stunde", flüsterte er mit belegter Stimme. Was war nur mit ihm los, dass ihn ein Gefühl überwältigte, er könne sie zum letzten Mal sehen? Das war albern! Er nahm die Padds aus ihrer Hand und legte sie neben sich auf den Boden. "Lass mich noch ein wenig bleiben", bat er leise und umschloss ihre rechte Hand mit seinen Handflächen.
Nervös trommelte Seska mit ihren Fingern auf den Tisch und starrte auf das Display ihres Computers. Ihr Zeitplan hatte sich um 40 Minuten nach hinten verschoben, da die Beschaffung der benötigten Dinge etwas länger dauerte. Sie für ihren Teil hatte alles unter Kontrolle und war bereit. Hoffentlich machten diese einfältigen Kazon keinen Fehler. Ein leises Piepsen signalisierte ihr, dass es endlich soweit wäre. Abermals ließ sie heute ihre Finger über die Tastatur huschen, verursachte einen als harmlosen Fehler getarnten Ausfall der Schilde, der nur wenige Sekunden andauerte, bis alles wieder den Normalzustand erreichte. Unter günstigen Umständen würde es niemandem auffallen und selbst wenn, sie hatte alles perfekt getarnt. Es gab keinen Grund für sie, nervös zu sein. Ein paar Schritte von ihr entfernt schien die Luft plötzlich bläulich zu schimmern. Nach und nach nahmen die Umrisse von zwei Personen immer mehr Gestalt an, bis sich schließlich zwei Kazon materialisierten. Das wurde auch Zeit, dachte Seska, verkniff sich jedoch, dieses laut zu äußern. Sie wollte es so schnell wie möglich hinter sich bringen, bevor jemand bemerken würde, dass die Sensoren der Voyager nicht korrekt funktionierten. "Hier", begrüßte sie die beiden Männer und drückte ihnen zwei Gegenstände in die Hand. "Den Injektor benutzen Sie wie abgesprochen und das hier betätigen Sie, sobald es erledigt ist und ich Sie zurück auf Ihr Schiff beamen soll." Der eine Kazon nahm die Gegenstände an sich und verstaute sie in seiner Kleidung, der andere bückte sich nach dem großen Sack, der zu seinen Füßen lag und mit ihm angekommen war, um diesen sich aufzuschultern. "So können Sie nicht durch das Schiff laufen", schüttelte Seska ihren Kopf und eilte zurück zu ihrem Tisch. "Ich transportiere Sie direkt dorthin. Nach Ihrem Rücktransport haben Sie noch 5 Minuten Zeit, um Ihr Schiff zu entfernen. Kontakten Sie mich später auf der vereinbarten Frequenz!" "Dann lassen Sie uns endlich anfangen!", brummte die eine finstere Gestalt. "Halten Sie sich bereit", erwiderte Seska den grimmigen Tonfall und startete den Transportvorgang. Hoffentlich würden die beiden es nicht vermasseln.
Die stickige Luft hatte Kathryn einnicken lassen, nachdem Chakotay sie mit den Padds verließ. Zusammengerollt lag sie auf dem Fußboden, als sie ein eigentümliches Geräusch plötzlich hochschrecken ließ. Zwei Kazon materialisierten sich vor ihr in dem kleinen Raum. Sie keuchte und rollte sich mit ausgestrecktem Arm um die eigene Achse, um an den kleinen Sender zu gelangen, den Chakotay ihr vorhin für den Notfall hinterlassen hatte. Er lag nur wenige Zentimeter von ihrer ausgestreckten Hand entfernt, doch sie war nicht schnell genug. Das Gewicht eines Kazon hielt sie am Boden fest. Sie wollte schreien, spürte jedoch eine Hand fest auf ihren Mund gepresst. Kathryn versuchte so gut es ging, sich zu wehren. Schmerzhaft stöhnte der Kazon auf und wechselte die Hand, die Janeway den Mund verschloss. Wütend über diesen Biss drehte er sie herum und suchte in seiner Kleidung nach dem benötigten Mittel. Der zweite Kazon hatte sich inzwischen seiner Last des Sackes befreit und eilte zur Hilfe. Gemeinsam hielten sie ihr Opfer fest. "Das wirst du nie wieder tun!", grollte der erste Kazon und rammte ihr das Instrument mit der langen, dicken Spitze in den Hals. Janeways Augen weiteten sich vor Entsetzen und ihr war als würde das, was ihr übermäßig schnell in den Blutkreislauf injiziert wurde, die Luft zum Atmen nehmen. Begleitet von einem Flackern ihrer Augenlider, zuckte ihr Körper als letzte Gegenreaktion zusammen, bevor schließlich ihre Glieder erschlafften und ihr Kopf leblos zur Seite kippte. "Warum nicht gleich so?", lachte der Kazon und beide lockerten ihren Griff, um den leblosen Körper wie angewidert von sich zu stoßen. "Entkleide sie!", befahl er seiner Begleitung. "Ich kümmere mich um den Rest." Er holte aus seiner Kleidung den Injektor von Seska und ging hinüber zu dem mitgebrachten Sack.
Ein leises Trommeln erfüllte das Zimmer von Seska. Irgendwie wollte es ihr nicht gelingen, ihre Finger stillzuhalten. Sie atmete angespannt aus. Diese Kazon lagen mit dem aufgestellten Zeitplan schon wieder im Verzug. Maximal vier Minuten hatte sie für diese Aktion berechnet und nun wartete sie hier bereits seit sieben Minuten, die ihr endlos vorkamen. Sie hätte es selbst erledigen sollen! Verärgert ließ sie ihren Oberkörper nach hinten an die Stuhllehne fallen. Aber sie war auf diese Hilfe angewiesen, sie brauchte das technische Gerät, welches sie sich nachher vom Schiff der Kazon an Bord beamen würde, sobald sie die beiden dorthin zurückbefördert hatte. Endlich! Seska schnellte nach vorne. Es leuchtete rot auf ihrem Display. Die Kazon waren fertig und hatten den kleinen Sender betätigt. Rasch erledigte sie die vorbereiteten Transportvorgänge. Ihr Herz klopfte. Jetzt folgten die nächsten fünf Minuten des Wartens, dann wären alle Spuren beseitigt.
Chakotay wickelte das Handtuch um seine Hüfte und verließ die Dusche. Noch immer hatte er ihren Duft in der Nase und er fühlte sich so gut, wie noch nie in seinem Leben zuvor. Die Dusche war notwendig, denn seine Kleidung hatte an seinem Körper geklebt. So hätte er nicht wieder auf der Brücke erscheinen dürfen, ohne Aufsehen zu erregen. Um nicht auf eine andere Art aufzufallen musste er außerdem dafür sorgen, dass dieses Glitzern aus seinen Augen verschwinden würde, wie er bei einem Blick in den Spiegel feststellte. Er lächelte und verließ das Bad. Gut gelaunt griff er nach seiner frischen Kleidung, die er sich rasch anzog. Leise summte Chakotay vor sich hin und befestigte seinen Communicator. Er wusste ganz genau, dass er es nicht aushalten würde, Kathryn erst übermorgen wieder zu sehen. Irgendwie würde er es arrangieren, unbemerkt sie heute Abend aufzusuchen. Ja, er würde sie mit einem frisch replizierten Abendessen überraschen. Während er weiter über die Auswahl des Essens nachdachte, ging plötzlich ein Ruck durch das Schiff. Dank seiner guten Reflexe ging er nicht zu Boden. Er betätigte seinen Communicator. "Chakotay an Ayala: Was zum Teufel geht da vor? Werden wir angegriffen?", rief er und stieg in den zweiten Stiefel. "Verdammte Technik!", fluchte er, denn die schiffsinterne Kommunikation war zusammengebrochen. Im Laufschritt rannte er aus seinem Quartier. "Brücke, melden Sie sich!", rief er außer Atem immer wieder in seinen Communicator. Nichts. Zum Glück waren auf diesem Deck keine Schäden sichtbar, die den Ruck hervorgerufen haben könnten, und der Turbolift funktionierte. Mit Seitenstichen betrat er die Kabine. "Deck 1!" Der Lift setzte sich in Bewegung und er konnte die Zeit nutzen, um einen klaren Gedanken zu fassen. Was war nur passiert? Wenn die Voyager angegriffen wurde, so musste Ayala die Angreifer abgewehrt haben, oder er befand sich derzeit in einem Gefecht. Der Ruck von vorhin war bis jetzt einmalig und Chakotay hoffte, dass es dabei blieb. Oder sollte es etwas anderes gewesen sein? Die Türen zur Brücke öffneten sich und ein aufgeregter Ayala wartete bereits auf seine Ankunft. Eilig lief er zu ihm. "Ein Glück, dass Sie endlich da sind, Captain!", brachte der Lieutenant hervor und rannte an die andere Konsole. Schweiß stand ihm auf der Stirn, er hatte hier alleine alle Hände voll zu tun gehabt. "Was ist passiert?", fragte Chakotay und eilte ihm hinterher. "Moment, bitte", erwiderte Ayala, um konzentriert die Modifikationen zu beenden. Erleichtert atmete er aus. Er hatte es geschafft. "Ich weiß nicht, was die Explosion ausgelöst hat, jedoch konnte ich gerade eben den Hüllenbruch versiegeln. Die Sektion ist durch ein Kraftfeld gesichert. Glücklicherweise gab es keine Verletzten. Nicht auszudenken, wenn es woanders als in einem der nicht genutzten Decks passiert wäre." Chakotay schluckte. "Wo ist es passiert?", fragte er heiser. "Deck 9, Sektionen 13 Alpha bis 19 Gamma", antwortete Ayala und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn. Der Captain musste sich einen Moment lang an der Konsole festhalten. Er schloss die Augen und sämtliche Farbe schien aus seinem Gesicht zu weichen. "Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Captain?", fragte Ayala besorgt. Chakotay riss sich von der Konsole fort. "Ich muss dort hin", flüsterte er verzweifelt und rannte in den Nebenraum. "Bitte?", fragte Ayala ungläubig; er glaubte sich verhört zu haben. "Was wollen Sie dort?", rief er ihm hinterher. "Dort gibt es nichts mehr, was sich zu bergen lohnen würde! Captain!" Er schüttelte den Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Der Lieutenant sah, wie Chakotay im nächsten Augenblick mit einer Atemmaske im Gesicht ausgestattet wieder auf die Brücke gerannt kam. In seiner Hand hielt er eine Lampe. "Beamen Sie mich dorthin, Lieutenant! Deck 9, Sektion 17 Alpha!", wies er ihn an. Wieder schüttelte er den Kopf. "Tun Sie es endlich, oder ich mache es selbst! Ich habe keine Zeit für lange Erklärungen!" Seine Stimme klang verzweifelt. "Sie sollten sich einen Schutzanzug überziehen, Captain", warf Ayala ein. "Ich kann Ihnen nicht garantieren, was Sie dort erwartet." "Initiieren Sie endlich den Transport!", schrie Chakotay ihn an. Sein Gesicht war inzwischen rot geworden. Ayala sparte sich weitere Kommentare und führte seinen unvernünftigen Befehl aus. Sekunden später war der Captain von der Brücke verschwunden.
Umgehend schaltete Chakotay das Licht seiner Lampe ein. Feinste Partikel von Staub hingen dick in der Luft und reflektierten den Schein der Lampe bereits nach wenigen Metern. Die Atemmaske hielt die Fremdkörper von seiner Lunge fern, jedoch sie schützte ihn nicht vor dem verbrannten Geruch. Es war gespenstisch still und er hatte Schwierigkeiten, sich in dem Chaos zu orientieren. Sämtliche Wände und Türen fehlten, überall lag Schutt. Chakotay riss sich die Maske vom Gesicht. "Kathryn!", rief er aus Leibeskräften und lauschte angespannt. Sein Herz schlug so laut, dass er Angst hatte, er würde ihre Antwort nicht hören. "Kathryn!" Er hustete, setzte sich rasch die Maske wieder auf und ging vorsichtig ein paar Schritte weiter. Einen Moment später wiederholte er die Aktion. "Kathryn! Antworte! Kaaathryyyn!" Die Koordinaten mussten stimmen, da war er sich sicher - Ayala machte in dieser Beziehung keine Fehler. Es musste sich seit seiner Ankunft in dem kleinen Raum befinden, wo er sie vorhin aufgesucht hatte. Jetzt war nichts mehr davon zu erkennen, dass dieses einmal ein Ort mit vier Wänden darstellte. "Kathryn!" Er hustete heftig. Soweit sein Strahl der Lampe reichte, sie stieß auf keine Wand, alles war eine Fläche. "Kath...", stark hustend ging er in die Hocke und machte sich daran, zwischen den Trümmern zu suchen. Zusätzlich hätte er eine Schutzbrille benötigt. Die Staubpartikel trübten seinen Blick und seine Augen tränten. "Kathryn ... Hier ist Chakotay. Um Himmelswillen ... antworte endlich!" Voller Panik räumte er einige Trümmer beiseite und als sein Strahl der Lampe unerwartet auf etwas Kleines, Menschliches traf, schnappte er entsetzt nach Luft und ihm versagten die Beine. Chakotay ließ die Lampe fallen und wandte sich, mit einer Hand in der Magengegend vornüber gebeugt, ab. Mehrmals schluckte er, um sich nicht zu übergeben. "Nein ...", stammelte er immer wieder und riss sich endlich zusammen. Er musste sich dem stellen. Vielleicht fand er sie lebend und der Doctor würde es schon irgendwie wieder hinbekommen. Keuchend fasste er nach seiner Lampe und richtete noch einmal den Schein auf das eben Gesehene. Ein abgetrennter, fast vollständig verkohlter Unterarm lag vor ihm. Nur drei der Finger einer Hand hingen noch an dem bis auf die Knochen verkohltem Etwas, wobei der Daumen als Einziger eine intakte Kuppe aufwies, jedoch abnorm abgewinkelt stand. Chakotay stolperte ein Stückchen zur Seite und suchte weiter. Seine Angst wurde immer größer, er riss sich die Maske vom Gesicht. "Kathryn ... Kathryn." Das Rufen ihres Namens war nur noch ein klägliches Flüstern aus seinem Mund. Weiter und weiter räumte er unzählige Trümmer fort, grub sich immer tiefer durch den Berg. Tränen rannen sein Gesicht hinab und befreiten es an diesen Stellen von dem Staub. Minuten vergingen, bevor er den schrecklichsten Fund seines Lebens machte. Chakotay wandte seinen Blick ab, schloss die Augen und sein Gesicht wurde zu einer verzerrten Maske, während er aus Leibeskräften schrie, als würde jemand mit einem Dolch mehrmals auf ihn einstechen. Abermals fiel seine Lampe zu Boden, doch dieses Mal zerbrach sie und es wurde augenblicklich dunkel. Schreiend brach Chakotay zusammen.
"Ein Glück, dass Sie so umsichtig waren und so schnell reagiert haben, Lieutenant", lobte der Doctor seinen Besucher. Ayala winkte ab. "Er reagierte nicht auf meinen Ruf, da war mir klar, dass etwas passiert sein musste. Jeder aus der Crew hätte so gehandelt, das ist nichts Besonderes." Das MHN zuckte mit den Schultern. Er war sich nicht so sicher, ob jeder oder jede so gehandelt hätte und las die Werte seines Patienten am Monitor ab. "Ein Schock kann selbst in diesem Jahrhundert mitunter tödlich enden", erwiderte er. "Ist es wahr, das Gerücht, welches an Bord kreist?", wollte Ayala von dem Mediziner wissen und trat um das Biobett herum. "Hier kursieren viele Gerüchte, Lieutenant", wollte sich der Doctor geschickt aus der Affäre ziehen. "Sie wissen, was ich meine", fragte Ayala nun energischer nach und hielt ihn am Arm leicht fest. "Gehörten die Überreste Janeway?" Mit großen Augen schwieg das MHN. "Aber ich dachte, sie wäre bereits beim letzten Besuch der Kazon gestorben", hakte Ayala weiter nach. "Es tut mir leid, aber ich darf darüber keine Auskunft geben", entgegnete das MHN. "Fragen Sie Ihren Captain, sobald er wieder zu sich gekommen ist, aber gönnen wir ihm nach dem Schrecken noch ein paar Stunden Ruhe." Er würde die Crew nicht darüber aufklären, weshalb eine "Tote" nun tot war, wie die DNA-Analysen der Überreste bestätigt hatten. "Dann war sie es doch", beantwortete Ayala sich selbst seine Frage und ließ den Captain in der Obhut des Mediziners auf der Krankenstation zurück.




