Spiegel der Seele: Kapitel 11 - Höllenqualen

Sechs Stunden waren seit ihrem Besuch auf der Voyager vergangen und das Schiff der Kazon setzte wie vereinbart seinen Kurs an das äußerste Gebiet in die geheime Richtung fort. Jerrek ging in den vorderen Bereich des Schiffes, um den Piloten abzulösen. Er fluchte Schimpfwörter vor sich hin und setzte sich. "Keinen Erfolg gehabt?", grinste Sebik ihn an und überließ ihm das Steuer. "Du darfst gerne dein Glück versuchen", antwortete Jerrek mit einem schmierigen Grinsen, doch seine Blicke hätten töten können. "Nichts lieber als das", verabschiedete sich der Kazon und suchte den Raum auf, den Jerrek soeben verlassen hatte. Die Gefangene sah nicht anders aus, als er nach der langen Zeit erwartet hatte. Die Würgemale an ihrem Hals ließen Sebik nach dem Behälter mit Wasser greifen, welches er mit Schwung in ihr Gesicht entleerte. "Die Pause ist vorbei", flüsterte er der an einen Stuhl gefesselten Frau zu, die kaum ihre Augen öffnen konnte. "Jerrek kann sehr grausam sein, wenn man ihn verärgert", versuchte er ihr Vertrauen zu erlangen. "Ich kann dich vor ihm beschützen. Sag mir nur die Zugangscodes zu deinem Schiff und ich werde dich mit meinem Leben verteidigen." Er strich zärtlich über ihr geschundenes Gesicht. Diese Masche hatte bislang bei jeder Frau Wirkung gezeigt. Mit aller Macht öffnete sie ihre Augen so weit sie konnte, doch sie vermochte nur noch Schemen zu erkennen. "Fahr ...", ihre Stimme war kaum lauter als ein Flüstern, "... zur Hölle!" Sebik tat amüsiert, lachte auf und wandte sich von ihr ab. Diese Person war zäh, damit hatte er nicht gerechnet. Sie verdiente keine andere Behandlung als seine Gefangenen zuvor, und so schnellte er auf seinem Absatz herum, um den Abdruck seiner Handfläche ebenfalls in ihrem Gesicht zu verewigen. Er kannte kein Mitleid. "Die Zugangscodes!", befahl er. "Oder muss ich dir erst das hier injizieren?" Der Kazon griff neben sich und holte ein identisches Gerät hervor, mit der er sie vor Stunden auf dem Schiff betäubt hatte. Kathryn konnte nicht erkennen, was ihr vors Gesicht gehalten wurde, vermutete aber das Gerät, mit dem der andere Kazon ihrem Körper an unterschiedlichen Stellen schmerzhafte Stiche versetzt hatte. Ihr Geist war am dahindämmern, ihr Körper vollgepumpt mit Medikamenten. Was machte eine weitere Injektion da schon aus? "Fahr zur ... Hölle", wiederholte sie angestrengt ihre Worte von eben. "Wenn einer von uns beiden zur Hölle fahren wird, dann bist du das", sprach er zu ihr und suchte nach einer empfindlichen Stelle an ihrem Hals, wo er die Spitze schwungvoll einführte und langsam immer tiefer drückte. Janeways Kopf sackte schlagartig in den Nacken, sie konnte nicht mehr. Fluchend brummte der Kazon, ließ das Instrument in ihrer Halsschlagader stecken und holte Wasser. Wenn sie bewusstlos war, könnte er sie töten, noch bevor sie ihm die Codes verraten hatte. Er kehrte zurück und übergoss ihr Gesicht erneut mit Wasser. Unterstützend griff er in ihre Haare und zwang ihren Kopf in eine aufrechte Position. Sie stöhnte leise und blinzelte. Das war genau das, was er wollte. "Spürst du das? Spürst du das Mittel, was rasch durch deine Blutbahnen fließt und deine Venen zum Kochen bringt?" Ihr Mund stand offen und sie atmete schwer. Sebik fasste mit der anderen Hand nach dem Instrument und führte es weiter ein. Aufmerksam beobachtete er sie dabei, dass sie das Bewusstsein nicht verlor. "Fühlst du das?" Verkrampft schloss sie ihren Mund. "Wenn ich es zu weit einführe oder unachtsam bin, dann könnte ich dich töten", flüsterte er ihr zu. "Oder ich kürze den Weg des Mittels zum Gehirn ab und injiziere es dir direkt in den Kopf. Das wäre dein sicherer Tod." Ebenso schwungvoll wie er das Gerät eingeführt hatte, zog er es wieder raus. Janeway war erneut kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. "Bring es zu Ende", forderte sie ihn auf, denn sie würde ihm keine Codes der Voyager nennen. Sie war darauf trainiert, diese nicht preiszugeben, aber sie konnte langsam nicht mehr. Ihr Körper schmerzte. Vor dem eigenen Tod hatte sie keine Angst. "Töte mich endlich! Ich sage dir nichts!" Sebik lachte. "Oder ich übe mich einfach in Geduld, bis das Mittel deine Zunge lockert", grinste er sie an und legte das Gerät zur Seite. Er rückte das helle Licht näher und ließ sie direkt hineinsehen. Bedacht darauf, dass sie alles mitbekommen würde, schlug er ihr immer wieder ins Gesicht.

Jerrek knurrte vor sich hin. Hoffentlich hatte Sebik bald die gewünschten Informationen, denn er wollte das Gebiet der Xaurim so schnell wie möglich verlassen. Sie brauchten nur die Codes, Janeway könnten sie dann beseitigen, oder es würden andere für sie übernehmen, sollte alles nach Plan laufen. Die Tür hinter ihm öffnete sich endlich. "Jerrek, hilf mir! Ich habe die Codes!", forderte Sebik ihn auf, ihm zu folgen und verschwand sogleich. "Das wurde auch Zeit", sprach Jerrek zu sich selbst, schaltete den Auto-Piloten ein und lief dem anderen Kazon nach. "Nimm du die Stuhlbeine", wies Sebik den anderen Kazon an, während er nach der Stuhllehne griff. Gemeinsam trugen sie ihre Gefangene, die leblos an dem Möbelstück gefesselt war. "Bist du dir auch sicher, dass du die richtigen Informationen hast?", fragte Jerrek nach. So schnell sie konnten, brachten die beiden die Frau zur Rettungskapsel. "Ja, Seska hat uns einige relevante Daten dieser Person gegeben und sie hat alle meine Fragen wahrheitsgemäß beantwortet. Sie konnte gar nicht anders." Sebik lachte zufrieden und sie warfen Janeway in die Kapsel. "Wollen wir es hoffen", flüsterte Jerrek und kontrollierte noch einmal den programmierten Kurs der Kapsel. Alles war korrekt und daher überließen sie die hilflose Person ihrem Schicksal, verschlossen von außen die Kapsel und begaben sich zurück in den Navigationsbereich des Schiffes. "Kontakte du Seska, ich starte die Rettungskapsel", schlug Jerrek vor und beförderte diese umgehend ins Weltall. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis Sebik Seska über die geheime Frequenz erreichte. Sie musste gewartet haben. "Wir haben die Codes", begrüßte er eine grimmige Seska. "Wieso hat das so lange gedauert?", fragte sie genervt. "Was ist mit Janeway?" "Wie Sie bereits sagten, diese Janeway war eine zähe Person. Sie befindet sich bereits in der Rettungskapsel, in Richtung der Vidiianer", berichtete er nicht ohne Stolz über sein Gelingen. "Wie können Sie nur so dumm sein und sie, noch bevor ich die Codes erhalte, schon in die Kapsel bringen?", fluchte Seska aufgebracht. "Einen Moment", meldete sich Jerrek zu Wort, "wir werden gerufen." "Die Codes! Ich will sofort die Codes!", rief Seska erbost. Sebik schaltete die Verbindung auf stumm und nahm den ankommenden Ruf an. "Kazon-Schiff, Sie sollten nach all den Jahrhunderten endlich wissen, in welchem Gebiet Sie sich unerlaubt befinden!", sprach eine Männerstimme zu den beiden. "Deaktivieren Sie Ihre Waffen und Schilde, und folgen Sie meinem Schiff." Jerrek verzog sein Gesicht und verbot Sebik, auf diese Audio-Mitteilung zu antworten. "Xaurim ...", sprach er in einem gefährlichen Tonfall den Namen der gehassten Rasse aus. "Einen Teufel werden wir tun! Bereite die Waffen zum Abschuss vor, Sebik! Wir werden euch Barbaren nicht folgen!"

"Sie laden die Waffen, Andarious!", sagte der junge Xaurim kopfschüttelnd. "Ich wiederhole", sprach Andarious zu den Kazon, "deaktivieren Sie die Waffen, sonst werten wir Ihr Verhalten als Angriff!" Seine langen, weißen Haare bewegten sich, als der Xaurim zu seinem Sitz eilte, den er gerade noch rechtzeitig vor dem ersten Treffer der Kazon erreichte. Sein Schiff ruckte kurz. Bedauernd senkte er kurz seinen Kopf. "Sie werden es nie lernen ...", gab er leise von sich und tauschte einen Blick mit Xavor aus, der daraufhin das Feuer mit aller Macht erwiderte.

Das Schiff der Kazon ächzte bei den Treffern und die Stabilisatoren fielen zeitweise aus. "Nennen Sie endlich die Codes, Sie Idiot!", schrie Seska Sebik an. "Janeway Pi Alpha Gamma Gamma ..." Erneut ein Treffer, der die Verbindung vorzeitig zusammenbrechen ließ. Sebik schlug wütend auf die Konsole. "Hilf mir endlich und vergiss diese Codes!", fuhr Jerrek ihn an und feuerte die nächsten Schüsse ab. "Ich kann nicht beides alleine! Flieg du!" Bevor Sebik die Navigation übernehmen konnte, schlug ein Geschütz der Xaurim in den hinteren Teil des Schiffes und setzte die Waffen außer Funktion. Funken sprühten über ihren Köpfen. Jerrek schrie vor Zorn und setzte mit seinem Schiff einen direkten Kurs auf den Feind.

"Was haben die vor?", fragte der alte Mann verwundert. "Ausweichen, Xavor!" Mit einem geschickten Manöver konnte Xavor die Kollision verhindern, doch die Kazon änderten ebenfalls den Kurs und versuchten es erneut. "Stoppen Sie Ihre Maschinen und ergeben Sie sich, dann wird Ihnen nichts geschehen!", versuchte es Andarious noch einmal per Audio-Botschaft. Das Schiff der Kazon wich nicht vom gesetzten Kurs ab. Andarious seufzte. Es hatte keinen Sinn. "Die Marudia!", befahl er Xavor, der dieses ebenfalls als letzte Maßnahme ansah, damit ihr eigenes Schiff nicht beschädigt oder gar zerstört wurde. "Marudia abgeschickt", bestätigte er und wechselte rasch den Kurs, um sein Schiff in sichere Entfernung zu bringen. Andarious drehte seinen Stuhl in die entgegengesetzte Richtung, um durch die gläsern wirkende Rundumsicht seines Raumschiffes den Flug der Waffe zu verfolgen. Welchen Kurs der Kazon auch einschlagen würde, die Marudia würde ihr Ziel nicht verfehlen. Er stützte seinen Kopf in seinen Handflächen ab und blickte traurig dem Unausweichlichen zu.

Einen grellen Blitz zog die Marudia als Schweif hinter sich her - das Licht des Verderbens, das Antlitz der Erlösung. Sie wurde geschaffen, um ihre Erbauer, ihr Schiff und ihr Volk vor allem Unheil zu schützen. Sie verfügte über Intelligenz, ließ sich nicht durch andere, abgefeuerte Waffen von ihrem Ziel ablenken. Kein Tarnschild dieses Quadranten konnte für ein Entkommen vor ihr sorgen. Sie war alt, aber sie flog ihren ersten und einzigen Flug rasant und unermüdlich, sich den Bewegungen des Ziels anpassend. Ihr Schiff hatte viele Jahre über keine Waffen wie sie mehr einsetzen müssen und sie fürchtete schon, ihr Dasein sinnlos im Innern ihres Zuhauses verbringen zu müssen. Verstaubt mit den gleichzeitig mit ihr geschaffenen Waffen. Die Marudia zischte. Unverringerten Tempos bohrte sich ihre Spitze in das Metall des feindlichen Schiffes, welches durch ihre Zusammensetzung ihr widerstandslos Platz zum Unterschlupf bot. Leise gab sie einen elektronischen Piepston von sich, der Countdown wurde aktiviert. Ihre begrenzte Intelligenz empfand etwas wie Glück, begleitet von den letzten Sekunden rückwärts zählend. Glück, ihr Volk mit ihrem Einsatz das Überleben zu ermöglichen. Ihre Schaltkreise überluden sich und schalteten die Intelligenz rechtzeitig vor der Detonation aus. Sie spürte nichts von der enormen Gewalt, mit der sie das Schiff auseinander riss, welches, begleitet von einem grellen Licht, in Milliarden Einzelteile durch das All geschleudert wurde.

Andarious schloss die Augen und seine Lippen sprachen einen stummen Dank an die Marudia. Schweigend bat er um Verzeihung, diesen Schritt eingeschlagen zu haben und öffnete seine Augen wieder. Mit den beweglichen Schaltflächen über seinem Schoß, wählte er einen bestimmten Bereich eines Fensters, das die Aufmerksamkeit seiner Schiffssensoren auf sich lenkte, und vergrößerte den Ausschnitt. "Eine Kapsel ...", bemerkte er erstaunt. "Xavor." Jemand an Bord des Schiffes hatte offenbar rechtzeitig flüchten können. "Ein Trümmerstück des Schiffes hat die Kapsel beschädigt, Andarious", berichtete Xavor nach Auswertung der Daten. "Der oder diejenigen machen uns keine Probleme mehr. Wir sollten sie ihrem Schicksal überlassen." Der alte Mann rieb seinen langen, weißen Bart und seine buschigen Augenbrauen verengten sich. Er verspürte keinen Hass auf dieses Volk. "Wenn die Kapsel beschädigt wurde, wie lange kann die Besatzung darin überleben?" "Ich weiß es nicht", gab Xavor zu, "wir wissen zu wenig über die Systeme an Bord." Andarious drehte seinen Stuhl zu Xavor. "Sind Lebenszeichen vorhanden?" Xavor blickte auf seine Konsole. "Es sind ... " Er pausierte, denn die Daten waren schwierig auszuwerten. "Es sieht nach einem Lebenszeichen aus, wenn ich mich nicht täusche, aber es ist sehr schwach und ... es ist kein Kazon." Irritiert blickte er zu seinem Vorgesetzen. "Ich habe diese Daten noch nie zuvor gesehen." Andarious drehte seinen Stuhl zurück in die Richtung der Kapsel. Er hatte kein Recht, ein weiteres Leben zu nehmen, noch dazu von jemandem, von dem er nichts wusste - nicht einmal, ob es der Angreifer war. Das Kazon-Schiff hatte bei ihm nicht den Eindruck hinterlassen, es wäre nicht von einem Kazon geflogen. Alle Verhaltensmuster entsprachen dieser Rasse. In seinem langen Leben hatte er viele Kämpfe und Taktiken der Kazon am eigenen Leib erfahren. "Holen Sie das Wesen an Bord", bat er schließlich Xavor und hoffte, diese Entscheidung nicht irgendwann bitter zu bereuen.


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