Spiegel der Seele: Kapitel 16 - Nergal

Sie wirkte verloren, an dem für die Xaurim kleinen Tisch sitzend, gedankenverloren ruhte ihr gesenkter Blick an einem imaginären Punkt im Nirgendwo. "Schmeckt das Essen?", fragte Laurentyus mit einem besorgten Mustern. "Oh ja ...", Ebuth schluckte schnell den Bissen hinunter, bevor er fröhlich weiter redete. "Es ist gut, Laury, sehr gut! Besonders die ..." Er verstummte. Laury schien ihm nicht zugehört zu haben, sondern fixierte Kathryn, die nicht einmal aufblickte. Ebuth fühlte die Spannung, die förmlich in der Luft lag, und beschloss die Erwachsenen nicht weiter bei der einseitigen Kommunikation zu stören. Leise seufzend zog er die Schüssel mit dem Gemüse, die vor ihm stand, näher und füllte sich einen Nachschlag auf. "Kathryn?", sprach er sie direkt an. Sie schien weiter entfernt, als ihm lieb war. Ihre Fingerspitzen der einen Hand tasteten über die scharfe Kante des Messers, das unbenutzt neben ihrem gefüllten Teller lag, die andere stützte ihren Kopf an der Stirn, was ihr eine gramgebeugte Denkerpose verlieh. In den letzten Wochen verschlimmerte sich ihr Zustand zunehmend. Die ersten Stunden nach der Zerstörung ihres Raumschiffes hatte sie mit niemandem ein einziges Wort gewechselt. Andarious hatte ihr die Nachricht überbringen lassen, von dem ergebnislosen Scan nach einem Zugang zur möglichen zweiten Voyager. Dieses riss sie aus ihrem Schweigen. Letzte Funken der Hoffnung ließen sie Andarious überzeugen, Tase zu besuchen und dort zur Sicherheit weitere Tests und Scans durchzuführen - ohne Erfolg. Das Oberhaupt der Taseianer kannte keinen Captain Janeway, doch er bot ihr an, sie dürfe bei ihrem Volk bleiben. Ein weiteres Angebot kam zur gleichen Zeit von Andarious - Janeway würde er weiterhin an Bord willkommen heißen und sie nach Kräften unterstützen, einen Rückweg zu ihrem Heimatplaneten zu finden. Sie erbat sich damals ein paar Stunden des Nachdenkens und entschied sich schließlich für ihr Bleiben an Bord der Mosophy. Wie das Schicksal es wollte, gab es keine Zeit für Trauer. Nach der Rückkehr von Tase brach bei einigen Mitgliedern des Außenteams ein Virus aus, den es einzudämmen galt. Laurentyus nahm jeden geeigneten Helfer an seine Seite, die er zur medizinischen Versorgung der Crew benötigte. Janeway schien aufzublühen, während sie sich um die kranken Xaurim an Bord kümmerte, ihnen Mut zusprach und unablässig mit nach dem Gegenmittel für das bislang unbekannte Virus suchte. Wenige Stunden schlief sie täglich, ständig war sie verfügbar. Bis die Quarantäne aufgehoben werden konnte, vergingen mehr als sechs Wochen. Mit dem Sieg über die Krankheit verschlechtere sich jedoch zusehends der Zustand von Kathryn. Es gab keine Patienten mehr, um die sie sich zu kümmern hatte und andere Aufgaben zogen sie nicht derart in den Bann, um ihnen ihr volles Potential und Aufmerksamkeit zu widmen. Freiwillig hatte sie eines Tages zugegeben, sich müde und erschöpft nach der Arbeit in der medizinischen Sektion zu fühlen und bat um eine Auszeit. Laurentyus machte sich jetzt in diesem Moment Vorwürfe, nicht bereits den Anfang von dem Abstieg ihrer Verfassung erkannt zu haben. Man gewährte ihr den Rückzug. Ein Fehler, der nicht zu verzeihen war, sprachen ihre inzwischen leicht eingefallene Wangen und die trüben Augen eine deutliche Sprache. Nie hatte sie über den Vorfall mit der Voyager gesprochen, kein einziges Mal sah er sie weinen, sie wirkte immer gefasst, ja sogar fast kühl und jetzt schien sie nur noch körperlich anwesend. Letzteres nicht mehr lange, wenn sie weiterhin nichts aß. Er hatte es im Guten versucht, mit Verständnis, Einfühlungsvermögen und Aufmerksamkeit ihr gegenüber, aber selbst die Drohung von gestern schien nicht zu fruchten, wenn sie überhaupt bis zu ihr vorgedrungen war. Mit einem lauten Geräusch ließ er sein Besteck auf den Teller fallen, so dass Ebuth vor Schrecken zusammenzuckte und mit offenem Mund ihn groß anstarrte. "Verzeih, Ebu", entschuldigte er sich bei seinem Sohn, "am besten ist es, du nimmst deinen Teller und gehst nach nebenan." Ebuth schluckte das Essen, das ihm beinahe im Halse stecken geblieben wäre, rasch hinunter. Widerworte hatten keinen Sinn, das wusste er zu gut, auch wenn er Laurentyus noch nie derart erlebt hatte. "So geht es nicht weiter!", rief er wütend und schlug mit der Faust auf den Tisch. Rasch ergriff Ebuth seinen Teller und entfernte sich in das Schlafzimmer. Während Laurentyus aufstand, auf Janeway zutrat und ihr das Besteck entnahm, registrierte er, dass sie wenigstens ihre Hand von der Stirn entfernte. Ungefragt drehte er ihren Stuhl zu sich, füllte etwas von dem Essen auf den Löffel und fasste nach ihrem Kinn, damit sie ihn nicht länger wie Luft behandeln würde. Was war nur aus der schönen Frau geworden, der Strähnen ihrer ungekämmten Haare im Gesicht lagen? "Muss ich Sie wie ein kleines Kind füttern, Janeway, damit Sie nicht verhungern?" Seine Augen funkelten sie verärgert an und sie blickte auf den Löffel, den er ihr drohend vor den Mund hielt. Es war ihr alles so egal, sie hatte einfach keinen Hunger. Weshalb verstand er das denn nicht und ließ sie einfach in Ruhe? "Wagen Sie es nicht!", drohte sie leise. Erstaunt blickte er ihr in die Augen. Beinahe hatte er nicht mehr mit einer Reaktion gerechnet. "Kathryn, ich mache mir Sorgen um Sie. Bitte, essen Sie wenigstens ein paar Bissen, damit Sie wieder zu Kräften kommen. Ich brauche Sie bei meiner Arbeit." Letzteres war zwar nur als Ansporn gedacht, lag derzeit keine Epidemie vor. "Sie lügen", durchschaute Janeway ihn und drehte ihren Kopf weg, nachdem der Löffel ihre Lippen berührte. Verdammt, sie hatte keinen Appetit! "Scheren Sie sich zum Teufel!", flüsterte sie abgewandt. Verärgert atmete er aus, ließ den Löffel auf ihren Teller fallen und entfernte sich schnellen Schrittes. "So geht das nicht weiter", murmelte er kopfschüttelnd, während er plötzlich Ebuth in der Tür stehen sah. "In dein Zimmer!", wies er ihn laut an und betrat das andere Zimmer, um etwas zu holen. Instinktiv duckte sich Ebuth und verschwand hinter der Tür. Sein Herz klopfte aufgeregt. Laurentyus verunsicherte den Jungen, denn niemals zuvor hatte er ihm gegenüber einen solchen Tonfall angeschlagen. Mit angehaltener Luft lauschte er nach den Schritten nebenan, die verrieten, dass Laurentyus zurückkehrte. Ein Geräusch, das die Schritte des Xaurim begleitete, ließ Janeway in seine Richtung blicken. Das verhieß nichts Gutes. "Ich werde Sie nicht einfach sterben lassen, hören Sie?", schwor er ihr und fuhr das Gestell mit dem Tropf, den er als Drohung bereits gestern in ihrem Zimmer sichtbar positioniert hatte, vor den Tisch. Kathryn sprang auf und versuchte zu flüchten. Seine Hand bekam sie kurzzeitig am Stoff ihrer Kleidung zu fassen und sie war in keiner guten Konstitution, so dass sie stolperte. "Nein", keuchte sie mehrmals, als er sie ergriff, zum Tisch zog und ihren Arm für eine Infusion freilegte. Sie beschloss, die Kraft für ihre Stimme in körperliche Gegenwehr einzusetzen. "Das hätte ich Ihnen gerne erspart, glauben Sie mir!" Endlich hatte er sie so in seiner Gewalt, dass sie nicht mehr flüchten könne. Sie würde nicht vor seinen Augen sterben! "Halten Sie still!", schrie er sie an. "Ich will Ihnen nicht wehtun." "Nein ...", stöhnte sie angestrengt beim Anblick der Kanüle und dachte nicht im Traum daran, sich dieses in den Arm führen zu lassen. "Nein!" Ein langgezogener, heller Schrei ging durch den Raum und ließ Laurentyus innehalten. "Nein, Laury!", rief Ebuth verzweifelt und rannte mit Tränen in den Augen auf die beiden zu. "Du darfst Kath nicht wehtun ... Bitte, tu ihr nicht weh ... bitte." Zitternd blieb er vor ihnen stehen. Geschockt ließ Laurentyus den Schlauch mit der Kanüle fallen. "Ebu, ich ...", setzte er mit unterdrückter Stimme zu einer Erklärung an, während sein Sohn sich weinend neben Kathryn kniete und ihr übers Gesicht strich. Er ließ ihre Arme frei. "Kath ... nein ...", stammelte Ebuth verstört. Tränen des Jungen fielen auf ihr Gesicht. "Es ist alles gut", versuchte sie ihn zu beruhigen und sein Anblick rief ihren Beschützerinstinkt hervor. "Beruhige dich..." Sie streckte ihre Arme nach Ebuth aus und dieser warf sich weinend auf sie. "Du darfst nicht sterben ... Kath, du bist doch meine Freundin ...", schluchzte er. "Ich sterbe nicht, Ebu", erwiderte sie mit zittriger Stimme und küsste ihn auf die Stirn. Sein kleiner Körper bebte und seine Finger streichelten ihre Wangen. "Ich hab dich lieb, Kath", sprach er unter nicht enden wollenden Tränen. Janeway sog die Luft ein und hielt sie an. Ihre Lippen zitterten. Beruhigend strich sie Ebuths Kopf und wiegte ihn leicht hin und her. Sie versuchte das Gefühl zu unterdrücken, das aus dem Verborgenen an die Oberfläche trat. Ihre Mimik verkrampfte sich und sie schloss kurz die Augen. Gekonnt hatte sie es die ganze Zeit in sich verschlossen, dieses zu schmerzende Gefühl der Ohnmacht, ihre Crew und ihr Schiff verloren zu haben. Weshalb musste dieser Junge den Stein ins Rollen bringen? Ihre Hand verschloss verkrampft ihren Mund, um es doch noch abzuwenden. Laurentyus rutschte von ihren Beinen und kniete sich hinter seinen Sohn. Beruhigend strich er ihm über den Rücken und beobachtete bewegt die beiden. "Es ist in Ordnung", flüsterte er und blickte in die mit Leben gefüllten Augen von Janeway, "Sie dürfen weinen." Ihre Hand entfernte sich von ihrem Mund, um den kleinen Jungen sanft zu umarmen. Sie wollte nicht weinen. Es ging ihr um Ebuth, dessen kleine, heile Welt wieder hergestellt werden musste, nicht sie war von Belang, denn ihre Welt war unwiederbringlich zerbrochen. Weshalb sollte sie überhaupt versuchen, zur Erde zurück zu kommen? Nur um dort den Hinterbliebenen zu bestätigen, was diese nach den ganzen Jahren bereits befürchten müssten? Dass sie ihre Crew und ihr Schiff verloren hätte? Verunsichert blinzelte sie. Oder würde sie dort auf ihr zweites Ich treffen und man würde sie, aufgrund der Tatsache, dass ein Captain Hayes die Voyager in diesen Quadranten führte und nicht sie, als Hochstaplerin oder Verrückte einsperren? Sie wusste momentan selbst nicht mehr, was sie glauben sollte oder wohin sie eigentlich gehörte. Ihre Identität war ebenso verloren wie ihre Crew. Kathryn atmete aus und ruckartig wieder ein. Ebuth würde sie nicht weinen sehen. Sie konnte es nicht zulassen, ihn weiter zu verletzen. Mit aller Kraft setzte sie sich mitsamt Ebuth auf und wischte ihm die Tränen aus seinem Gesicht. "Du musst keine Angst haben", sprach sie mit ruhiger Stimme und sie wunderte sich selbst, sich soweit unter Kontrolle zu haben. "Laurentyus wollte mir nichts tun und ich werde nicht sterben. Es ist alles in Ordnung." Allmählich konnte sie Ebuth beruhigen. Der Kleine hatte sie zu sehr in sein Herz geschlossen und je länger sie an Bord bleiben würde, desto schwerer würde es für ihn werden. Liebevoll küsste sie ihn ein weiteres Mal auf die Stirn und stellte fest, dass ihre Gefühle für ihn größer waren, als sie bislang wahrhaben wollte. Gemeinsam standen sie auf und Kathryn zwang sich Ebuth zuliebe einige Bissen des Essens in den Magen. In ihr reifte der Entschluss, nicht auch noch für eine verletzte Kinderseele verantwortlich zu sein, selbst wenn sie ihn ein weiteres Mal verletzen musste, er war jung und würde schnell vergessen. Je älter er würde, desto schwerer würde es für ihn, wenn sie von Bord ginge.

Spät in der Nacht war Janeway aufgestanden und hatte sich aus dem Quartier geschlichen. Laurentyus und Ebuth schliefen in ihrem Zimmer friedlich, wie ihr ein letzter Blick auf die beiden zeigte. Laurentyus konnte stolz auf seinen Sohn sein und ihr wurde bei dem Gedanken, ihn heranwachsen zu sehen, warm ums Herz. Rasch unterdrückte sie das Gefühl, denn nie wieder wollte sie jemanden verlieren. Sie fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Das Essen lag ihr schwer im Magen und das Bad erfrischte sie mehr, als dass es sie entspannte. Ihr Geist war rege und sie hatte sich stundenlang von einer auf die andere Seite gewälzt, um Abstand von allem zu bekommen. Es gelang ihr nicht und so beschloss sie, bereits heute ihre Entscheidung in die Tat umzusetzen. Eines Tages würde Ebuth sie verstehen, so hoffte sie. Kathryn sah sich nicht um, als sie den Riegel zu der Tür öffnete, in den Raum trat und diesen von innen verschloss. Sie stutze, denn die zusätzliche Beleuchtung, die damals, bei ihrem ersten Besuch vor Monaten, aktiviert wurde, als sie diesen Raum bis zur Hälfte durchquert hatte, war bereits eingeschaltet. Mit großen Augen erblickte sie hinter einer hohen Kiste einen Jungen, der nur wenige Meter von ihr entfernt auf dem Boden spielte. "Was machst du hier?", fragte sie erstaunt und eilte mit leisen Schritten zu ihm. In ihrer ganzen Zeit an Bord hatte sie ihn nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Der Junge blickte nicht auf, als sie sich vor ihn kniete, sondern ließ mit seinen Fingern weiter die imaginären Figuren agieren. "Das siehst du doch. Ich warte", sagte er mit der Selbstverständlichkeit eines Kindes. Janeway schaute sich um. "Es ist besser, wenn du woanders wartest", flüsterte sie streng und streckte ihm die Hand entgegen. Es war ein zierlicher Kerl mit blondem, dichten Haar, was überaus untypisch für die Xaurim war, den sie höchsten auf fünf Jahre schätzte. Ebuth könnte ihn kennen. "Du musst keine Angst haben", erwiderte er, nicht willig zu folgen. "Ich habe keine Angst", betonte sie leise. Endlich blickte er zu ihr auf. Sein Gesicht glich dem eines Engels. "Hast du doch, du flüsterst!", ließ er sich nicht täuschen. "Also schön, junger Mann", seufzte sie, "das hier ist nicht der richtige Spielplatz für dich!" Er streckte seine Hand nach ihrem Haar aus. "Du hast schöne Haare", lachte er fröhlich und fasste sie vorsichtig an. "Magst du mit mir spielen?" Eine weitere Diskussion an diesem Ort wäre nicht von Vorteil und daher nahm sie ihn kurzerhand auf ihren Arm. "Das würde ich gerne", antwortete sie ehrlich, "aber nicht hier und leider nicht jetzt, mein Prinz. Vielleicht später." "Aber du willst hier gar nicht wieder raus", meinte er enttäuscht und wickelte weiter eine Strähne von ihrem Haar um seinen Finger. Kathryn mustere ihn irritiert. "Das ist Unsinn", schob sie seine Feststellung beiseite und ging mit ihm auf dem Arm in Richtung der Tür. "Ist es nicht!", rief er mit seiner hellen Stimme laut.
Ein Gefühl in ihr ließ sie stehen bleiben. "Wie lautet dein Name?", wollte sie von ihm wissen. Der Knabe wurde ernst. "Das weißt du doch. Du hast ihn mir bereits gegeben." Sie löste nicht den Blickkontakt zu ihm, setzte ihn jedoch langsam mit den Füßen auf den Boden. "Nergal", sprach sie nickend und trat in einer Vorahnung einen Schritt zurück, um ihm Platz zu machen. Der Junge lächelte über seinen Namen und beugte sich nach vorne. Seine hübschen Augen wechselten die Farbe zu einem grünlichen Funkeln. Ein Luftzug durchquerte den Raum. Die Verwandlung in die Kreatur vollzog sich von der einen auf die andere Sekunde. "Ich habe auf dich gewartet", sagte es und schlich um die Beine von Janeway. Seine Aussage schockierte Kathryn in keinster Weise. "Dann weißt du auch bestimmt, weshalb ich gekommen bin", erwiderte sie ruhig und ging zu ihm in die Hocke. Nergal musste seinen Kopf leicht senken, um seine Augen auf eine Höhe mit den ihren zu bringen. Leise knurrend starrte er sie an. "Fordere eine Kreatur nie dazu auf, denn sie könnte es tun", riet er ihr und wandte sich ab. "Du sollst es tun, verdammt!", rief sie hinterher und konnte nicht so schnell reagieren, wie die Kreatur zurück war und es eines seiner Hörner gegen ihren Brustkorb stemmte. "Trauer, Wut, Zorn, Verzweifelung", zählte er ihre Gefühle auf und drücke ihren Oberkörper zurück, sodass sie unter seinem mächtigen Körper lag. "Das sind keine Gründe, um zu sterben!" "Ich kenne keine besseren!", fuhr sie ihn unerschrocken an und packte ihn bei den Hörnern. Mit einem fürchterlichen Gebrüll richtete er sich mitsamt ihr auf seine Hinterbeine auf. Ein kurzes, kräftiges Schütteln und er war befreit. Janeway stolperte gegen ein Regal, welches durch den Schwung wackelte und schließlich umfiel. Sie rutschte mit und fand sich auf dem Boden wieder, vor ihr lag ein handgeschmiedeter Leuchter. Ihre linke Handfläche war verletzt von seinem Horn und brannte wie Feuer. "Dadurch wirst du auch in Zukunft wissen, dass du lebst und es nicht vorbei ist", meinte Nergal ruhig, ohne sie eines einzigen Blickes zu würdigen. Sie sah zu dem Wesen, dann zu dem Leuchter und ergriff diesen. "Muss ich dich erst angreifen, damit du dich auf einen Kampf einlässt?" Nergal lachte. "Du bist nicht gekommen, um zu kämpfen, das sagtest du bei unserer ersten Begegnung selbst, Kathryn. Du kannst mir nichts anhaben. Im Übrigen, du gehörst nicht hierher." "Ich wäre mir da an deiner Stelle nicht so sicher", sprach sie kühn, erhob sich schwungvoll und lief mit erhobenen Leuchter auf ihn zu. Die Kreatur schnellte um die eigene Achse und sprang mit ausgestreckten Klauen auf sie zu. Janeway machte einen Schritt zur Seite, doch sie konnte ihm nicht ausweichen. Mit seiner gesamten Masse warf er sie erneut zu Boden. Hart schlug sie mit ihrem Hinterkopf auf und für einen Augenblick wurde ihr schwarz vor den Augen. Mit seinen Klauen hielt er ihre Arme ausgestreckt am Boden, während sein Gewicht sie fast erdrückte. Reflexartig ließ sie den Leuchter los. "Es ist noch nicht vorbei. Das hier ist nicht deine Welt, Kathryn", flüsterte Nergal ohne Wut. Die Last auf ihr verringerte sich und Janeway öffnete ihre Augen. Ihre Mundwinkel zuckten unkontrolliert, als sie die neue Gestalt von ihm sah. Sie fror, ihr Körper zitterte erbärmlich. Alles drehte sich um sie herum. Sie zweifelte endgültig an ihrem Verstand. "Kathryn ..." Er änderte seine Stimme, wie vorhin bei dem Jungen. Sie wollte nicht die Augen öffnen und verzog gepeinigt ihr Gesicht. "Kathryn, was ist?" Sie fühlte ihn nicht mehr auf sich, er musste aufgestanden sein. Nein, sie wollte das nicht sehen! "Geh!", sprach sie undeutlich. "Schlafen Sie? Wachen Sie auf!" Er packte sie an den Schultern und rüttelte sie. Länger konnte sie sich nicht versteckten und öffnete zwangsweise ihre Lider. Jetzt hatte Chakotay auch noch bunte Farbe im Gesicht und sein Kopf schmückte ein eigenartiges Gebilde. Geschockt riss sie ihre Augen weiter auf und keuchte mit geöffneten Lippen seinen Namen. Ihre Reaktion hatte ihn ebenso schockiert, wie sein Anblick offenbar sie. "Es war nur ein Traum, Kathryn! Wachen Sie endlich auf!" Noch einmal rüttelte er sie leicht und brachte ihren Oberkörper in eine aufrechte Position. "Chakotay ...", keuchte sie weiter. Musik - leise Musik drang an ihr Ohr. Es war dunkel um sie herum, Chakotay hatte eine Lampe am Handgelenk befestigt und der Schein fiel auf die Bank, auf der sie mittlerweile saß. "Ich habe Sie stundenlang gesucht, Kathryn. Weshalb waren Sie nicht auf dem Fest?" Besorgt betrachtete er sie und ließ sie los. "Geht es wieder? Ist alles in Ordnung mit Ihnen?" Ihre Atmung wollte sich nur schwer beruhigen lassen. Sie streckte ihre Hand nach seinem Gesicht aus und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. Tase - sie war zurück auf Tase bei ihrer Crew. Blinzelnd zog sie ihre Hand zurück. Was hatte Nergal gemacht? Besaß er ebenfalls die Fähigkeit, ihre Erinnerung an Umgebungen zu visualisieren, so wie er seine Gestalt zu ändern vermochte? "Ich ...", sie suchte nach Worten und setzte ihre Füße auf die Erde. Beruhigend legte der Erste Offizier eine Hand auf ihre Schulter. "Wir sollten Ihren Communicator nach Ihrer Rückkehr an Bord überprüfen lassen", versuchte er sie von ihrem Traum abzulenken. "Was ist das für eine seltsame Kleidung, die Sie tragen?" Er musterte sie weiter, denn diese triste Farbe war außergewöhnlich für das Fest, ebenso der schlichte Schnitt ihrer Bekleidung. Stirnrunzelnd blickte sie an sich herab. Sie konnte nichts Ungewöhnliches an der Kleidung der Xaurim entdecken. Ihr Kopf brummte und sie versuchte angestrengt, einen klaren Gedanken zu fassen. "Ich glaubte einen Einheimischen gehört zu haben, der dem ganzen Dorf von seiner Frau der Träume erzählte und ... er erwähnte Ihren Namen", hakte er noch einmal interessiert nach. "Es ..." Sie starrte ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Wenn das hier Tase sein sollte, dann würde er nichts von den Xaurim wissen, aber das hieß dann auch, sie wäre zurück bei ihrer Crew. "Ich hatte genug von dem Fest und habe mir andere Kleidung besorgt", war die einzige, schlechte Erklärung, die ihr einfiel. Um kreativ zu sein, brauchte sie einen klaren Verstand und dieser vernebelte sich von Sekunde zu Sekunde immer mehr, wie sie glaubte. Misstrauisch beobachtete er, wie sie seiner Frage auswich und aufstand. Er tat es ihr gleich. "Hat er Ihnen etwas getan, Kathryn?", flüsterte er besorgt mit dem Schlimmsten rechnend. Sie sah nicht gut aus. "Nein!", fuhr sie ihn unbeabsichtigt an, löste seinen Griff von ihrem Arm und trat einen Schritt zurück. "Nein", senkte sie ihre Stimme und rieb sich ihre Schläfen, "nein, er hat mir nichts getan", beteuerte sie. "Ich war einfach nur müde und habe mich zurückgezogen." Sie entfernte sich ein paar Schritte. Was sollte sie tun? Am liebsten hätte sie ihn umarmt vor Freude, aber war dies alles hier echt? Würde die Umgebung gleich wieder verschwinden und sie Nergal neben sich haben, der ihr gerade behutsam seinen Arm um sie gelegt hatte. Was war nur mit Janeway los? So kannte er sie überhaupt nicht. Er betätigte seinen Communicator. "Dann ist es das Beste, ich bringe Sie zurück auf die Voyager", sprach er zu ihr, "Chakotay an Voyager: Zwei zum Beamen!" Ihre Gedanken rasten wie verrückt und sie reagierte einen Moment zu spät. "Nein, nicht den Transp..." Der Rest ihrer Worte verhallte ungehört während des Transportvorgangs. Wenige Sekunden später standen sie auf der Plattform im Transporterraum 1. "Weshalb nicht den Transporter?", fragte er neugierig, hatte er ihren Einwand nicht überhört. Bei der vollen Beleuchtung wirkte sie noch dünner und er fragte sich, weshalb ihm das nicht vorher aufgefallen war. Leichte Schatten lagen unter ihren Augen. Sie sah mehr als nur urlaubsreif aus. Konnte sie in den wenigen Stunden soviel gefeiert haben, um so auszusehen? "Captain?", flüsterte er zu ihr, denn sie verharrte mit einem seltsamen, ja fast sentimentalen Blick in ihren Augen auf der Plattform und antwortete ihm nicht. "Verzeihung, Chakotay, ich bin einfach nur müde", erwiderte sie rasch und begab sich in Richtung des Ausgangs, wo sie ihrem Crewman ein Kopfnicken zur Begrüßung schenkte. Etwas in ihr jubelte, wollte sie vor Freude aufschreien lassen, doch noch immer traute sie ihren Augen kaum. Es tat so gut, wieder in gewohnter Umgebung zu sein. "Wir sehen uns nachher", sprach sie und wollte gehen. "Captain?" Ungläubig lief er ihr nach. "Sie meinten morgen?" Es war zwar Abend, aber nicht weit vor Mitternacht. Sein ungutes Gefühl wuchs. "Ja, morgen", bestätigte sie und entfernte sich rasch aus dem Raum. Sie musste unbedingt einen klaren Kopf bekommen und das würde ihr in seiner Gegenwart momentan nicht gelingen. Bevor er weiteres Aufsehen beim Crewman verursachte, indem er dem Captain nacheilte, beließ er es bei diesem schnellen Abschied. "Beamen Sie mich zurück", bat er und nahm seinen Platz wieder ein. Er würde sich auf Tase ein wenig umhören, ob es irgendeinen Vorfall gab, den der Captain ihm offensichtlich zu verheimlichen versuchte.

Eilig trat Janeway aus dem Turbolift auf Deck 3 und konnte es kaum erwarten, ihr Quartier aufzusuchen. Sie hatte ihren Rang wieder, sie war bei ihrer Crew, auf ihrem Schiff. Diese Frau mit den blonden, kurzgestuften Haaren kam ihr in den Sinn - Auderby. Demnach doch eine Zeitreise und sie hätte in ihrem Bett auf der Mosophy verweilen können, bis sie nach Tase gebracht worden wäre? Nergal? Besaß er die Fähigkeit, sogar Lebewesen in andere Universen zu befördern? War er nur ein Produkt ihrer Fantasie? Oder war etwas auf Tase mit ihr passiert? Hatte sie ein berauschendes Mittel zu sich genommen, das alles mit einem schlechten Traum zu erklären vermochte? Sie brauchte Antworten, wenn sie nicht komplett an ihrem Verstand zweifeln wollte. Zögernd betrat sie ihr Quartier und verharrte im Eingang, nachdem das Licht den Raum erhellte. Unbewusst suchte sie die rechte Wand nach den persönlichen Stücken Chakotays ab, die er dort aufgehängt hatte, während dies hier sein Quartier war. Bei einer Zeitreise, die ihr widerfahren sein könnte, wäre dieses hier nie sein Quartier gewesen und er hätte seine Crew samt Schiff nicht geopfert, es ... Kathryn seufzte laut und betrat ihren Schlafraum. Ihr Magen knurrte und leichte Kopfschmerzen machten sich bemerkbar. Es roch hier anders als auf der Mosophy, stellte sie fest und tauschte ihre Kleidung gegen eine Sternenflottenuniform. Der Bund ihrer Hose rutschte locker von der Taille auf ihre Hüftknochen. Sie hatte abgenommen und diese Menge war nicht innerhalb von ein paar Stunden zu verlieren. Demnach kein Traum. Den zu weiten Stoff verbarg sie geschickt unter dem grauen Shirt. Während sie den Communicator anlegen wollte, fiel ihr dieser aus der Hand und sie hob ihn vom Bett auf. Zum ersten Mal erregte die Rückseite des kleinen Gerätes ihre Aufmerksamkeit. In nicht sehr feiner Handarbeit war etwas hineingeritzt worden. Namen. Einer war bis zur Unleserlichkeit unkenntlich gemacht worden, den anderen vermochte sie zu entziffern. "Iaam Skir", las sie laut und legte ihre Stirn in Falten. Der Name sagte ihr überhaupt nichts. "Computer", ereilte sie eine Vermutung, "lokalisiere Captain Janeway." "Captain Janeway befindet sich nicht an Bord des Schiffes", lautete prompt die Antwort vom Schiffscomputer. Nachdenklich stand Janeway auf. Ihr Magen meldete sich erneut lautstark zu Wort, doch sie ignorierte es in dem Moment, als ihr einfiel, wo sie ihren Communicator gelassen hatte. "Tase ..." Sie stand auf und ging nach nebenan zum Replikator. Nein, sie konnte ihn nicht auf Tase gelassen haben, jedenfalls nicht bewusst. Sie musste ihn noch bei sich gehabt haben, als sie sich von dort aus zurück auf die Voyager hatte beamen lassen. "Kaffee, schwarz", bestellte Kathryn. Wurde er dort ausgetauscht? "10 Gramm Zartbitterschokolade", orderte sie als nächstes. Sie musste schnell ihren Blutzuckerspiegel anheben und ließ die Süßigkeit auf ihrer Zunge zerschmelzen. Wann und wie gelangte sie zu diesem Communicator? "Computer: Personalakte von Iaam Skir aufrufen", versuchte sie ihr Glück und setzte sich mit dem Becher in der Hand auf die Couch. "Aufruf nicht möglich. Keine Daten zu Iaam Skir verfügbar." Diesbezüglich war sie nun so schlau wie zuvor. Sie betätigte das kleine Gerät in ihrer Hand, doch es verweigerte seinen Dienst. Ruhelos erhob sie sich, holte einen ihrer Ersatzcommunicatoren aus dem Schrank und befestigte diesen an ihrem Shirt. Auf der Mosophy hatte er noch funktioniert. "Wenigstens der Universaltranslator ...", fügte sie zu sich selbst sprechend hinzu und setzte sich wieder. Der liebliche Duft des Kaffees in ihrer Nase rief ein Lächeln bei ihr hervor. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, ihn nicht mehr gekostet zu haben. Er schmeckte köstlich und gab ihr vollkommen das Gefühl, wieder zu Hause zu sein. Müde lehnte sie sich zurück und betrachtete ihr Quartier. Rasch wischte sie sich eine Träne von der Wange und betätigte ihren Communicator. "Janeway an Brücke." "Sprechen Sie, Captain", hörte sie die Stimme des Vulkaniers. Glücklich ihn zu hören, lächelte sie. "Tuvok, irgendwelche besonderen Vorkommnisse während der letzten Stunden?" "Negativ, Captain." "Nichts?", entfuhr es ihr erstaunt. "Keine Fluktuation, keine Unregelmäßigkeiten gleich welcher Art?" "Captain?", fragte Tuvok nach. Sie schüttelte ihren Kopf, obwohl er es nicht sehen konnte. Worauf hoffte sie? Auf einen Hinweis für eine Zeitreise? "Kontrollieren Sie bitte die Transporter auf ihre einwandfreie Funktionalität hin", bat sie, "und informieren mich umgehend, sollten irgendwelche Fehlfunktionen der Schiffssysteme auftreten." "Aye, Captain." "Janeway: Ende." Erleichtert seufzte sie und war froh, dass Tuvok nicht nachhakte, weshalb sie sich nach diesen Dingen erkundigte. Sie wollte sich erst ganz sicher sein, dass sie nicht an ihrem Verstand zweifeln musste, bevor sie die gesamte Crew in Aufregung versetzen würde. Trotz der Anspannung und des Kaffees konnte sie ihre Augen nicht länger offen halten. Erschöpft nickte sie in dieser sitzenden Position auf der Couch ein, die inzwischen leere Tasse in der Hand.


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