Spiegel der Seele: Kapitel 13 - Helfer in der Not

Bewegungslos starrte Laurentyus auf einen Punkt des Gesichtes der Frau, zu dem jetzt ein Name gehörte: Kathryn. Sie schlief seelenruhig, als ob sie sich nicht von diesem Ort entfernt hätte - allerdings mit der Tatsache, dass sie geheilt war. Er hatte dies vorhin nach seiner Rückkehr in diesen Raum noch einmal überprüft. Seltsam war jedoch, dass sie nicht von allein aufwachte. Der Wissenschaftler gab sich einen Ruck und löste sich aus der Starre. Er nahm ihre Hände und faltete sie nach den rituellen Anweisungen. Nie hatte er in seinem Leben bisher bei einer solchen Erweckung zusehen können, doch die Vorgehensweise wurde allen Nachkommen seines Volkes bereits in den ersten Lebensjahren gelehrt. Stets hatte er diese Geschichten für einen Mythos gehalten, der niemals real passieren würde. Er kannte niemanden, der einen anderen Xaurim jemals hatte so wecken müssen und er war sich nicht sicher, ob dies der richtige Weg wäre. Laurentyus berührte mit seinem Zeige- und Mittelfinger ihre Stirn, während er mit gespreizter Hand die restlichen Finger auf ihre Augenlider legte. Seine andere Hand ließ er über ihren Kopf schweben. "Lagren", flüsterte er leise das Wort, das ihm Andarious vorhin genannt hatte und im nächsten Moment zuckte er ebenso zusammen wie die Frau, die augenblicklich ihre Augen aufriss. "Meine Crew?", fragte Janeway und setzte sich ruckartig auf. "Was ist passiert? Wo bin ich?" "Ganz ruhig", versuchte Laurentyus, der auf Abstand gegangen war, die Frau zu beruhigen. "Du bist in Sicherheit. Es ist alles in Ordnung." Kathryn blickte sich um und bemerkte dabei, dass ihr Communicator sich wieder an ihrer Kleidung befand. "Wer sind Sie? Wie bin ich hier hergekommen? Wo ist mein Schiff?" "Laurentyus", stellte er sich vor, "ich heiße Laurentyus. Dein Schiff? Du meinst ... Sie meinen die Rettungskapsel von dem Kazon-Schiff? Die wurde zerstört." "Nein", erwiderte sie und stand auf. Verwundert stellte sie fest, dass sie sich prächtig fühlte. Sie war voller Energie und Tatendrang, sogar die Wunde an ihrem Arm war verschwunden. "Was war das für ein Wesen?" "Es hat viele Namen, Kathryn", antwortete er und beobachtete die ruhelose Frau. "Es trägt den, den seine Gegenübergestellten ihm geben." Janeway runzelte die Stirn. Sie hatte dem Wesen keinen Namen gegeben. "Die Kazon haben mich in eine Rettungskapsel verfrachtet?", sprach sie laut vor sich hin, hoffend, sie würde sich an Details erinnern, die nach ihrem Verhör folgten, doch vergebens. Bis zu dem Moment, als sie vorhin hier aufgewacht war, fehlte ihr die Erinnerung. Vorhin? "Wie lange bin ich schon hier? Und wo oder was ist 'hier'?" Laurentyus lehnte sich an die Liege. "Vor acht Tagen hatten wir eine Begegnung mit einem Kazon-Schiff und nahmen Sie bei uns auf. Sie befinden sich auf Andarious' Schiff, der Mosophy. Wo wir uns derzeit genau befinden, wird Andarious Ihnen gleich sagen, denn er wartet bereits auf Sie. Wir befinden uns auf jeden Fall im nördlichen Xaurim-Gebiet, falls Ihnen das hilft?" Unruhig wippte sie von einem auf den anderen Fuß. Sie musste ihr Schiff wiederfinden. "Nein, ich habe noch nie von den Xaurim gehört", erwiderte sie kopfschüttelnd. "Ich bin ein Xaurim", erklärte er ruhig. "Wie nennt man Ihre Spezies?" Sie musterte den großen Mann mit den dunklen Haaren. "Ich bin ein Mensch", sagte sie leise und fragte sich, woher er ihren Namen kannte. Vermutlich musste sie ihn in den letzten Tagen genannt haben, ohne sich daran zu erinnern. "Ich stamme aus dem Alpha-Quadranten, von dem Planeten Erde." Blaue Augen musterten sie nachdenklich. "Noch nie davon gehört", meinte er und trat auf sie zu. "Kommen Sie, ich führe Sie zu Andarious." Kathryn nickte und folgte ihm zum Ausgang des Raumes. Sie musste fast laufen, um mit ihm Schritt halten zu können. "Warten Sie", rief er ihr zu und ergriff, draußen auf dem Korridor angekommen, nach einer der lenkbaren Plattformen, "wir nehmen einen Motra. Das geht schneller." "Einen was?", fragte sie nach und sah, wie sich Laurentyus schon auf diese Plattform stellte und ihr auf eine weitere deutete. "Sie kennen keinen Motra?", wollte er erstaunt wissen, doch diese Frage hätte er sich sparen können, als er mit ansehen musste, wie sie wackelig auf dem Gefährt stand. "Ich weiß auch nicht, ob ich ihn kennen lernen möchte", brummte sie zurück, denn dieser Motra schwankte hin und her, wie ein Schiff bei mittleren Seegang. "Wo ist der Stabilisator für dieses Ding?" Er grinste. "Halt! Warten Sie, bevor Sie oben den Kopf berühren, denn dieser lenkt es." Rasch begab er sich neben sie und fasste den Motra seitlich an der Stange, um ihn zu stabilisieren. "Sie selbst sind der Stabilisator. Er reagiert auf Ihre Gewichtsverlagerung. Das muss er auch, wenn man damit Kurven fahren möchte." "Kurven?" Sie schüttelte ihren Kopf und war kurz davor, von dem Ding zu steigen. Langsam wurde das Schwanken weniger, dafür bewegte sich der Motra von Laurentyus rhythmisch mit. "Ich glaube, ich bin zu Fuß schneller." Der Xaurim blickte auf ihre Beine, die im Verhältnis zu einer Xaurim sehr kurz schienen, und unterdrückte ein Schmunzeln. "Das glaube ich kaum", erwiderte er. "Aber ich habe eine Idee. Probieren wir aus, ob dieser Motra uns beide aushält. Steigen Sie zu mir auf die Plattform. Es müsste funktionieren, denn sie sind ja nicht schwer." Stirnrunzelnd blickte sie ihn an und fragte sich, ob das eben ein Kompliment gewesen sein sollte oder ob sie verärgert sein müsste. "Was ist? Oder haben Sie Angst?", neckte er sie. Kathryn verkniff sich eine Antwort, um nicht im Vorfeld den Kontakt zu einer fremden Spezies zu gefährden, warf ihn jedoch erhobenen Hauptes einen funkelnden Blick zu, bevor sie sich ihren Platz auf der kleinen Fläche suchte und sich an der Stange festhielt. "Was ist? Fahren Sie los! Oder haben Sie etwa Angst?", versuchte sie ihn zu ärgern. Er suchte unterhalb des Steuerknopfes einen freien Raum für seine eine Hand, um sich festzuhalten, die andere legte er auf den Knopf. Das war eine lustige Spezies, diese Menschen, wie er fand. Gut, dass sie sein Grinsen nicht sehen konnte, denn er würde ihr die rasanteste Fahrt bieten, die dieser Motra zuließ. Die Plattform schwankte unter seinen Füßen. "Neigen Sie Ihr Körpergewicht unbedingt immer in die Richtung, in die die Kurve geht, niemals entgegengesetzt!", warnte er sie leise und lehnte seinen Körper an ihren, um notfalls ihre Fehler korrigieren zu können. "Und hören Sie auf zu zittern", setzte er schmunzelnd hinzu, ließ ihr jedoch keine Chance zu antworten, sondern legte einen perfekten Start hin, der kurzfristig ihr beider Gewicht nach hinten verlagerte und der Motra vorne hochzukommen drohte. Sofort hatte er es im Griff und reduzierte die Beschleunigung. Er spürte, wie sie die Luft angehalten hatte. "Ich zittere nicht", sprach sie möglichst ruhig, allerdings aus zusammengepressten Zähnen. "Dieses Ding ist nicht für zwei gemacht." Verkrampft hielt sie sich fest. "Keine Sorge, zwei Tonnen zusätzlich an Gewicht würden ihm nichts ausmachen", versuchte er sie zu beruhigen und beschleunigte. Sie näherten sich mit hoher Geschwindigkeit der ersten Abzweigung des Korridors. "Ich bin nicht be..." "Links!", wies er sie an, sich mit ihm in diese Richtung zu neigen und reduzierte die Geschwindigkeit, bevor sie abbogen. Gut, dass er es langsam anging, denn die Kurve fuhr sich mit ihr etwas wackelig. Er musste leise lachen. "Weshalb lachen Sie?", fragte sie verärgert und drehte ihren Kopf nach hinten. Neben ihm kam sie sich relativ klein vor. Er drosselte das Tempo. "Sehen Sie nach vorne", bat er, obgleich er sie gerne ansah, doch so ungeübt, wie sie auf diesem Motra war, wäre dieses keine gute Entscheidung. "Sie sind viel zu verkrampft ... Mit etwas Übung werden Sie einen Motra nicht mehr missen wollen, ich bringe es Ihnen gerne bei", bot er ihr an. "Hmmm...", brachte sie nur hervor. Laurentyus fuhr mit langsamen Tempo auf gerader Strecke Schlangenlinien. "Eigentlich müssten Sie sich gar nicht festhalten. Fühlen Sie einfach die Bewegungen und passen sich meinem Körper an." "Sicher ...", flüsterte sie ironisch. Sie würde niemals die Stange loslassen können. "Wie weit ist es noch?" "Nicht mehr weit, wenn wir uns beeilen", meinte er fröhlich und beschleunigte. "Rechts!" So sehr sie es auch versuchte sich es nicht anmerken zu lassen, dass ihr diese Fahrt fast den Magen umdrehte, konnte sie doch ein leises Keuchen nicht unterdrücken, während sie die Rechtskurve rasant nahmen. "Entschuldigung", sagte Laurentyus, der nun ein schlechtes Gewissen bekam, "ich wollte Ihnen keinen Schrecken einjagen." Er nahm etwas von der Schubkraft weg und ließ den Motra langsam dahin gleiten, bis sie schließlich vor einer großen Tür standen. "So leicht lasse ich mich nicht erschrecken", erwiderte sie und nahm seine entgegengestreckte Hand an, um ihm von dem Motra zu folgen. Für einen Moment lang war ihr Gleichgewichtssinn verwirrt, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. "Es kommt nicht wieder vor", versprach er. "Zurück werde ich ganz langsam mit Ihnen fahren." Sie biss sich auf die Zunge. Zurück würde sie ganz gewiss zu Fuß gehen, beschloss sie schweigend und folgte seinen großen, schnellen Schritten zu der Tür, die sich bei seiner Ankunft von selbst öffnete. Hinter ihr verbarg sich ein weiterer Gang, der nach wenigen Schritten bei einer Plattform endete. Laurentyus wartete, bis sie sich zu ihm gestellt hatte, dann betätigte er einen Knopf an der Wand. Ein Geräusch ließ Janeway über sich blicken. Die Decke öffnete sich mit einem leisen Zischen und die Plattform, auf der sie standen, beförderte sie langsam eine Etage höher. Selbst von hier unten aus staunte sie, denn sie konnte direkt auf vorbeiziehende Sterne im Weltall blicken. Ihr war, als würde man sie direkt dorthin befördern. "Wenn Sie vor Andarious treten, verlangt es ein alter Brauch, dass sich die Frauen vor ihm verneigen", flüsterte er ihr rasch zu, damit sie keine Schwierigkeiten bekäme. "Neigen Sie Ihr Haupt, legen ihre rechte Hand auf ihr Herz und gehen Sie auf die Knie. Sehen Sie ihm vorher nicht direkt in die Augen und reden Sie nur, wenn Sie gefragt werden." Kathryn dachte sich ihren Teil und nickte. Ganz allmählich erblickte sie immer mehr von diesen Himmelskörpern, die um sie herum zu fliegen schienen. Es sah wunderschön aus. Sie hörte, wie Laurentyus' Name freudig gerufen wurde, als sein Kopf schon durch die Öffnung in den Raum ragte und sie beneidete ihn in diesem Moment um seine Größe. Ungeduldig wartete sie ab, bis auch sie mehr sehen konnte, als nur das Weltall. Überwältigt betrachtete sie den runden Raum, nachdem sie endlich oben angekommen war. "Wie ich sehe, hast du unseren Gast mitgebracht", sprach Andarious erfreut. Kathryn blickte zu einem alten Mann, mit ebenso langen Haaren wie Laurentyus, doch diese waren fast schneeweiß und er trug einen langen Bart. Sie folgte ihm zu dem Mann, der auf einem Stuhl in der Mitte des großen Raumes saß und auf sie wartete. Das musste Andarious sein. "Ja, Andarious", antwortete Laurentyus und verneigte leicht seinen Oberkörper vor dem alten Xaurim. Janeway tat, wie ihr geraten wurde, senkte ihren Blick auf den Boden, legte ihre Hand auf ihre Brust und ließ sich auf ihre Knie nieder. Sie hörte Schritte auf sich zukommen und vernahm ein amüsiertes Lachen. "Oh nein, aber nicht doch", sprach Andarious und ging auf Janeway zu. "Bitte, verzeihen Sie. Wir sind zu viele Jahre ohne Frauen an Bord unterwegs und ich habe diese Art der Begrüßung schon vor Jahren abgeschafft. Stehen Sie auf, ich möchte Ihnen gerne in die Augen sehen, Captain Janeway." Leicht irritiert warf sie einen Blick auf Laurentyus, der entschuldigend mit den Achseln zuckte, und erhob sich. Sie fragte sich, ob auch inzwischen die Regel abgeschafft worden wäre, dass sie als Frau nur auf Fragen antworten dürfte, wenn sie direkt angesprochen wurde. Andarious Gesicht erhellte sich vor Freude. Rasch sah er zu Laurentyus und tauschte einen vielsagenden Blick mit ihm aus. Sie sah so wundervoll aus wie seine Chandúdah, dass es ihm fast im Herzen schmerzte. Wie sehr hatte er sich gewünscht, seine geliebte Tochter noch einmal zu sehen, sie ein einziges Mal in die Arme schließen zu können. Er dankte seinen Geistern für diesen Anblick, selbst wenn sie nicht seine Tochter war, so schenkte es ihm doch eine gewisse Art des Glücks. "Was hat er Ihnen noch erzählt?", fragte er sie leise. "Dass Sie Ihre Stimme nur erheben dürfen, wenn Sie gefragt werden?" "Ja, Sir", antwortete Kathryn und blickte zu ihm auf. Der alte Xaurim lächelte sie an. Ihre Stimme war so unterschiedlich zu der von Chandúdah und sie wirkte fast zerbrechlich, für so zierlich empfand er ihre Gestalt. "Wir sind nicht bei der Sternenflotte, Captain", sprach er sanft, "nennen Sie mich Andarious und folgen Sie mir." Irritiert folgte sie ihm zu seinem Stuhl, auf dem er sich niederließ. "Sie kennen die Sternenflotte?", fragte sie ungläubig. Was in aller Welt hatte sie noch alles von sich gegeben, während sie nicht bei Sinnen war? "Ich weiß nur das, was Sie wissen", meinte er ruhig und schaute ihr in die Augen. Kathryns Kehle schnürte sich zu. Wenn sie bereitwillig alles von sich erzählt hatte, sogar über die Sternenflotte, dann mussten die Kazon auch an die Zugangscodes gelangt sein. Was war das für ein Mittel, was man ihr injiziert hatte? Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken, ihre Crew und ihr Schiff verraten zu haben. "Ich muss in einer sehr schlechten Verfassung gewesen sein, wenn ich Ihnen das alles erzählt habe", sie schluckte den schlechten Geschmack hinunter. "Ich danke Ihnen, dass Sie mich an Bord Ihres Schiffes aufgenommen und versorgt haben." "Danken Sie Laurentyus, er hat Sie die letzten Tage nicht eine Minute lang aus den Augen gelassen", er blickte zu seinem Sohn, der verlegen mit einer Handbewegung die Ehre von sich wies, "und danken Sie den alten Mächten." "Sie meinen diese Kreatur?", fragte sie heiser und spürte ihren beschleunigten Herzschlag, als sie in die weisen und zugleich wissenden, blauen Augen von Andarious blickte. "Ich werde niemanden, der so fest wie Sie an die Wissenschaft glaubt, von anderen Dingen überzeugen wollen", sprach Andarious. "Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint und selbst bei wiederholter Betrachtung gibt es nicht immer eine rein wissenschaftlich fundierte Erklärung. Deshalb habe ich Sie jedoch nicht gerufen, Captain Janeway." Er drehte das flache Rechteck mit den Schaltflächen in Position über seinen Schoß und betätigte diese. Er blickte geradeaus ins All, wo sich an der Innenform des Raumschiffes plötzlich eine stark vergrößerte Ansicht einer Sternenkarte zeigte. "Die Kraft der Gedanken und die des Herzens sind eine enorme Macht, die leider heutzutage viel zu oft vergessen oder gar verlernt sie zu benutzen wurde", sprach er weiter. Janeway runzelte die Stirn. "Verzeihen Sie, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber Sie sprechen in Rätseln. Was wollen Sie mir sagen?" Andarious vergrößerte den Ausschnitt der Karte und brauchte Janeway nicht einmal anzusehen um zu wissen, dass sie nähere Erklärungen anzweifeln würde. Sie besaß ein gesundes Misstrauen, dass ihr schon oft das Leben gerettet hatte. "Ich spreche von Ihrem Schiff und von Ihrer Crew. An was glauben Sie, Janeway?" "Wie bitte?", fragte sie verunsichert. "Woran glauben Sie? Dass Sie sich in einem Paralleluniversum befinden, oder daran, was diese Auderby zu Ihnen gesagt hat? Vielleicht hat auch das seltsame Wesen erneut von Ihnen Besitz ergriffen, alles wird Ihnen wie in einem schlechten Traum vorgetäuscht und es versucht, Sie in seine Matrix zu ziehen?" Laurentyus beobachtete Kathryn, wie aus ihrem Gesicht langsam die Farbe entwich, je mehr Andarious von dem offenbarte, was er über sie wusste. Er fragte sich, ob Andarious dies alles seit der Ankunft von Kathryn wusste oder erst ab dem Zeitpunkt, als er Kontakt zu dem Wesen aufgenommen hatte. "Sagen Sie mir, woran ich glauben soll?", wollte sie fast flüsternd von ihm wissen. Der alte Xaurim drehte seinen Kopf in ihre Richtung. Sie schien blass, aber sie hatte sich nach außen perfekt unter Kontrolle, was ihre Mimik betraf. Janeway war zäh, sie würde ihren Weg finden. "Nein", bedauerte er es aufrichtig, "das werde ich nicht. Sie werden es selbst herausfinden. Die einzige Verbindung, die im Moment besteht, ist die U.S.S. Voyager." Er zeigte mit ausgestrecktem Arm auf einen winzigen Punkt oben rechts auf der Karte. "Meine Aufgabe ist es, Sie schnell und sicher dorthin zurück zu bringen. Wir befinden uns derzeit hier unten links." Kathryns Augen folgten seiner Handbewegung zu dem anderen Punkt. "Weshalb sind Sie sich sicher, dass das Ihre Aufgabe ist?" Unter normalen Umständen hätte sie es nicht hinterfragen sollen, denn es war vorerst ihre einzige Chance, zur Voyager zu kommen, doch er hatte sie in den letzten Minuten ziemlich mit seinen Worten verwirrt. "Verzeihung", meldete sich Laurentyus zu Wort, "aber wenn ich das korrekt sehe, dann begeben wir uns direkt in den Raum der Kazon. Ob das weise ist, nach der letzten Begegnung?" "Weise ist es, ein fehlendes Element eines Gebildes an seinen Ort zurück zu bringen, damit es nicht beim kleinsten Windstoß zusammenbricht", antwortete Andarious und hakte die Fragen damit ab. "Weise unserem Gast ein Quartier zu, Laurentyus, sorge für ihr Wohl. Verschaffe ihr Ruhe und Entspannung, lass sie ausgiebig essen und schlafen, sie wird ihre Kräfte bald brauchen. Zeige ihr von mir aus das Schiff, aber hauptsächlich sollte sie ruhen. Ich vertraue sie deiner Obhut an." Er blickte zu Janeway, von der er bereits Widerworte im Voraus spürte. "Sie werden allem Folge leisten, was er zu Ihrem Wohl anordnet, Captain", befahl er ihr. "Mein bescheidenes Schiff wird Sie erst morgen Mittag bei Ihrem Raumschiff abgeben können." Fast hätte sich ihr Mund vor Erstauen geöffnet, sie konnte es gerade noch verhindern. Erneut blickte sie auf die Sternenkarte und auf die enorme Distanz, die zwischen diesem Schiff und der Voyager lagen. 'Bescheidenes Schiff' war untertrieben. Mit dieser Technologie könnte sie die Rückkehr zur Erde um gut ein Viertel verkürzen.

"Sie wollen doch nicht wirklich zu Fuß gehen, oder?", riss eine Stimme Kathryn aus ihren Gedanken, die sich seit ihrem Besuch bei Andarious in alle nur möglichen Richtungen zu überschlagen drohten. "Ich dachte, Sie wissen alles über mich", entgegnete sie und blickte neben sich zu Laurentyus auf. "Dann wissen Sie sicher auch, dass ich garantiert zu Fuß gehen werde." "Nein", widersprach er und hielt den Motra weiterhin auf Schrittgeschwindigkeit, "Sie verwechseln da etwas. Andarious ist ein weiser Mann, er mag vieles über Sie wissen, aber ich nicht." Janeway blieb abrupt stehen. "Vieles? Er scheint alles über mich zu wissen." Das war etwas, das ihr absolut missfiel. Sie setzte ihren Weg fort. "Und? Was denke ich gerade?" "Wie bitte?", fragte Laurentyus irritiert nach. "Woher sollte ich wissen, was Sie denken?" "Mhm... Sie können keine Gedanken lesen?", äußerte sie gespielt enttäuscht. "Nein, kann ich nicht", brummte er sie an. Eine seltsame Spezies, diese Menschen. "Und es interessiert mich auch nicht im Geringsten, was Sie denken", log er. Sie hatte ihn mit ihrer Gereiztheit angesteckt. Erneut stoppte sie und sah ihn im Vorbeifahren prüfend an. Er hielt nicht an, sondern setzte langsam seinen Weg mit dem Motra fort. Janeway rieb verlegen ihren Nacken. Undankbar war sie und benahm sich wie ein kleines Kind. "Verzeihen Sie bitte", rief sie ihm nach und eilte im Laufschritt hinterher. "Mir ist nur nicht wohl bei dem Gedanken, dass jemand Dinge aus meinem Leben weiß, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Verstehen Sie das?" Er hielt den Motra an. "Steigen Sie auf, Kathryn. Wir unterhalten uns beim Essen darüber", lenkte er ein. "Ich fahre auch ganz bestimmt langsam. Ich verspreche es." Sie blickte zu ihm auf und er wirkte noch größer auf sie, als er schon ohne diese Plattform war. Schweigend stellte sie sich vor ihn und nahm ihren Platz von vorhin wieder ein. Vorsichtig beschleunigte er. "Ja, je älter man wird, desto mehr Dinge vergisst man", sprach er aus eigener Erfahrung und knüpfte damit an ihre Aussage von eben an. Janeway rollte mit ihren Augen. Vielen Dank fürs Kompliment!, dachte sie und seufzte. An wen war sie nur geraten, der sie in den nächsten Stunden wie ein unmündiges Kind beaufsichtigen sollte? "Manche Dinge vergisst man, andere möchte man am liebsten vergessen ... Links!" Im Schritttempo nahmen sie die erste Kurve. "Befürchten Sie, dass Andarious Dinge über Sie weiß, die Sie vergessen möchten?" Er war ja so neugierig. "Ich bin mir nicht sicher, ob Sie es nachvollziehen können, aber ich bin der Captain eines Raumschiffes." Nein, er konnte es nicht nachvollziehen, denn er sprach sie noch immer mit ihrem Vornamen an. Obwohl, sie hätte ihn auch schon darauf hinweisen können, dass dieses respektlos wäre. "Ich verfüge über Informationen, die keinem Mitglied oder nur wenigen aus meiner Crew überhaupt zugänglich sind. Es hängt vieles davon ab, dass dieses nicht in die falschen Hände fällt und es gefällt mir nicht, dass eine weitere Person dieses Wissen von nun an mit mir teilt." "Verstehe, Captain", antwortete er knapp. Er konnte Gedanken lesen! Abrupt drehte sie sich zu ihm um. "Sehen Sie bitte nach vorne!", fuhr er sie an, denn durch ihre unbedachten Bewegungen hatte er seine liebe Mühe, den Motra in der Spur zu halten. Waren alle Menschen derart unruhig wie dieses Exemplar vor ihm? Selbst Ebuth war dagegen harmlos. "Auch wenn ich nicht der Captain eines Raumschiffes bin, vermag ich sehr wohl nachzuvollziehen, wenn man seine dunklen Seiten besser für sich behält." Was redete er denn nur? Er schüttelte seinen Kopf. Diese Person brachte ihn dazu, dass seine Fingerspitzen kribbelten und Dinge äußerte, zu denen er sich sonst nie hinreißen lassen würde. Zuerst tat Kathryn ihre Bemerkung leid, schien sie doch im Moment von einem ins andere Fettnäpfchen zu treten, doch sie stutzte. Was hatte er da eben gesagt? Dunkle Seiten? Sie spürte das Blut in ihren Adern pulsieren. "Da sprechen Sie wohl aus Erfahrung", konterte sie kühl, obwohl ihr etwas anderes auf der Zunge lag. Unentschieden. Laurentyus konnte ein Lachen nicht unterdrücken. "Nein, drehen Sie sich nicht um!", lachte er. "Und falls Sie sich jetzt entschuldigen wollten ... Entschuldigung wurde angenommen." Kathryn öffnete protestierend ihren Mund. "Aber wenn wir weiter so trödeln, bekommen wir keinen Sitzplatz mehr ab ... Bleiben Sie ganz locker. Es passiert Ihnen nichts." Während seiner letzten Worte wurde bereits ihr Gewicht nach hinten verlagert und Janeway hielt die Luft an. Er besaß tatsächlich die Frechheit und beschleunigte. Mit hoher Geschwindigkeit raste er auf die nächste Kreuzung zu. "Dort vorne!", rief sie ihm warnend zu, denn sie näherten sich einer Person, die den Korridor geradeaus ging und in wenigen Sekunden wäre es an dieser Stelle zu eng, um mit dem Motra durchzufahren. "Keine Sorge ... Rechts!", befahl er ihr rasch und lenkte das Gefährt hart um die Kurve. Janeway sog die Luft zwischen den zusammengepressten Zähnen ein. Sie spürte den Kontakt zu seinen Beinen, der Fahrtwind wehte ihre langen Haare zur Seite. Von einer auf die andere Sekunde hatte sie das Gefühl, eins mit dem Motra zu sein. "Es ist nicht mehr weit, Captain", sagte er seelenruhig zu ihr. Er war sich sehr sicher, sie durchschaut zu haben, oder wie sollte sie das deuten? "War das etwa schon alles, was dieser Motra an Schubkraft zu bieten hat?", hörte sie plötzlich ihre Stimme ihn herausfordern. Langsam gewöhnte sie sich an dieses Fortbewegungsmittel, es bereitete ihr sogar Vergnügen. "Sie bekommen eine Sondervorführung, Captain", flüsterte er ihr in Ohr. Sie spürte, wie er seinen Körper nach vorne neigte, um dem Fahrtwind weniger Angriffsfläche zu bieten und sie beugte ihre Knie ebenfalls leicht durch. Ein Kribbeln nach dem anderen durchflutete ihre Magengegend, während er im Zickzack durch den Korridor fuhr. Weiter vorne wurde erneut eine Abzweigung sichtbar. "Raten Sie", flüsterte er ihr ins Ohr. Seine Worte brachten einen weiteren Adrenalinschub bei ihr zum Ausbruch. Wohin würde er fahren? Nach links oder nach rechts? Geradeaus war nicht möglich. Würde sie sich falsch entscheiden, hätte dies fatale Folgen. Sie lockerte ihre Muskeln, schloss ihre Augen, lehnte sich an ihn und ließ ihrem Körper seinen vorgegebenen Bewegungen folgen. Als sie diese wieder öffnete, erblickte sie eine große Tür, auf die sie mit hoher Geschwindigkeit zufuhren. Laurentyus betätigte den Knopf vorne neben der Steuerung und mit starker Schubumkehr bremste er den Motra ab. Sein Herz klopfte, denn die Tür kam immer näher. Mit einem Ruck kamen sie wenige Zentimeter davor zum Stehen. Leichte Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, als er von der Plattform stieg und nach der Hand von Kathryn griff. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt eine solch rasante Fahrt unternommen hatte. Kathryn sagte beim Abstieg kein Wort, grinste jedoch, als sie seine zerzausten Haare und den feinen Schweiß in seinem Gesicht erblickte. Der Xaurim lächelte zurück, denn ihre Wangen waren gerötet von der Fahrt und ihre Augen glänzten, als ob sie Gefallen daran gefunden hätte. "Habe ich es doch gewusst, Sie sind ein Naturtalent", lobte er sie. "Folgen Sie mir." Er ging voran und hielt ihr die Tür auf.

Ein lautes Gemurmel ging durch den großen Saal, der mindestens Platz für hundert Tische bot, an denen jeweils vier Personen ihre Mahlzeit einnehmen konnten. Er hatte nicht untertrieben, dass sie keinen Sitzplatz mehr abbekämen, wenn sie sich nicht beeilten. Sie blickte in alle Richtungen, konnte aber keine freie Ecke entdecken. Überall saßen männliche Xaurim, die sich angeregt unterhielten und ihr Essen einnahmen. Sie folgte Laurentyus und versuchte, die Personen nicht zu auffällig zu beobachten. Alle von ihnen verfügten über diesen dunklen Teint, wie ihr 'Aufpasser', nicht alle hatten jedoch so schöne lange, glatte Haare wie er, auch wenn sie alle fast tiefschwarz waren. Jemanden mit grauen Haaren entdeckte sie nicht. Andarious musste sehr alt sein. "Hier", sprach er und fasste nach ihrem Arm, um sie durch die vielen Besucher zu einem freien Platz zu dirigieren, den er soeben entdeckt hatte. "Nehmen Sie bitte Platz. Ich werde uns etwas zu Essen holen, damit Sie die verlorene Energie wieder aufholen können." Er schmunzelte. "Ich bin gleich zurück." Kathryn setzte sich auf die kühle Bank und kam sich sogleich etwas klein vor. Mit durchgestrecktem Rücken gelang es ihr, ihre Ellenbogen auf die Tischplatte zu legen. Sie spürte, wie die Kühle des Metalls durch ihre Kleidung drang und es kam ihr nach dieser Fahrt ganz gelegen. Unauffällig fasste sie nach ihren Haaren und bemerkte, dass diese nicht weniger zerzaust sein mussten, als die von Laurentyus. Sie blickte zur Seite und sah einem Xaurim kurz in die Augen, der sogleich wieder auf sein Essen starrte. Kathryn zuckte in Gedanken mit den Schultern und rieb ihre Hände. Irgendwie fühlte sie sich beobachtet. Sie ließ ihren Blick von Tisch zu Tisch wandern. Die Männer in dem Saal beobachteten sie, taten es ihrem Vorgänger gleich, indem sie sofort wieder wegsahen, nachdem Kathryn sie angesehen hatte. Andarious' Worte von vorhin kamen ihr in den Sinn. Sagte er nicht etwas davon, dass er die Regel, dass Frauen sich vor ihm niederknien müssten, abgeschafft hätte, weil er viele Jahre lang ohne weibliche Personen an Bord unterwegs wäre? Starrte man sie deshalb so an? Oder war sie nur das Tagesgespräch? Die Person, die von den Kazon gerettet wurde und nach Tagen aufwachte? "Hier, bitte", sagte Laurentyus fröhlich und stellte ein Tablett mit einem Getränk und einem Teller vor Janeway auf den Tisch. "Danke", erwiderte sie. Irgendwie war sie doch froh, dass er so schnell zurück kam. Der Xaurim setzte sich ihr gegenüber und nahm sein Besteck in die Hände. "Ich hoffe, es schmeckt Ihnen", sprach er und widmete sich seiner Mahlzeit. Kathryns Lächeln versiegte. Zweifelnd blickte sie von ihrem zu seinem Teller. Er aß etwas anderes und bei ihr ... "Was ist das?", flüsterte sie und deutete auf ihr Essen, das nach kleinen, blauen Maden aussah, die sich zu allem Überfluss auch noch bewegten. "Das sind Quar Lour ... Eine Delikatesse der Xaurim mit vielen Proteinen", meinte er kauend. Quar Lour ... Eine wohlklingende Bezeichnung für ein solches ... Ihr drehte sich beinahe der Magen um. Sie griff zu ihrem Glas mit dem Getränk, roch vorsichtig daran und nahm einen großen Schluck. Es schien eine Art Wein zu sein und den Alkohol hätte sie bitter nötig, wenn sie nicht beleidigend werden und das Essen zurückweisen sollte. Amüsiert beobachtete er die Frau, wie sie einen weiteren großen Schluck des Rhawim zu sich nahm. Er hoffte, dass ihre Spezies dieses Getränk vertragen würde, vielleicht hätte er eine andere Wahl treffen sollen, doch es mundete perfekt zu den Quar Lour. "Wie groß ist Ihre Besatzung?", fragte sie und nahm beiläufig die Gabel in ihre Hand, um diese hin und her zu schwenken. "Mmm..." Laurentyus schluckte das Essen hinunter und nippte an seinem Getränk. "Ungefähr 680 Xaurim", antwortete er und beobachtete sie weiter. Sie hatte hübsche Augen, besonders, wenn diese ihn groß vor Erstaunen anblickten. Chandúdah würde Gefallen daran finden, auf diese Weise häufiger in seinem Geiste präsent zu sein. Er vermisste sich noch immer. Kathryn widmete sich ihrem Essen. Mit der Gabel schob sie drei dieser madenähnlichen Quar Lour vom Tellerrand zurück in die Mitte, wo sich die Artgenossen auf einem Haufen tummelten. "Weshalb reisen Sie mit einer solchen starken Besatzung jahrelang durch den Raum?", wollte sie von ihm wissen. "Das Gebiet der Xaurim ist groß. In erster Linie sind wir ein Forschungsschiff, ständig auf der Suche nach neuen Heilungsmitteln. Wir erkunden und analysieren die Planeten, die zu unserem Gebiet gehören und hin und wieder achten wir darauf, dass fremde Schiffe nicht unberechtigt unseren Raum durchqueren. In den letzten Jahren haben sich die Übergriffe der Kazon hier sehr verstärkt. Wie gelangten Sie überhaupt in die Hände der Kazon?" "Das ist eine längere Geschichte", antwortete sie und blickte auf ihre Handfläche, die eines der Quar Lour unbemerkt erreicht hatte. Es fühlte sich warm an und hinterließ einen leicht schleimigen Rückstand auf ihrer Haut. Sie beschloss, ihre Vorgeschichte auszulassen. "Ich wurde an Bord der Voyager von zwei Kazon überwältigt, die ..." Er nahm ihre Hand, zog sie zu sich über die Mitte des Tisches und betrachtete das Essen. "Man sollte nicht mit seinem Essen spielen", meinte er, nahm den Quar Lour und hielt ihn ihr in Mundhöhe vors Gesicht. Lächelnd lehnte sie kopfschüttelnd ab und sah zu, wie er es sich achselzuckend schmecken ließ. Seine Augen schlossen sich und sein zuvor entspanntes Gesicht zuckte um die Mundpartie, um sich sofort wieder mit einem Lächeln zu entspannen, wobei er sie wieder ansah und das Essen hinunter schluckte. Sie starrte ihn an und befeuchtete sich unbewusst ihre Lippen. Was riefen diese Quar Lour bei ihm hervor? "Sie ... sie entführten und verhörten mich", sprach sie geistesabwesend und fixierte ihn noch immer mit ihrem Blick. Laurentyus nickte. "Ich habe die Spuren an Ihrem Körper gesehen", sagte er bedauernd. Kathryns Interesse war geweckt. Sie überwand ihren Ekel und nahm einen der Quar Lour, den sie vorsichtig in ihren Mund steckte. Er bewegte sich auf ihrer Zunge und es kitzelte. Sie zögerte, ob sie zubeißen sollte oder ihn einfach hinunter schlucken würde. Er sah, wie sich ihr Kiefer langsam bewegte und Janeways Augen ihn groß anblickten. Ihr Mund öffnete sich weit und ihr Brustkorb füllte sich mit Luft. Er schmunzelte, als sie hastig nach dem Rhawim griff und einen großen Schluck nahm. "Schmeckt es Ihnen?" Ihre Augen tränten und sie atmete laut ein und aus. Es war kein sinnliches Erlebnis, diese Quar Lour zu essen, wie er ihr vorgetäuscht hatte, sondern sie brannten scharf auf ihrer Zunge, nachdem sie es zerdrückt hatte. Er hatte sie perfekt reingelegt. "Ich bin ...", sie trank einen weiteren Schluck, "diese Schärfe wohl nicht gewohnt." Ihre Lippen brannten. Sie blickte zur Seite, denn sie fühlte sich beobachtet. Der Xaurim zu ihrer Rechten starrte sie unverhohlen an. "Ich bin wohl nicht das Paradebeispiel für ein menschliches Studienobjekt", meinte sie zu Laurentyus und atmete wieder durch die Nase. Er folgte ihrem Blick von eben und sah zu dem anderen Xaurim. "Ramatah ...", sprach er ihn an, woraufhin dieser sich zu Laurentyus umdrehte und endlich den Blick von Janeway nahm. Kathryn hörte Laurentyus etwas zu dem Mann sagen, was ihr Translator ihr nicht übersetzte. Sie entdeckte ein Funkeln in den Augen des Mannes, der sie ein letztes Mal ansah und sich rasch von seinem Platz entfernte. Was hatte er ihm gesagt? Fragend blickte sie ihr Gegenüber an, doch dieser reckte seinen Oberkörper, um sich plötzlich zu erheben. "Ebu ... Ebu", rief er durch den Raum und streckte seine Hand in die Höhe. Stirnrunzelnd beobachtete Janeway sein Gebärden und versuchte etwas in der Richtung, in die er blickte, auszumachen. "Laury? ... Laury!" Erstaunt hörte sie eine helle Stimme sich mit Gelächter nähern. "Was machst du hier, Ebu?", fragte Laurentyus und winkte mit ausgestrecktem Arm einen Jungen zu sich. "Ich dachte, du wärst bei Timnra." "Ich bin auf der ..." Die Stimme brach plötzlich ab und Kathryn entdeckte ein Kind der Xaurim, das in sicherer Entfernung sie wie versteinert mit offenen Mund anstarrte. "Es ist in Ordnung", sprach Laurentyus beruhigend. "Komm zu mir." Zögernd trat der Junge, den Janeway nach menschlichen Maßstäben auf höchsten fünf oder sechs Jahre schätzte, näher zu Laurentyus und drückte sich an ihn. "Ich suche Timnra. Er versteckt sich", erklärte der Junge. "Ist sie das?", flüsterte er. "Ja, das ist der Captain", nickte Laurentyus. "Captain, das ist Ebuth, mein Sohn." "Hallo Ebuth", grüßte sie ihn und streckte ihm die Hand entgegen. Laurentyus setzte sich und Ebuth schmiegte sich weiterhin an ihn. Sie konnte nicht hören, was der Junge ihm ins Ohr flüsterte, doch sein Gesicht zierte ein breites Lächeln. "Frag sie am besten selbst", schlug er vor und gab Ebuth einen kleinen Stups. "Sie beißt dich nicht." Mit gesenktem Kopf näherte sich Ebuth millimeterweise der Fremden. Seine Finger fuhren die Tischkante entlang und flink ergriff er einen von den Quar Lour auf Janeways Teller, den sie beiseite geschoben hatte. "Ebu!", schimpfte Laurentyus. "Nicht! Die sind ..." Zu spät. Ebuth hatte sie bereits in den Mund gesteckt. "Scharf", fügte Kathryn hinzu und erntete dafür einen fragenden Blick aus großen Kinderaugen. Sie musterte den Jungen erstaunt. Er schluckte diese Speise hinunter, ohne die Miene zu verziehen. "Wie heißt du?", flüsterte Ebuth und kam näher. "Kathryn", betonte sie mit einem kurzen Blick zu Laurentyus, denn mit 'Captain' würde dieser kleine Kerl gewiss nichts anfangen können. Er nahm all seine Überwindungskünste zusammen und streckte seine Hand nach Janeways Gesicht aus. Kurz davor hielt er inne und drehte sich um. "Darf ich?" "Frag nicht mich", wehrte Laurentyus ab. "Was möchtest du?", wollte sie von Ebuth wissen, der inzwischen neben ihr auf die Bank geklettert war. "Kath?", fragte Ebuth und rutschte auf Knien näher. Janeway schmunzelte. Der Junge sang ihren Namen fast und zog ihn melodisch in die Länge. Er hatte wunderschöne, große Augen und trug seine Haare hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. "Du darfst", gab sie ihm leise ihr Einverständnis, nachdem seine Hand immer näher ihrem Gesicht kam. Mit offenem Mund betrachtete er ihre bleiche Haut und streckte seine zweite Hand aus, um sie zu berühren. Er strich so vorsichtig über ihre Wangen, dass sie beinahe lachen musste, weil es kitzelte. Seine Augen glitzerten. "Laury", flüsterte Ebuth aufgeregt, "sie fühlt sich ganz warm und glatt an." "Ich weiß", erwiderte Laurentyus lächelnd und nahm einen fragenden Blick von Janeway wahr. "Hast du Kinder?", brachte Ebuth seine Gedanken direkt auf den Punkt. "Ebuth!" "Es geht in Ordnung", ergriff sie Partei für den Jungen. Es war natürlich, dass er neugierig war. "Nein, ich habe keine Kinder." Seine Finger wanderten über ihre Nasenspitze. "Wie alt bist du?", wollte er als nächstes wissen. Mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. Offenen Mundes nach einer Antwort suchend blickte sie zu Laurentyus, der sich grinsend eins feixte. "Ich denke ... ich müsste in etwa so alt wie dein Vater sein." Die Augen des Jungen funkelten interessiert. "Hast du einen Mann?" Er strich vorsichtig über ihre Haare, die einen noch nie gesehenen Farbton aufwiesen. Laurentyus hielt sich aufmerksam zuhörend im Hintergrund. Sie war es, die diese Fragen wollte. Kathryn dachte an Mark, ihren Verlobten. Wartete er noch immer auf sie? Auf der Erde müsste man sie nach der langen Zeit bereits für tot erklärt haben. Wieder kehrte sie zurück zu den Dingen, die sie beschäftigten. Wo befand sie sich? Hier und jetzt hatte sie eine andere Vergangenheit, von der sie kaum etwas wusste. Laut der Datenbank der Föderation war sie nicht einmal Captain, sondern hatte ihre Laufbahn vor Jahren beendet. Sie dachte an Chakotay. "Nein, vermutlich nicht", äußerte sie schließlich unsicher über ihre eigene Person. Ebuth strahlte übers ganze Gesicht. "Laury ist auch alleine", meinte er fröhlich. "Ebu, es reicht!", wies Laurentyus ihn zurecht. Ihm war nicht der Gesichtsausdruck von Kathryn entgangen, während sie nach einer Antwort auf die letzte Frage gesucht hatte. "Komm bitte zu mir." Er winkte seinen Sohn zu sich. "Du darfst noch eine Nacht bei Timnra schlafen", eröffnete er ihm. "Au ja!", rief Ebuth und hüpfte vor Freude. "Aber morgen darf ich wieder zu dir?" "Aber selbstverständlich." Er umarmte ihn liebevoll. "Hast du noch Zeit für einen Spezialauftrag?" Neugierig blickte Ebuth ihn an. "Aber immer doch, werter Laury von Mosophy", sprach er zackig und stand stramm. Laurentyus lächelte. "Laufe und überbringe rasch die Botschaft an Gwordan: Ich möchte das Zimmer aus Sektor G 17 und er möge mir umgehend meinen Koffer und die Sachen, die im Labor auf dem Tisch liegen, in das Zimmer bringen. Kannst du dir das merken?" "Zimmer aus Sektor G 17", wiederholte Ebuth. "Deine Sachen kann ich dir doch holen. Ich bin viel schneller, als dieser Gwordan." "Das stimmt", schmunzelte er und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. "Ich liebe dich, mein Sohn. Danke, Ebu." "Ich dich auch, Laury." Die folgenden Worte konnte Kathryn nicht verstehen, da Ebuth ihm zum Abschied etwas ins Ohr flüsterte. "Dann werd schnell erwachsen", sprach Laurentyus mit einem unterdrücktem Lachen, "aber nun lauf." Fröhlich winkend verschwand der kleine Junge. Kathryn blickte ihm nachdenklich hinterher. "Verzeihen Sie, wenn Ebu Sie in Verlegenheit gebracht hat", lächelte er sie an. Die Worte seines Sohnes hallten noch immer in seinem Ohr. Zweifelsohne, er besaß einen guten Geschmack. "Er ist interessiert und aufgeweckt", meinte sie. "Das sind sehr gute Eigenschaften, um seinem Vater in die Fußstapfen zu treten." "Ja, manchmal jedoch eine Spur zu neugierig", lachte er. "Was ist mit seiner Mutter?", fragte sie leise. Ein Schatten huschte über sein Lächeln. "Es war nur eine einmalige Sache", erzählte er mit bedrückter Stimme. "Seit dem letzten Landgang haben wir einige Kinder an Bord ... Sie wollte sich nur vergnügen, es war keine Liebe im Spiel." Er trank einen Schluck. "Sie hat niemals in die wunderschönen Augen ihres Sohnes geblickt ... Kurz nach der Geburt von Ebuth starb sein Vater. Er war mein bester Freund. Ebuth ist nicht mein leiblicher Sohn, doch ich habe meinem Freund versprochen, ich würde mich an seiner Stelle um ihn kümmern. Ich liebe ihn wie meinen eigenen Sohn." Kathryn schluckte schwer. "Das tut mir leid", entgegnete sie mit belegter Stimme. "Das wusste ich nicht ... Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten." Ebuth sah Laurentyus so ähnlich, dass sie es nie vermutet hätte, er wäre nicht sein leiblicher Sohn. Er ging derart liebevoll mit ihm um, dass sie niemals auf eine solche Idee gekommen wäre. "Eine meiner dunklen Seiten", sprach er traurig und setzte ein Lächeln auf.


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