
Mit vorgestreckten Handfeuerwaffen standen Xavor und Pirym um das regungslose Wesen herum, das zu ihren Füßen lag. "Was ist das?", flüsterte Pirym und beobachtete es aus einem sicheren Abstand. "Ich sehe keinen Kopf." Die Tür hinter ihnen öffnete sich und ein weiterer Xaurim näherte sich schnellen Schrittes. "Ich kam so schnell es ging", entschuldigte sich der Mann mit den langen, dunklen Haaren und entfernte die Schutzbrille aus seinem Gesicht, die er beim Verlassen seines Labors vergessen hatte zu entfernen. "Keinen Kopf?", wiederholte er fragend die Worte von Pirym, die er beim Betreten des Raumes gehört hatte und näherte sich dem Etwas auf dem Boden. Es sah in der Tat merkwürdig aus. Ein bräunlich-mattes Gewebe zierte es fast vollständig, in einer noch nie zuvor gesehenen Form. "Sein Sie vorsichtig, Laurentyus", bat Xavor, der ein ungutes Gefühl bei der Sache hatte. Laurentyus berührte vorsichtig das Wesen, es fühlte sich seltsam an und zeigte keinerlei Reaktion. Er betrachte diese ungewöhnliche Form näher und entdeckte am vermutlich hinteren Ende, vollkommen versteckt, etwas, das einem Fuß eines Xaurim sehr ähnlich war. Entsetzt sprang er auf, griff nach einem Skalpell und kehrte flink zu dem Wesen zurück. Er tastete es ab und ließ die scharfe Klinge vorsichtig in das Gewebe eindringen. "Was machen Sie da?", fragte Pirym irritiert von den Behandlungsmethoden des Wissenschaftlers, der die Haut des Wesens auftrennte. "Ich verschaffe ihm Sauerstoff", erklärte Laurentyus, "bevor es erstickt, in der Hoffnung, dass es das wie wir zum Überleben benötigt. Das hätten Sie schon längst selbst erledigen können, wenn Sie nicht so sehr von allem Unbekannten Abstand hielten." Pirym und Xavor blickten sich verwundert an und sahen zu, wie Laurentyus unter der vermeintlichen Haut des Wesens das eigentliche Wesen zum Vorschein brachte. "Bei Andarious ...", flüsterte Laurentyus entsetzt, nachdem er das Gewebe vollständig aufgetrennt hatte. "Helft mir! Löst die Fesseln!" Vorsichtig entfernte er den Strick von dem Mund, während seine Kollegen Arme und Beine der xaurim-ähnlichen Spezies von dem Stuhl befreiten. "Wer tut so etwas nur?", fragte er kopfschüttelnd und entnahm dem weiblichen Wesen das Stück Stoff, welches in ihrem Mund steckte. "Es befand sich in einer Rettungskapsel der Kazon", klärte Xavor ihn auf. Laurentyus suchte nach einem sichtbaren Lebenszeichen. Erleichtert stellte er fest, dass sie atmete und er so etwas wie einen Herzschlag spüren konnte. Er nahm das zierliche Wesen auf und eilte mit ihm zu einer metallisch-glänzenden Liege, wo er es ablegte. Sein Blick fiel auf ein goldenes Abzeichen an ihrer Kleidung, das er vor dem Scan entfernte und Pirym in die Hand drückte. "Stellen Sie fest, was das ist und bringen Sie es sofort zurück. Vielleicht ist es für diese Spezies lebensnotwendig." Pirym nickte und verließ im Eilschritt den Raum. Laurentyus bat mit einem Handzeichen Xavor, Abstand von der Liege zu nehmen. Ein schmaler, kleiner metallischer Kasten senkte sich lautlos von der Decke herab und warf ein feines Licht auf den Kopf des Wesens, welches den gesamten Körper Millimeter für Millimeter abtastete. Laurentyus blickte in das Gesicht der unbekannten Spezies und dann zu Xavor. Dieser war zu jung, um das zu sehen, was ihm sofort aufgefallen war. "Holen Sie umgehend Andarious", forderte er ihn auf. "Er muss sich das hier ansehen."
Andarious stand auf einem knapp 50x50 cm großem, durchsichtigen Quadrat, welches im Abstand weniger Zentimeter über dem Boden schwebte. An einem dünnen Stab hielt er sich fest und lenkte dieses Fortbewegungsmittel gleichzeitig. Sein Raumschiff war groß, die Entfernung zu Laurentyus, der ihn bestellt hatte, gewaltig für seine alten Beine, so zog er diese Art des Fortkommens vor, um schnell an seinem Ziel einzutreffen. Vor der Tür angekommen verlangsamte er die Fahrt und stieg von der Plattform. Interessiert, was Laurentyus entdeckt hatte, trat er zügig durch die Tür in den großen Raum hinein. Er wurde bereits erwartet. "Andarious ...", begrüßte Laurentyus, eine Hand auf seine Schulter legend und mit einer leichten Verbeugung seines Oberkörpers, das Oberhaupt und eilte mit großen Schritten auf den Mann zu. Der alte Mann hob seine Hand zu einem Gruß und neigte ebenfalls seinen Kopf nach vorne. "Was haben Sie entdeckt?", wollte er wissen. Laurentyus versperrte ihm absichtlich den Blick auf die fremde Spezies. "Warten Sie ... dieses Wesen", begann er leise zu sprechen, "es ist sehr schwach. Ich weiß nicht, was sie so zugerichtet hat, aber neben den äußerlichen Schädigungen ihrer Haut, von denen ich einige bereits beheben konnte, kommen die unterschiedlichsten Wirkstoffe in ihrer Blutbahn vor, auf dessen Analyse ich noch warte." "Sie?", fragte Andarious mit tiefer Stimme nach. "Ja, es ist ein weibliches Wesen", antwortete Laurentyus, noch immer die Sicht versperrend. "Ihre äußere Erscheinung ist die einer Xaurim sehr ähnlich, jedoch ist sie viel zierlicher und kleiner ..." Stirnrunzelnd sah Andarious ihn an. "Weshalb sind Sie derart bemüht, mir den ersten Blick auf dieses Wesen zu versperren?" "Es ...", Laurentyus suchte nach den richtigen Worten. "Ich möchte Sie nicht schockieren, aber Sie müssen es sehen ... Selbst in ihrem jetzigen Zustand, es ist unglaublich, sieht sie jemandem erschreckend ähnlich ..." Er stockte. Andarious' Augen weiteten sich. Das, was er in den blauen Augen von Laurentyus las, ließ ihn für einen Augenblick erstarren. Sein Wissenschaftler konnte nicht das meinen, was er glaubte aus seinem Gesicht ablesen zu können. Auf alles gefasst trat er langsam an Laurentyus vorbei, um sich selbst davon zu überzeugen. Je näher er der Liege kam, desto schneller schlug sein Herz. Seine Beine zitterten, als er das Wesen vollkommen erblickte. Fassungslos streckte er seine Hand nach dem Gesicht der Frau aus und seine Augen füllten sich mit Tränen, als er seine Hand über ihrem Körper schweben ließ. Er nickte Laurentyus zu, der ihm gefolgt war und an seiner Seite stand. "Sie hatten Recht", sprach er erstickt, "sie sieht ..." Er konnte den Namen seiner Tochter nicht aussprechen. "... ihr sehr ähnlich." Der Wissenschaftler stützte Andarious und half ihm, sich auf dem Sitz neben der Liege niederzulassen. In diesem Augenblick wirkte der alte Mann Jahrhunderte älter, als er war. "Meine Blume des Lichts ... Sie hatte ein großzügiges Herz und sie war wunderschön", sprach er gedankenverloren über vergangene Zeiten. "Wie es mit dem Herzen dieser Spezies gestellt ist, wird die Zeit uns hoffentlich zeigen." Laurentyus beugte sich über die Frau. "Sobald die Schwellungen im Gesicht abgeklungen sind und die Verletzungen geheilt, wird sie ihre Augen auch wieder öffnen können. Ihre Farbe reicht nicht an das leuchtende Blau von Chandúdah, aber sie sind ebenfalls ..." Kopfschüttelnd unterbrach er sich. Was redete er denn da? Andarious blickte beim Namen seiner Tochter auf und sah prüfend in Laurentyus' Gesicht. "Wunderschön?", beendete er fragend seinen Satz. Der Wissenschaftler drehte sich um und projizierte eine dreidimensionale Darstellung der Spezies, die vor ihm lag, direkt über der Mitte ihres Körpers. "Laurentyus, Laurentyus ...", schmunzelte der Alte. Er mochte diesen jungen Mann, der heute zu seiner Familie gehören würde, wenn damals nicht das Unglück mit Chandúdah geschehen wäre. Fast ein ganzes Jahrhundert litt er unter ihrem Tod, sah nie wieder eine andere Xaurim an. Inzwischen schienen die Wunden geheilt, doch er blieb weiterhin ein Einzelgänger und stürzte sich mit Übereifer in seine wissenschaftlichen Arbeiten. Laurentyus überhörte die Worte und startete seine Aufzählung von den bislang gewonnenen Erkenntnissen. Unterstützend zeigte er auf die Abbildung über ihren Körper. "Spezies unbekannt, Rasse unbekannt. Weibliches Exemplar dieser unbekannten Spezies. Identisch zu einer Xaurim ist das Vorhandensein aller uns bekannten Organe. Abweichend hiervon ist zu erwähnen, dass diese Spezies sogar über zwei Lungen verfügt, diese aber für unsere Vergleiche relativ klein und schwach ausgeprägt sind. Ebenfalls abweichend sind diese inneren Organe, die vermutlich der Fortpflanzung dienen. Da mir keine Ergebnisse von anderen Exemplaren dieser Spezies vorliegen, ist es schwer, weitere Vergleiche zu ziehen. In Bezug zu einer Durchschnitts-Xaurim fällt die Körpergröße und das Gewicht jedoch erheblich kleiner aus, in diesem Fall sind es 29,6 Zentimeter in der Größe und 38 Kilogramm beim Gewicht." Er deaktivierte die Darstellung. "Die Zusammensetzung des Blutes ist noch unklar, ich warte jeden Moment auf die Ergebnisse aus dem Labor", erzählte er weiter. "Sie atmet selbständig, wenn auch schwach. Ihr Körper weist unzählige Einstichstellen auf, wie zum Beispiel hier am Hals. Zum Glück wurde jedoch nicht die Luftröhre getroffen und das verletzte Gewebe wird bald verheilt sein. Ebenfalls finden sich Einstiche in den Beinen, in den Handgelenken und im Bereich der Venen des linken Ellenbogen, die ..." Er blickte angewidert zu Andarious, der die ganze Zeit über schweigend seinem Bericht gelauscht hatte. "Wie kann man das nur einem Lebewesen antun?", fragte er schockiert. Andarious teilte sein Gefühl. "Entweder, dieser zierliche Körper verfügt über eine solche Kraft, die den Kazon das Fürchten gelernt hat, oder aber es ist ihre Intelligenz, die die Kazon hat so handeln lassen", meinte er mit einem nachdenklichen Blick auf die Frau. "Bei der Statur wird sie nicht über sehr viel Kraft verfügen ... Es könnte sich auch um eine überaus wichtige Person ihrer Spezies handeln, die jemand sehr hassen muss, für was auch immer", sprach er weise. "Es muss überaus schmerzhaft gewesen sein", vermutete Laurentyus bedrückt. "Was auch immer diese Einstiche verursacht hat, an dieser Stelle", er hob ihren linken Arm leicht an und deutete auf den Bereich der inneren Armbeuge, "ist das Objekt eingetreten, verfehlte knapp die Vene und traf sechseinhalb Zentimeter weiter oben auf den Knochen! Fast möchte ich es nicht wissen, was ihr verabreicht wurde. Bei den angewandten, brutalen Methoden scheint es mir unmöglich, sie ohne einen Schaden zu heilen." Er ließ seinen Stift auf den Tisch fallen und wandte sich ein paar Schritte gehend ab. Rasch stand Andarious auf und folgte ihm. "Wenn es jemand kann, dann bist du das, mein Sohn", sagte er ruhig und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Laurentyus zuckte zusammen. Vor Jahrzehnten hatten sie sich geeinigt, sie würden wieder zum Sie wechseln und Andarious würde ihn nicht mehr so nennen. Zu tief hatte der Schmerz gesessen, der nun wieder ans Licht kam. "Wie kannst du dir da so sicher sein?", fragte er verzweifelt. "Ich habe damals versagt, ich werde wieder versagen!" Behutsam drehte er den Mann zu sich. "Ich habe dir nie einen Vorwurf gemacht, denn es gibt dir nichts vorzuwerfen. Du hattest alles in deiner Macht stehende getan und das wissen wir beide. Ich liebe dich wie meinen eigenen Sohn, Laurentyus, und es ändert nichts an meinen Gefühlen, dass uns Chandúdah vor eurer Zeremonie verlassen musste. Es war ihr Schicksal. Aber willst du jetzt im Vorfeld aufgeben?", fragte er und zog ihn sanft mit zurück zu der Liege. "Sieh sie dir an, Laurentyus! Selbst wenn nicht diese verblüffende Ähnlichkeit gegeben wäre, es wäre deine Pflicht, ihr das Überleben zu ermöglichen, so wie du es in der Vergangenheit bei allen Verletzten getan hast. Sie hat viel durchgemacht und wir werden dafür sorgen, dass ihr Leben von nun an besser wird. Es würde mich erfreuen, mehr von ihr zu erfahren, ihre Stimme auf meinem Schiff zu hören. Wir dürfen niemals aufhören zu lernen. Tu es für sie, Laurentyus, oder hilf ihr im Namen von Chandúdah." Laurentyus standen die Tränen in den Augen und er ließ sich ohne Widerwillen von dem alten Mann umarmen. "Ja, Vater", flüsterte er mit erstickter Stimme, "für Chandúdah."
Sieben Tage des Wartens und Hoffens waren gefolgt. Laurentyus hatte seit ihrer Ankunft auf dem Schiff sein Nachtquartier in diesen Raum verlegt. Er gönnte sich nur die allernötigste Ruhe und überwachte mit Argusaugen ihren Zustand. Die Verletzungen des Gewebes ihrer Haut, die Einstichstellen, die zugeschwollenen Augen und alle anderen Merkmale ihres Martyriums vermochte er innerhalb der ersten Tage zu heilen, ihr Blut war jedoch mit zu vielen Mitteln unterschiedlichster Eigenschaften angereichert worden. Die Auswirkungen davon ließen sie weiterhin bewusstlos hier liegen. Das kleine goldene Gerät, welches sie bei ihrer Ankunft trug, hatte er ihr wieder an ihrer Kleidung befestigt. Wie sich herausstellte, war es harmlos und diente hauptsächlich der Übersetzung fremder Sprachen. Ihr Gesicht wirkte noch schmaler als bei ihrer Ankunft. Pro Tag hatte sie jeweils fast ein ganzes Kilo abgenommen. Das war etwas, was Laurentyus sehr beunruhigte. Er ernährte sie intravenös, doch es schien nur gerade ausreichend genug zu sein, dass sie nicht inzwischen verhungert war. Mehrmals täglich spritzte er ihr kleine Dosen mit nanogroßen Sonden, die ihr Blut reinigen sollten. Zusätzlich unterstütze er den Heilungsprozess durch die milliliterweise Zugabe von seinem Blut, was teilweise dem ihres gesunden Blutes entsprach. Zuviel von allem hätte sie jedoch töten können. Seit vorgestern Nacht ruhte er ausschließlich neben ihr auf dem Stuhl, während er dabei ihre Hand hielt. Nicht noch einmal sollte ihm das während seines Schlafes passieren. Sie musste für einen kurzen Moment das Bewusstsein erlangt haben, abrupt hochgeschreckt und irgendwie aufgestanden sein. Alle befestigten Sonden an ihrem Körper hatte sie sich dadurch rausgerissen. Durch das dumpfe Geräusch ihres fallenden Körpers war er aufgewacht und fand sie erneut bewusstlos neben der Liege auf dem Boden. Er hatte sich schlimme Vorwürfe gemacht, dieses nicht verhindert zu haben. Seitdem hatte er ihren Körper an der Liege zusätzlich gesichert. Laurentyus zuckte zusammen. Er hatte sich nur kurz auf dem Stuhl niedergelassen und bemerkte, dass er kurz vor dem Einschlafen war. Ein herzhaftes Gähnen erhellte den Raum und er ließ ihre Hand los, um sich zu strecken. Es war erst später Nachmittag und somit Zeit, seine Patientin zu drehen und ihre Muskeln nicht verkümmern zu lassen, nicht um einzuschlafen. Laurentyus befreite ihren Körper von den Befestigungen und drehte sie aus der Seitenlage auf den Rücken. Vorsichtig entfernte er die Sonden, um sie nicht versehentlich zu verletzten, während er sie massierte. Die Türen öffneten sich und er bekam Gesellschaft. Xavor ging auf den Wissenschaftler zu und beobachtete ihn zum ersten Mal bei dieser ungewöhnlichen Tätigkeit. "Andarious schickt mich", sagte er zur Begrüßung wie die Tage zuvor. "Gibt es eine Veränderung?" "Guten Tag, Xavor", antwortete Laurentyus und ließ sich nicht bei seiner Arbeit stören. "Nein, leider nicht." Er ertastete ihre Rippen während seiner Tätigkeit und hielt kurz inne. "Sie hat weiter an Gewicht verloren", fügte er betrübt hinzu und setzte seine Arbeit fort. Xavor nickte stumm und wandte sich bereits wieder zum Gehen, doch er konnte nicht anders und musste einen weiteren Blick zu Laurentyus werfen. Dieser stemmte gerade den Fuß des Wesens gegen sein Brustbein, massierte es ausgiebig, um es anschließend vor und zurück zu bewegen. "Was gibt es?", wollte Laurentyus wissen, denn er fühlte sich beobachtet. "Was machen Sie mit dem Wesen?", fragte Xavor mit großen Augen. "Sie möchten wissen, was ich mit ihr mache? Was ich mit der Frau mache?" Hoffentlich würde er bald ihren Namen erfahren, denn er hasste es, sie als Wesen zu bezeichnen, nur weil er nichts über sie wusste. Xavor ging ihm in dieser Beziehung schon seit ein paar Tagen auf die Nerven. "Ja, es ist ungewöhnlich", gab Xavor zu. "Es fühlt nichts, es ist bewusstlos. Wozu soll das gut sein?" Verärgert stoppte Laurentyus inmitten seiner Bewegung. "Für wen halten Sie sich, beurteilen zu können, ob sie nichts fühlt? Es kann sogar gut möglich sein, dass sie Ihre Worte eben gehört hat. Im Übrigen ist das, was ich hier mache, nichts Ungewöhnliches. Wären Sie in den letzten Jahrzehnten bei der Behandlung von bewusstlosen Patienten eingesetzt worden, dann wüssten Sie es! Ich sorge dafür, dass sich ihre Muskeln nicht zurückbilden. Außerdem kühlt ihr Körper sehr schnell aus und es bringt ihren Kreislauf etwas in Schwung. Wonach sieht es denn für Sie aus?" Xavor schwieg. "Versuchen Sie mal, einen ganzen Tag lang regungslos zu liegen und sagen Sie mir dann, wie Sie glauben, sich nach sieben Tagen zu fühlen!", machte Laurentyus seinen Ärger Luft. "Was haben Sie denn gedacht, würde ich hier machen? Wollen Sie mich ablösen?" Er legte ihr Bein ab. "Bitte sehr, gerne. Das andere Bein ist auch noch dran. Danach befestigen Sie bitte wieder ihren Körper und schließen die Sonden an. Wecken Sie mich in zehn Minuten, wenn sie eine neue Blutzufuhr benötigt." Laurentyus war überaus gereizt, er hatte zu wenig geschlafen. "Sehr freundlich von Ihnen, aber ich muss zurück auf meinen Posten", erwiderte Xavor bissig und verließ zügig den Raum. "Unterstellen Sie mir so etwas nie wieder, hören Sie, Xavor? Nicht einmal in Gedanken!", rief er ihm hinterher. Er war so wütend, wütend auf sich selbst, dass er die Frau noch immer nicht hatte heilen können. Seine Hand zur Faust geballt lief er auf und ab. Die Technologie seines Volkes war sehr fortgeschritten. Weshalb wollte sie nicht aufwachen? Er seufzte und versuchte seinen Ärger dadurch zu beseitigen. Lange würde er diese nervliche Belastung nicht mehr verkraften, zu stark hatte er sich geschworen, sie nicht sterben zu sehen. Was sollte er tun, wenn er es ein weiteres Mal nicht verhindern könnte? Den letzten Gedanken wischte er fort und ging zurück zu der Liege. Er nahm ihr anderes Bein auf, massierte es und bewegte ihre Gelenke. Was auch geschehen würde, so schnell gäbe er nicht auf. Laurentyus setzte sich zu ihr auf die Liege und hob ihren Oberkörper an, den er an seinen lehnte. Mit einer Hand stützte er ihren Kopf und mit der anderen strich er in kreisenden Bewegungen über ihren Rücken, in der Hoffnung, ihre Atmung dadurch zu erleichtern und ihrem Körper die aufrechte Position nicht vermissen zu lassen. "Weshalb kühlst du nur so schnell aus?", flüsterte er ihr fragend zu. "Und warum nimmst du kein Gramm zu? Willst du nicht langsam aufwachen und mir sagen, was ich falsch mache?" Leise summend fuhr er mit der Behandlung fort. "Ich summe dir zu schlecht, ist es das? Ich verspreche dir, wenn du aufwachst und es mir bestätigst, werde ich nie wieder in deiner Gegenwart summen." Er erhielt eine Reaktion von ihr, die ihn zusammenzucken ließ. Sie brummte kurz. Sofort neigte er ihren Oberkörper etwas von sich weg. Nein, er musste geträumt haben. Vorsichtig öffnete er mit zwei Fingern erst das rechte und dann das linke Auge. "Hörst du mich?", fragte er aufgeregt. "Funktioniert dein Gerät? Verstehst du mich? Mach das noch einmal, hörst du? Es klang wunderbar. Bitte sprich mit mir." Umgehend ließ er ihren Körper sanft auf die Liege zurückgleiten. Er wollte sie nicht erschrecken, sollte sie jetzt die Augen aufschlagen. "Sag doch bitte etwas ... irgendwas." Sie bewegte sich nicht. Laurentyus sprang auf und holte seinen Handscanner. Ihr Herzschlag hatte sich erhöht, der Blutdruck ebenfalls. Er kannte nicht mit Sicherheit ihre normalen Werte, jedoch wertete er es als positives Zeichen. Sie musste gebrummt haben, er hatte nicht geträumt. Worauf hatte sie reagiert? Seine Stimme? Seine Berührungen? "Du wolltest es ja nicht anders", lächelte er sie hoffnungsvoll an und begann nun laut und extrem falsch ein Lied zu summen. Er massierte erneut ihre Arme, summte, strich vorsichtig über ihr Gesicht und massierte sanft ihren Kopf. Endlose Minuten verstrichen, bis er plötzlich ein Flackern ihrer Augenlider geschenkt bekam. Kurzzeitig öffnete sie ihre Augen, doch sie verdrehte sie sogleich wieder und ihre Lider verbargen auf ein Neues das Schönste, was er in den letzten Tagen gesehen hatte. Laurentyus strahlte übers ganze Gesicht und beugte sich über sie. "Ich bin stolz auf dich, das hast du wunderbar gemacht", lobte er sie. "Kämpfe weiter, gib nicht auf, hörst du?" Er befestigte die Sonden wieder und band sie locker an der Liege fest. "Ruh dich jetzt aus, es wird alles gut."
Es war eigenartig, sie fühlte sich wie in Schwerelosigkeit. Ihr Körper drehte sich. Jetzt erst spürte sie unter sich etwas Hartes. An ihrem rechten Handgelenk verspürte sie einen kurzen, ziehenden Schmerz, der sofort wieder verschwand und ein Druck folgte auf diese Stelle, der ebenfalls nur von kurzer Dauer war. Etwas schien ihren Körper in eine seltsame Bewegung zu setzen. Es war keine Bewegung, eher ein Wackeln, das sich von oben nach unten über den gesamten Körper bewegte. Ohne es selbst zu beeinflussen, geschah etwas mit ihren Beinen. Bewegten sie sich? Sie bewegten sich. Was war das für ein Geräusch? Ein leises, andauerndes Geräusch, das die Höhen und Tiefen wechselte. Was geschah um sie herum? Sie musste es sehen. Sie wollte es sehen, doch es vermischte sich alles erneut zum dunklen, stillen Etwas.
Die Zeit wusch die Dunkelheit davon. Die Töne waren fort, sie hörte nur ihren Atem. Ihre Lider waren schwer, ihr Kopf noch viel schwerer und so sank sie sofort mit ihm aus der aufrechten Position zurück. Wo befand sie sich? Neben ihr schlief ein Mann, die Rasse war ihr unbekannt. Lange, dunkle Haare bedeckten seinen Brustkorb, seine Hand ruhte neben ihrer. Sie richtete sich erneut auf und sah sich um. Was war passiert? Kathryn öffnete leise ihre Fesseln. Was steckte in ihrem Arm? Verwirrt zog sie den Schlauch heraus. Die Kazon! So schnell sie konnte, rutschte sie von der Liege und spürte unter ihren Füßen den kalten Boden. Sie war benommen. Was war zuletzt mit ihr passiert? Janeway drehte sich um die eigene Achse. Der Raum war groß. Die Codes! Die Kazon hatten die Codes von ihr verlangt und dann? Dort hinten war eine Tür. Ihre Beine zitterten. Durst, sie hatte Durst. Lautlos schlich sie dem Ausgang entgegen. Wurde sie gerettet? Versuchte man noch immer, an die Codes zu gelangen? Wo hatten die Kazon sie gelassen? Vorsichtig öffnete sie die Tür. Kathryn blickte in den Korridor. Von hier aus führte er nur in eine Richtung. Sie lauschte. Was trug sie für eine seltsame Kleidung? Sie besaß einen Communicator. Auf der Voyager hatte sie keinen mehr getragen. Ah richtig, die Kazon hatten ihn an mir befestigt, um ... Nein, sie hatte die Codes nicht verraten. Oder doch? Sie wagte es und betrat den Korridor. Wohin würde er führen? Das Licht war gedämpft, der Fußboden kalt, aber sauber. An der nächsten Ecke hielt sie inne. Der Weg teilte sich in drei Richtungen. Welche sollte sie nehmen? Auf wen oder was würde sie unter Umständen stoßen? Sie hatte keine Waffen. Mit angehaltener Luft lauschte sie. Da ist ein Geräusch! Sie holte Luft und hielt den Atem erneut an. Stimmen. Von woher kamen sie? Ihr Blick ging hoch zu der Decke und folgte der feinen Struktur der Wände. Die Stimmen wurden lauter und sie entschied sich für den Korridor nach rechts. Ihr Weg verlief in einer Kurve, die ein leichtes Gefälle hatte. Wie viele Meter war sie bereits unterwegs, ohne auch nur eine Tür zu entdecken? Eine, die sie notfalls aufgebrochen hätte, um Unterschlupf zu suchen. Ihrem Geschmack nach viel zu lange. Erneut erreichte sie eine Gabelung, wobei sie dieses Mal die linke Richtung einschlug. Wurde der Bereich überwacht? Sie entdeckte nichts. Sensoren, die auf Wärme reagierten oder auf Bewegungen? So lange die auf Wärme reagieren würden, sollte es ihr Recht sein - sie fror immer mehr in ihrer leichten Bekleidung. Der Gang machte eine scharfe Biegung und ... ... endete in einer Sackgasse. Kathryn seufzte. Nein, sie täuschte sich. Das schwache Licht hatte ihren Augen einen Streich gespielt. Dort hinten gab es eine Tür. Sie ging weiter darauf zu. Schritte! Janeway erstarrte inmitten ihrer Bewegung und drehte sich vor und zurück. Woher kamen sie? Sie zuckte zusammen, als etwas Feuchtes auf ihren Fuß tropfte. Blut! Ihre Augen verfolgten ihren Weg zurück und schockiert musste sie feststellen, dass sie besser ihre Flucht hätte nicht bekannt geben können. Weshalb lief sie nicht gleich laut schreiend durch die Korridore? Es hätte den selben Effekt - man würde sie entdecken. Ihr Arm! Sie drückte ihre Vene ab und eilte in die Richtung der Tür. Man musste ihrer Spur gefolgt sein. Ein eigenartiges Schild zierte die Tür, durch die man nicht hindurchsehen konnte. War es Glück, dass diese nicht durch einen elektronischen Mechanismus besonders geschützt wurde? Ein einfacher Riegel war es, der angehoben werden musste. Kathryn verschwand umgehend in den angrenzenden Raum und suchte erfolgreich nach einer Möglichkeit, diesen von innen zu verschließen. Feine Schweißperlen standen auf ihrer Stirn und sie atmete tief durch. Jetzt musste es nur einen zweiten Ausgang geben, sonst säße sie in der Falle. Sie konnte kaum etwas sehen. Einzig eine winzige Lichtquelle am anderen Ende ließ diesen Raum überaus groß erscheinen. Die Verschnaufpause währte lange genug, sie musste weiter. Der Raum schien kein Ende zu haben, so weit sie auch in die Richtung des Lichtes ging, es wurde nicht größer. Kathryn rieb ihre Augen. Sie musste geschwächt sein, das war eine Sinnestäuschung. Ein leises Knurren kam von rechts, ein Schatten bewegte sich um sie herum. "Wer ist da?", flüsterte sie in der Hoffnung, sich alles eingebildet zu haben. Das Knurren wurde lauter und sie spürte einen leichten Windzug um ihre Füße. Instinktiv suchte sie nach einer Fluchtmöglichkeit und bewegte sich weiter vorwärts. Keuchend blieb sie wie angewurzelt stehen, als ein überaus schwach gedämpftes Licht plötzlich eingeschaltet wurde. Sie drehte sich im Kreis und lauschte. Ihr Herz pochte wie verrückt. Gegenstände, Kisten standen in dem Raum verteilt und das Licht gab ihr keine gute Sicht. "Ah!", stieß sie aus. Ein kalter Luftzug kroch ihre Beine nach oben und wieder dieses Knurren. Sie schnellte um die eigene Achse und riss entsetzt die Augen auf. Ein Wesen mit dunklem Fell funkelte sie aus grün-leuchtenden Augen an. Gefährlich knurrend kam es auf sie zu. "Ruhig ... ruhig", flüsterte sie, aber nicht einmal sich selbst konnte der zittrige Klang ihrer Stimme beruhigen. Instinktiv setzte sie langsam einen Schritt nach dem anderen rückwärts. Die Kreatur bewegte sich mit einer geschmeidigen Eleganz, fast wie ein Panther. Die Klauen waren die ganze Zeit über ausgefahren und die gewaltigen Muskeln in den Beinen zeichneten sich selbst bei dem schwachen Licht im glänzenden Fell ab. "Ganz ruhig, ich tu dir nichts." Innerlich lachte Kathryn sich selbst aus. Dieses Wesen würde sie ganz gewiss nicht als Bedrohung ansehen. "Ist ja gut, ruhig." Wie war das bei Hunden, die einen angreifen wollten? Nicht direkt in die Augen sehen, sonst würden sie es als Aufforderung für einen Angriff werten? Kathryn schluckte. Wohin sollte sie denn sehen, wenn nicht in diese Furcht einflößenden Augen? Die Kreatur fauchte sie an und riss sein Maul auf. Nun wusste sie, wohin sie blicken sollte. "Ich wollte dich nicht stören und ich verspreche dir, ich bin gleich wieder verschwunden", redete sie freundlich auf das Wesen ein. Sein Maul war riesig und an seinem Kopf ragten zwei spitze Hörner hervor. Es näherte sich langsam und knurrte weiter. Verhungert sah es eigentlich nicht aus, überlegte Kathryn. Bevor sie sich jedoch versah, setzte das Tier aus dem Stand zu einem Sprung an und warf sie rückwärts zu Boden. Sie stieß einen unterdrückten Schrei aus und blickte direkt in sein Maul. "Bitte ...", hauchte sie flüsternd und schloss ihre Augen. Das Wesen saß mit seinem ganzen Gewicht auf ihr und nahm ihr fast die Luft, so schwer war es. Kathryn fühlte seinen Atem immer näher kommen. Ein kleiner Biss in den Hals und es wäre vorbei. Nie hatte sie sich träumen lassen, auf diese Art ihr Leben zu beenden. Endlose Sekunden vergingen und der befürchtete Biss blieb aus. Janeway öffnete die Augen. Die zackenartige, schuppige Haut, welche das Tier wie einen übergroßen Kragen um den Hals trug, drückte in ihren Bauch. Regungslos starrte sie es an. "Was bist du für eine Kreatur?", wurde sie zwischen einem leisen Knurren gefragt. "Ein Mensch", erwiderte Kathryn irritiert. Das Wesen hatte mit ihr gesprochen und stieg langsam von ihrem Körper. "Ein Mensch ... in diesem Quadranten", sprach die Kreatur und schlich um sie herum. Die Stimme, die Kathryn hörte, war weder weiblich noch männlich. Langsam setzte sie sich auf. "Wo ist deine Waffe? Verteidige dich und ich werde dir ein schnelles Ende bereiten", sprach das Tier und funkelte sie an. "Ich habe keine Waffe und ich bin nicht gekommen, um zu kämpfen", verteidigte sie sich. "Das ist Unsinn!", fauchte es. "Jeder ist bislang zu mir gekommen und hat um sein Leben gekämpft, in dem Versuch, mich zu täuschen, die angerichteten Gräueltaten zu verbergen. Ist dir dein Leben denn gar nichts wert?" "Wer bist du?", fragte Janeway, der eine Gänsehaut den Rücken hinunter lief. "Du kennst mich nicht?" Verärgert fletschte die Kreatur seine Zähne. "Ich bin allmächtig." "Q?" Ein lautes Gebrüll ertönte. "Ich bin das Abbild deines Gewissens und dein Richter zugleich ... Kathryn." Janeway schluckte schwer. Weshalb sollte sie ein derart schlechtes Gewissen haben? Unauffällig tastete sie an ihrer Kleidung nach dem Communicator. Vielleicht war die Voyager nicht weit entfernt und sie konnte unbemerkt ein Signal zur Hilfe absenden? Sie stutzte - er war fort. Ein Loch in ihrer Kleidung zierte seine ehemalige Stelle. "Woher kennst du meinen Namen?" Das Tier schnupperte an ihrem Körper. "Blut ...", sprach es entzückt. "Es ist lange her, dass ich frisches Blut genossen habe. Deines wird das erste menschliche Blut sein, das ich koste." "Dann tu es endlich!", rief Kathryn entnervt, bevor sie darüber nachgedacht hatte und bereute es sofort, als die Kreatur sie erneut umwarf und sie eine Pranke über ihrem Herzen fühlte. "Du bist schwach!", fauchte es ihr ins Gesicht. Langsam verringerte es den Druck auf den Körper der Frau. "Aber du hast ein gutes Herz." Janeway atmete schnell und flach, während das Tier seine raue Zunge über ihren Hals fahren ließ. Musste das Opfer erst auf geschmackliche Verträglichkeit getestet werden, bevor der Biss folgte? Sie schloss die Augen und presste ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Die Zunge folgte weiter ihrem Körper. Irritiert stoppte das Wesen und ließ von seinem Opfer ab. Es setzte sich neben die schwer atmende Frau. "Nicht einmal jetzt denkst du an Vergeltung oder daran, wie du mich stoppen könntest?", fragte es verwundert. "Was war das eben für ein Gefühl, das du hattest? Erkläre es mir!"
"Nein, nur das nicht!" Fassungslos blickte Laurentyus ans Ende des Korridors - er war leer. "Warte!", rief Andarious ihm nach und eilte hinterher. Laurentyus ruckelte an der Tür. Verschlossen. "Lass uns die Tür aufbrechen!", sprach er atemlos. "Wir müssen sie da rausholen!" "Beruhige dich, mein Sohn!", sagte der alte Mann mit Nachdruck. "Ich bin sicher, es wird ihr nichts tun." "Wie kannst du dir da sicher sein? Sie ist krank, sie weiß nicht wo sie ist. In hunderten von Jahren haben nur zwei eine Begegnung überlebt, wie du weißt", meinte er besorgt. Andarious nickte. "Vertraue den alten Mächten, Laurentyus. Sie haben niemals ohne Grund ein Leben genommen." "Lass uns zu dem anderen Eingang gehen. Niemand schafft es durch den Raum. Von dort aus können wir vielleicht zu ihr gelangen", forderte er Andarious auf, ihm zu folgen.
"Ist er dein Leben wert?", wollte die Kreatur wissen. "Ja", antwortete sie. "Du gehörst nicht hierher", sprach es weiter. Mit großen Augen beobachtet Kathryn, wie sich die Kreatur plötzlich wand. Sie knurrte, änderte die Haltung und ihr Aussehen. Die äußere Erscheinung wandelte sich zu einem Mann, ähnlich der Spezies, die sie vorhin neben der Liege entdeckt hatte. Er beugte sich über sie und nichts von der Geschmeidigkeit seiner Bewegungen war durch diese Verwandlung verschwunden. "Du hast genug Zeit verloren", sagte er und sah sie aus seinen grün-leuchtenden Augen an. "Er braucht dich. Deine Crew ist in Gefahr." Janeway schwieg und ließ es geschehen, dass er ihren Kopf zur Seite drehte und ihre Haare von ihrem Hals schob. Wieder spürte sie die Verbindung, die er mit einer Hand über ihrem Herzen zu ihr aufnahm. "Vertraue mir, ich werde dir helfen", flüsterte der Mann und sein Mund näherte sich ihrem Hals. Kathryn blickte nach oben zur Decke. Sie spürte seine Zähne, die sich in ihre Adern bohrten. Seltsamer Weise spürte sie nicht den Schmerz, den sie erwartet hatte. Was war mit ihrer Crew? Seine Atmung klang wie die eines wilden Tieres. Was tat er? Trank er ihr Blut? Er saugte an ihrem Hals und im nächsten Moment war ihr, als würde er etwas mit großer Anstrengung zurück in ihre Venen befördern. Sie spürte keinen Schmerz, doch die Prozedur ließ ihren geschwächten Körper zurück in einen Dämmerzustand fallen.
Andarious stieg von seinem Gefährt, von denen er eines unterwegs glücklicherweise entdeckt hatte. Laurentyus war so schnell gelaufen, er hätte ihm nicht länger folgen können. "Warte", sprach er und hielt Laurentyus zurück, als dieser die Tür öffnen wollte. "Lass mich zunächst eintreten. Folge mir langsam und schweige." Laurentyus nickte und öffnete den Riegel der Tür, obgleich er am liebsten vorweg gelaufen wäre. Der alte Mann trat wenige Schritte in den abgedunkelten Raum. Er hörte hinter sich, wie Laurentyus die Tür schloss. Das war gut. Langsam ließ er sich auf seine Knie nieder, legte eine Hand auf sein Herz und streckte die andere nach der Dunkelheit aus. Ehrfürchtig senkte er sein Haupt. Allmählich gewöhnten sich Laurentyus' Augen an die Lichtverhältnisse. Weiter vorne im Raum entdeckte er die Frau auf dem Boden liegen. Sein Herz klopfte. Hatte es sie getötet? Er wartete auf ein Zeichen, doch Andarious verharrte schweigend in dieser Haltung. Wie lange würde das noch dauern? Er sorgte sich. Andarious flüsterte Worte in einer uralten Sprache, die Laurentyus nicht verstand. Nach einer endlosen Zeit verneigte sich der alte Mann und ließ sich dann beim Aufstehen helfen. Seine Augen strahlten ihn wissend an. "Kathryn geht es gut", lächelte er ihn an. "Hole sie und ihr kleines Gerät, welches weiter in der Mitte des Raumes liegt, aber senke deinen Blick. Sieh weder nach links, noch nach rechts. Neige schweigend dein Haupt." Kathryn ... Fragen brannten auf Laurentyus' Zunge, doch er tat wie ihm geraten. Seine Schritte hallten einsam durch den Raum, bis sich ein leises Knurren um ihn herum hinzugesellte. Es wechselte die Richtung. Stumm blickte er nur zu seinen Füßen und erreichte mit Herzklopfen sein Ziel. Ihre Augen waren geschlossen und er holte zunächst ihren Übersetzer, bevor er zurückkehrte und sie auf seine Arme nahm. Trotz des kalten Bodens war ihr Körper zum ersten Mal warm. Verwundert blickte er auf ihre zierliche Gestalt und er löste seinen Blick nicht von ihr, bis er bei der Tür angelangt war und den Raum mit ihr zusammen verlassen hatte. "Woher weißt du ihren Namen", wollte er wissen und legte sie auf den Boden. Eilig suchte er nach seinem Scanner in der Tasche. Andarious blickte auf die beiden herab. "Ich weiß alles über sie, was es weiß", sprach er von der Kreatur. "Es hat in ihr Herz und in ihre Seele geblickt." Laurentyus sah nicht auf, sondern fuhr mit dem Instrument über ihren Körper. "Du wirst das nicht brauchen. Sie ist geheilt und schläft nur einen besonderen Schlaf." Er kniete sich zu seinem Sohn. Der Wissenschaftler klopfte auf sein Gerät, die Worte wurden von dem Scan bestätigt. "Wie hat es das gemacht? Ihr Blut war noch immer voll von diesen Wirkstoffen", er betrachtete die feinen Druckstellen an ihrem Hals. Vorsichtig schob er den Stoff an ihrem Ausschnitt zur Seite. Ihre Haut war an dieser Stelle leicht gerötet. "Es hat noch nie jemanden geheilt. Es hat immer Vernichtung gebracht. Kaum einer wurde verschont für das, was unserem Volk angetan wurde." "Wir alle sollten niemals aufhören zu lernen", sprach Andarious ruhig. "Die, über die es richtete, mussten sich lediglich ihren eigenen Gräueltaten stellen. Sie jedoch gehört nicht hier her. Kathryn hat einen langen Weg zurückgelegt und sie muss zurück." Laurentyus blickte ihn ungläubig an. "Es ist älter als wir beide zusammen und doch hat es heute zum ersten Mal ein Gefühl bei einem Lebewesen spüren können, das ihm bislang fremd war. Bring sie jetzt zurück, gebe ihr neue Kleidung und wecke sie dann. Ihre Zeit ist knapp." Die Worte verwirrten ihn immer mehr. Er nahm die Frau hoch. "Was hat es für ein Gefühl gespürt?", wollte er wissen. "Es ist stärker als der Hass, unvergänglich bis in alle Ewigkeit." Andarious erhob sich. "Es ist das Gefühl, was dich noch immer mit Chandúdah verbindet", sprach er leise und ging voran.




