Spiegel der Seele: Kapitel 14 - Zweifel

Kathryn gähnte und streckte sich. War sie doch tatsächlich eingenickt. Sie blickte an die Decke und rollte sich auf dem großen Bett in die Seitenlage. Nachdem Ebuth gegangen war, versorgte Laurentyus sie mit einer neuen Mahlzeit, die ungewürzt und nicht aus sich bewegendem Essen bestand. Bis in den späten Nachmittag saßen sie dort und unterhielten sich. Ihr Blick ging durch den Raum. Die Quartiere für die Gäste an Bord der Voyager kamen ihr winzig dagegen vor. Das Zimmer, in dem sie lag, war mindestens so groß wie ihr Bereitschaftsraum. Von ihm gingen zwei Türen ab. Eine führte in einen gemütlichen Wohnraum, die andere zu einem mehr als großzügigen Badezimmer. An diese beiden Räume, die sie sich mit Laurentyus teilte, führten jeweils eine Tür zum privaten Zimmer von Laurentyus und eine weitere Tür im Wohnraum stellte den Ein- bzw. Ausgang dar. Eindeutig, sie hatte zuviel gegessen, dass sie um diese Uhrzeit mit Leichtigkeit einschlafen konnte. Sie erhob sich und schlich verschlafen in Richtung des Badezimmers. Sogar vor dem Spiegel stehend musste sie sich anstrengen, ihre Augen zu öffnen. Was war das? Janeway schnellte um die eigene Achse und bemerkte entsetzt, dass sie sich nicht alleine in dem Zimmer befand. Ein triefnasser Laurentyus konnte sich gerade noch rechtzeitig ein Handtuch um seine Hüften schlingen. Er hatte gebadet. "Verzeihung ...", flüsterte sie nervös und wollte ihren Blick von ihm abwenden. Es war nicht sein muskulöser Körper, der sie gefangen hielt, sondern eine Art Hautlappen in Höhe seines Bauches. "Kein Problem, Sie können bleiben. Ich war gerade fertig", begrüßte er sie und entdeckte, wohin ihr Blick zielte. Vielleicht war das ein günstiger Zeitpunkt, um auch seine Fragen zu beantworten, die die menschliche Rasse betrafen. Er trat auf sie zu und stellte sich neben sie vor den Spiegel. "Sie fragen sich bestimmt, was das ist", meinte er und fuhr mit den Händen durch sein nasses Haar. "Was meinen Sie?", fragte sie unsicher. "Ich schäme mich nicht dafür und für Sie besteht auch nicht die Notwendigkeit dazu." Prüfend las er in ihren Augen und drehte seinen Körper in ihre Richtung. "Sehen Sie es sich ruhig an." Sie schwieg und sah einzig in seine Augen. "Das ist der Ort, wo unsere Kinder heranwachsen, bis sie feste Nahrung zu sich nehmen können." Er nahm ihre Hand und hielt sie ihr erklärend in Brusthöhe. "Die Hände einer Xaurim sind das Wertvollste", sprach er ruhig. "Der Abstand zwischen dem ersten und zweiten Gelenk", er deutete auf den Bereich zwischen ihrem Daumen und Zeigefinger, "ist größer als bei den Menschen und er verfügt über eine kleine Öffnung. Bei der Vereinigung eines Paares führt die Frau ihre Hand hier hinein ..." Er ließ ihre Hand in einem angemessenen Abstand über seinen Bauch schweben. "Und die Öffnung an ihrer Hand weitet sich, um ..." "Danke", hauchte sie und zog ihre Hand fort, "ich habe verstanden." Irritiert blickte er sie an, nahm er doch an, sie wäre wie er ein Wissenschaftler und einem Studium fremder Spezies nicht abgeneigt. Zögernd richtete sie ihren Blick hinab zu seinem Hautlappen. Selbst wenn sie es nicht zugeben würde, der Gedanke, dass die Männer die Kinder austrugen, faszinierte sie. "Wie lange tragen Sie Ihre Kinder aus?", hörte sie sich selbst fragen und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. "Neunzehneinhalb Monate", antwortete er. Mit großen Augen blickte sie zu ihm auf und fragte sich insgeheim, ob es demnach überhaupt etwas gab, das er unter dem Handtuch vor ihr verbarg. "Das ist eine lange Zeit." Laurentyus nickte. "Wie ist es bei Ihnen?" Kathryn blinzelte. "Wie pflanzt sich Ihre Spezies fort?", kam er auf den Punkt. "Wissen Sie ...", verlegen wanderte ihre Finger in ihren Nacken. Er erwartete nicht im Ernst, dass sie ihm in aller Einzelheit den Ablauf einer menschlichen Paarung beschrieb? Er erwartete es. "Ich sende Ihnen ein paar Dateien aus der Datenbank meines Schiffes, sobald ich wieder an Bord bin", bot sie ihm an. Er verstand nicht, weshalb ihr das Thema peinlich war. Bei seinem Volk war es normal, offen darüber zu sprechen. Laurentyus respektierte jedoch ihre Entscheidung, selbst wenn ihm die Fragen auf der Zunge brannten, weshalb ihr Oberkörper diese Erhebungen auswies und wie das männliche Exemplar ihrer Spezies aussah. "Ich würde mich freuen", antwortete er und beschloss sein Handtuch höher neu zu verknoten. "Gut, dass Sie da sind. Ich möchte mir Ihre Werte zur Sicherheit noch einmal ansehen. Laufen Sie nicht weg, ich bin sofort zurück." Kathryn sah ihm nach, wie er schnellen Schrittes den Raum in Richtung des Wohnzimmers verließ. "Oh, es geht mir gut", rief sie ihm nach. Sie war nur gerade etwas verwirrt über seine Aufklärungsstunde. "Ja, ja", hörte sie ihn von nebenan brummen, "Sie sind so jemand, der das vermutlich auch von sich behauptet, wenn er den Kopf unterm Arm trägt." Sie rollte mir den Augen. Was hatte Andarious ihm über sie erzählt? Laurentyus kam zurück, stellte seine Tasche neben ihr auf den Boden und nahm sein Instrument hervor. "Stehen Sie bitte ganz still", bat er sie und begann, von ihrem Kopf an abwärts einen Scan anzufertigen. "Ich fühle mich gut." "Bitte nicht sprechen." Er scannte den letzten Bereich erneut und wertete die Daten aus. Ihr Puls war erhöht, ansonsten waren die Werte normal. In seiner Tasche griff er nach einem anderen Instrument. "Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen, werde Ihnen aber zur Sicherheit ein unterstützendes Mittel injizieren." Sie blickte auf das Gerät in seiner Hand und trat instinktiv einen Schritt zurück. "Was ist das?", fragte sie, weckte es doch unliebsame Erinnerungen an ihre Begegnung mit den Kazon in ihr. Laurentyus nahm ihre Hand und schob den Ärmel nach oben. "Etwas, um Ihre Abwehrkräfte zu stärken." Bevor er es ansetzen konnte, entzog sie ihren Arm. "Ist das unbedingt notwendig?" Panik schwang in ihrer Stimme mit. Besorgt beobachtete er ihre Abwehrhaltung. "Falls Ihnen etwas passiert, möchte ich mir hinterher keine Vorwürfe machen, Sie nicht umfassend medizinisch behandelt zu haben." Er streckte ihr seine Hand entgegen. "Ich übernehme die Verantwortung ... Bitte." Sie flüsterte und starrte auf das Gerät. Bei dem Klang ihrer Stimme bekam er eine Gänsehaut. Wut keimte in ihm auf. Wie konnten die Kazon ihr das antun? "Du wirst kaum etwas davon spüren", versprach er einfühlsam. "Ich verspreche es dir. Vertraue mir, Kathryn." Ihre Augen brannten. Das waren Chakotays letzte Worte, die er auf der Voyager zu ihr gesprochen hatte. Vertraue mir, Kathryn. Sie biss die Zähne zusammen und verdrängte ihre Gefühle. Zögernd reichte sie ihm ihren Arm. Der Xaurim legte das kühle Metall auf ihre Armbeuge und blickte ihr in die Augen. "Ist es schön auf deinem Heimatplaneten?", versuchte er sie abzulenken. "Ja", flüsterte sie und zuckte leicht zusammen, als die Bilder von ihrer Heimat von den Gesichtern zweier Kazon überlagert wurden und Laurentyus ohne weitere Vorwarnung ihr das Mittel injizierte. Beruhigend legte er seine Hand auf ihre Schulter. "Es ist alles gut, das war es schon. Sie haben es geschafft." Mit Schrecken sah er diesen Blick von ihr, der geradeaus einen Punkt in dem Raum fixierte. Ihre Augen hatten das Leuchten verloren, das, was er am meisten in ihrem Gesicht schätzte. "Ich nehme ein Bad", sagte sie mit rauer Stimme und trat an ihm vorbei. Er nickte, obwohl sie ihn nicht eines Blickes würdigte. "Entspannen Sie sich. Ich bin nebenan. Rufen Sie mich, wenn Sie etwas brauchen." Flink sammelte er seine Sachen zusammen und schritt zum Ausgang. Einen letzten Blick auf sie gerichtet, sah er sie vor der großen Wanne stehen, bewegungslos, wie versteinert. Bedrückt schloss er die Tür hinter sich.

Stunden hatte Janeway in der Badewanne zugebracht. Sobald das Wasser auskühlte, füllte sie heißes hinzu und verweilte in dem Nass, bis ihre Haut vollkommen aufgeweicht war. Laurentyus akzeptierte respektvoll ihr Verhalten und erkundigte sich mehrmals durch die geschlossene Tür nach ihrem Befinden. Irgendwann war es ihr genug an privaten Minuten, die sie zum Nachdenken brauchte. Sie begab sich neu gekleidet zurück zu Laurentyus und sie verbrachten gemeinsam den Abend. Weitere Touren mit dem Motra folgten, als sie zu Essen beabsichtigten. Sie unterhielten sich viel und auf dem Rückweg steuerte sie alleine einen Motra, dicht gefolgt von ihm. Es war alles in allem ein sehr interessanter Abend, der Laurentyus vor Müdigkeit winzige Augen bescherte. Ihr Nacken war verspannt von den Fahrten und sie hätte gut schlafen sollen, doch was tat sie? Mitten in der Nacht saß sie auf dem Fußboden im Wohnzimmer und starrte auf eine Projektion eines Feuers, das sie nicht zu wärmen vermochte. Kathryn seufzte leise und zog ihre Beine zum Oberkörper. Ihr Kinn stützte sie auf ihre Knie und ihre Arme umfassten ihre kalten Füße. Keine Position, um den Rücken zu entlasten, doch in dieser Haltung war ihr Kopf auf einer Höhe mit der Projektion und sie konnte hoffen, dass dieser Anblick ihren Geist irgendwann einschläferte. Ihre Gedanken kreisten ruhelos. Weshalb interessierten sich die Kazon für die Sicherheitscodes ihres Schiffes? Sie wären für sie nur von Nutzen, wenn sie sich in einem Paralleluniversum befände und sie eine Möglichkeit witterten, ihre Voyager zu erreichen und anzugreifen. Wer aber wusste davon? Es kam nur die Besatzung von Chakotays Crew in Frage. Oder sollte sie der mysteriösen Auderby Glauben schenken, dass die Zeitlinie verändert wurde und dieses hier die Realität und kein Paralleluniversum war? Das würde für ihre persönlichen Sternenflotten-Akten sprechen, die von einer vorzeitig beendeten Laufbahn ihrerseits Auskunft gaben. Doch weshalb war sie dann hier mit einer anderen Vergangenheit, besser gesagt mit dem Bewusstsein einer anderen Vergangenheit? Gab es sie zwei Mal? Wenn dem so war und sie niemals über den Rang eines Captains verfügt haben sollte, was nutzten dann den Kazon ihre Sicherheitscodes? Nichts. Auf Chakotays Schiff hatte sie es ausprobiert, sie waren nutzlos. Hatte sie etwas übersehen? Sollten sie eventuell eine Funktion an Bord seiner Voyager erfüllen, die sie nicht bedacht hatte? Ihr fiel nichts ein. Das wiederum war ein Indiz dafür, dass es eine zweite Voyager, ihre Voyager, geben musste. Wären die Sicherheitscodes den Kazon in die Hände gefallen, dann hätte sie ihre und nicht Chakotays Crew verraten. Aber war die Crew von Chakotay nicht auch auf gewisse Weise ihre Crew? Kathryn stöhnte leise und verbarg ihr Gesicht. In welche Richtung sie auch dachte, es war alles irgendwie absurd und es bereitete ihr Kopfschmerzen.
"Können Sie nicht einschlafen?", fragte Laurentyus. Sie erschrak nicht, hatte sie eben zuvor das leise Geräusch von nackten Fußsohlen auf dem kühlen, glatten Boden vernommen. "Es ist erstaunlich", stellte sie fest, "mag sich der Körper auch noch so sehr nach Schlaf sehen, wenn der Geist nicht willig ist ..." Kathryn blickte zu ihm auf. "Das ist nicht ...", er gähnte herzhaft, "gut." "Wenn ich Sie mir so anhöre, dann frage ich mich allerdings, was Sie durch das Zimmer schleichen lässt." Er ließ sich zu ihr nieder. "Ich glaubte, ein Geräusch zu hören." "Verzeihen Sie, das muss ich wohl gewesen sein." Sie starrte zurück auf das lodernde Feuer. "Brauchen Sie etwas?", wollte er wissen. "Haben Sie Durst? Sind Sie hungrig?" "Nein, vielen Dank. Ich brauche nur einen freien Geist und den können Sie mir kaum verschaffen." Laurentyus musterte ihr Profil. "Hier unten ist es kalt. Weshalb setzen wir uns nicht auf die Couch?", schlug er vor. Schweigend gab sie ihm Recht und erhob sich. Sie erwähnte nichts von ihrer Hoffnung, diese sinnlose Feuer-Darstellung würde sie dermaßen langweilen, dass sie einschlafen konnte. Stumm folgte sie ihm zu der Sitzgruppe und wählte den Einsitzer. "Was ist es, dass Sie nicht schlafen lässt?", erkundigte er sich und blieb neben ihr stehen. "Meine dunkle Seite", versuchte sie zu scherzen. Es war einfach, ihm ein Lächeln zu entlocken. "Ich an Ihrer Stelle wäre auch unruhig, wenn ich in wenigen Stunden wieder zurück auf meinem Schiff wäre. Man hat bestimmt verzweifelt nach Ihnen gesucht." Sie legte ihre Stirn in Falten. Hatte man nach ihr gesucht? Weshalb flog die Voyager dann in die entgegengesetzte Richtung? Ihr Schiff? - Womit sie wieder beim Thema ihrer schlaflosen Nacht wäre. "Ja, vermutlich", antwortete sie nicht sehr überzeugt, um höflich zu sein. Überrascht bemerkte sie, wie er sich vor sie kniete und ihre Hand ergriff, um zärtlich über ihre Haut zu streichen. "Es ist schon spät", sagte sie nervös, nachdem sich ihre feinen Härchen am Arm aufgerichtet hatten und zog ihre Hand fort. "Verzeihen Sie", bat er rasch. "Ich möchte nur für Ihr Wohl sorgen. Sie sollen sich entspannen und einschlafen. Bitte bleiben Sie, ich werde Sie nicht anfassen." Kathryn rieb ihr Gesicht. Sie hatte ja schon vieles in ihrem Leben gehört und vermutlich schlug er jetzt einen anderen, nicht direkten Weg ein, nachdem sie heute Nachmittag im Bad kurz angebunden auf die Unterschiede zwischen einem Xaurim und einem Menschen reagierte. Hielt er sie wirklich für so einfältig, dass sie ihm das abnehmen würde? "Es ist schon spät ..." "Bitte, Kathryn", bat er mit ausgestreckten Armen. Bereits jetzt hätten alle Alarmglocken in ihr schrillen sollen, doch sie zögerte, stützte ihr Gesicht mit den Handflächen und rieb es seufzend. "Laurentyus, ich weiß Ihr Bestreben um mein Wohlbefinden ganz bestimmt zu schätzen und ich befinde mich gerne in Ihrer Gesellschaft, aber es ist leider sehr spät. Ich sollte versuchen, ein wenig ..." Ihr verschlug es augenblicklich die Sprache. Sie sah zu ihm. Er berührte sie nicht, sondern saß mit geschlossenen Augen vor ihr und hielt seine Handflächen in ihre Richtung. Kathryn fühlte eine Art von Schwingungen, die seinen Bewegungen der Hände folgten und über ihren Körper wanderten. Unter anderen Umständen hätte sie es sehr überwältigend empfunden, doch weder hatte sie ihr Einverständnis dazu gegeben, noch erlaubte sie ihrem Körper weiterhin diese Art von sinnlichen Reaktionen. Sie riss ihre Augen auf, die sich willenlos geschlossen hatten und stieß heiße Luft aus ihren Lungen. Den Augenblick der zurückerlangten Selbstkontrolle nutzend, sprang sie vom Sessel auf und eilte in ihr Zimmer, wo sie sämtliche Türen hinter sich verschloss. Schnell atmend lehnte sie mit dem Rücken gegen die Wand, schloss ihre Augen und lauschte. Er machte keine Anstalten, ihr zu folgen. Mein Gott, in welches Geheimnis der Xaurim hatte er eben versucht sie einzuweisen? Wenn das dem Einschlafen dienen sollte, dann wusste sie nicht, wie sie jetzt ein Auge zu tun sollte oder es wie ihr dies möglich wäre, hätte sie ihn fortfahren lassen. War das alles real? Wer oder was war sie eigentlich? Wo befand sie sich? Sie wollte einzig wieder zurück in ihr altes, bekanntes Leben. Zurück zu ihrem Schiff und zu ihrer Crew. Außer Atem legte sie sich auf ihr Bett und rollte sich zusammen.


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