
Keuchend schreckte sie nach dem Albtraum hoch und hörte neben sich ein leises, dumpfes Geräusch, wie etwas auf den Boden fiel. "Licht!", rief sie und kniff im ersten Moment ihre Augen zusammen. Irritiert blickte sie sich um, nur langsam erlangte sie Abstand zu den furchtbaren Bildern der vernichteten Voyager. Ihre Tasse war der Verursacher des Geräusches, die nun neben ihrem Bett lag. Hörbar atmete sie aus. Sie musste sehr müde gewesen sein, denn sie konnte sich nicht daran erinnern, sich ins Bett begeben zu haben und schon gar nicht samt ihrer Kleidung. Kathryn stand auf und blickte zur Uhr. Es war weit vor Dienstbeginn der ersten Schicht und sie fühlte sich, als hätte sie nur fünf Minuten geschlafen. Ihr Magen machte sich erneut bemerkbar und sie beschloss, ihr Glück im Casino zu versuchen. Vielleicht war Neelix schon bei den Vorbereitungen fürs Frühstück? Sie stieg in ihre Schuhe und holte sich das Oberteil ihrer Uniform. Der Replikator in ihrem Zimmer hätte ihren Hunger stillen können, aber etwas in ihr brauchte jemanden als Gesellschaft.
Im Halbdunkeln betrat der Captain das Casino. "Neelix?", rief sie den Namen des Kochs, erhielt jedoch keine Antwort. Da sie zu früh war, beschloss sie hinter den Tresen zu gehen und selbst nach Essen zu suchen. Neben dem Herd stand ein großer Topf, aus dem das Ende einer Schöpfkelle ragte. Sie hob den Deckel und rührte in dem Eintopf. Selbst im kalten Zustand duftete es gut und ihr Magen knurrte in freudiger Erwartung. Was war das für ein Gericht? Neugierig betrachtete sie die verschiedenen, klein geschnittenen Zutaten. "Was machen Sie da?" Erschrocken über den scharfen Tonfall hinter sich ließ sie den Deckel zurück auf den Topf fallen und schnellte um die eigene Achse. "Neelix ...", seufzte sie, "Sie haben mich fast zu Tode erschreckt." "Captain?" Der Talaxianer sah sie verwundert an und ließ den Computer das Licht einschalten. "Was ...?" "Ich hatte Hunger", schmunzelte sie achselzuckend auf seinen fragenden Blick, "und hoffte, Sie bereits hier anzutreffen. Wären Sie vielleicht so nett und ..." Sie unterbrach sich, denn Neelix schien sie mit offenem Mund anzustarren. "Was ist?" Der Talaxianer trat einen Schritt zur Seite, um den Captain noch einmal von hinten sehen zu können. Hatten ihn seine Augen nicht getäuscht. "Was ist mit Ihnen?", fragte sie forsch nach. "Sie ... Sie", stammelte er unsicher. "Neelix!" Er seufzte. "Wie haben Sie das gemacht ... und warum?", wollte er wissen. Janeway runzelte die Stirn. "Ich kann Ihnen nicht folgen, Neelix", meinte sie leicht gequält. "Ich wollte nur etwas Essbares suchen und deshalb ..." "Nein, das meine ich nicht", unterbrach er sie und deutete auf ihren Kopf. "Was haben Sie mit Ihren Haaren gemacht?" Verunsichert tastete sie ihre Frisur ab. Zugegeben, sie hatte vorhin vergessen, einen Blick in den Spiegel zu werfen, aber ihre Haare waren ordnungsgemäß an den Seiten hochgesteckt und hinten zu einem Zopf gebunden, nichts stand ab. "Kommen Sie bitte auf den Punkt, Mister Neelix", seufzte sie ratlos. "Ist das ein Implantat?", fragte er neugierig. "Meine Haare?" Neelix nickte. Sie musste verschlafener sein als sie dachte, sie konnte ihm nicht folgen. "Was genau meinen Sie?", fragte sie schärfer als beabsichtigt. "Kaffee?", bot er als Friedensangebot an. "Nein", brummte sie auf eine Erklärung wartend, "erst eine Antwort, Mister Neelix." "Ich will ja nicht sagen, dass es Ihnen nicht steht, Captain, ganz im Gegenteil ...", er griff vorsorglich nach einer Tasse und suchte nach einer Kanne. Ein lautes, ungehaltenes Seufzen von ihr genügte und er plapperte weiter. "Mir haben ihre kurzen Haare wirklich gut gefallen ... Ich frage mich nur, warum Sie sie so plötzlich wieder lang haben." Kathryn kratzte sich am Kopf. "Ich habe nichts geändert. Weshalb hätte ich sie abschneiden sollen?" "Das habe ich mich damals auch gefragt", gab er zu und setzte Wasser auf. "Damals?", wiederholte sie. "Ja, erinnern Sie sich nicht, Captain?" Irgendetwas lief hier verdammt falsch ab! "Nein", gab sie zu. Neelix zuckte mit den Schultern und erwärmte den Topf mit der Suppe. "Ich mache Ihnen die tarksianische Gemüsesuppe warm und koche Ihnen einen Kaffee, Captain. Sie sollten erst einmal wach werden, danach wird es Ihnen wieder einfallen. Sie sehen furchtbar aus." Ihr Mund öffnete sich und schnappte lautlos wieder zu. "Danke, Mister Neelix", erwiderte sie ironisch und trat an ihm vorbei. Sich ihr Gesicht reibend ging sie auf die Sitzgelegenheit in der Nähe des Fensters zu, blickte jedoch nicht nach draußen, während sie sich setzte. Janeway fühlte sich ausgepumpt und hungrig. Sah sie tatsächlich so schlecht aus? Sie musste sich erst stärken, bevor sie auf die Brücke gehen würde. "Welchen Tag haben wir heute, Neelix?", fragte sie durch den Raum. "Donnerstag, Captain", antwortete er und bereitete abschließend das Getränk zu. "Sternzeit?", hakte sie nach und verzog ihr Gesicht über sich selbst, ihre Frage nicht präzise gestellt zu haben. "Es ...", Neelix' Aufmerksamkeit richtete sich auf die Eingangstür, die seinen zweiten Gast preisgab. "Oh, guten Morgen Commander. Wie mir scheint, kursiert nun auch noch die Schlaflosigkeit an Bord." "Guten Morgen, Neelix", begrüßte der Erste Offizier den Talaxianer freundlich und hielt kurz inne, nachdem er den Captain entdeckt hatte. "Mögen Sie auch einen Kaffee? Er ist gerade fertig. Oder eine Portion der tarksianischen Gemüsesuppe? Lieblich gewürzt und perfekt abgestimmt für ein warmes Frühstück", bot Neelix an. "Ein Kaffee würde fürs Erste genügen", bedankte er sich. Der Talaxianer schenkte das Getränk ein und drückte Chakotay zwei Tassen in die Hand. "Es dauert noch ein wenig, bis die Suppe aufgewärmt ist." Chakotay nickte und ging auf den Tisch des Captains zu. "Guten Morgen, Captain. Ist hier noch frei?", er deutete auf den Platz ihr gegenüber und stutze. "Es ist kein Implantat", kam sie ihm zuvor und nickte, er möge sich zu ihr setzen. Chakotay schmunzelte und stellte den Kaffee vor ihr ab. Sie schien Gedanken lesen zu können und er betrachtete sie möglichst unauffällig ein weiteres Mal. Ihm gefiel die Änderung ihrer Frisur und er unterließ es, weitere Fragen diesbezüglich zu stellen. Vermutlich hatte Neelix sie bereits damit gelöchert. Sein Blick blieb unweigerlich in ihrem Gesicht hängen. Sie wirkte blass, ja sogar irgendwie dünn. Abgemagert, schoss es ihm durch den Kopf. Aber das war unmöglich. Gestern sah sie noch blendend aus. Es musste an der Frisur und an dem Licht liegen, dass er diesen Eindruck bekam. "Keine weiteren Komplimente!", befahl sie ihm leise und trank etwas von dem Kaffee. Sein Lächeln ging in die Breite. Was hatte Neelix ihr gesagt, als er nicht hier war? "Haben Sie gut geschlafen?", versuchte er es amüsiert mit einem anderen Thema. Sie blickte ihn lange an. Intensiv musterte sie seine Gesichtszüge und nahm den Klang seiner Stimme in sich auf. Es tat gut, ihn bei sich zu haben. Seine Mimik wirkte weicher, als die von ... Sie schüttelte den Kopf und vertrieb ihren Gedanken an den anderen Chakotay. Er wurde ernst. "Hatten Sie einen Albtraum?", wollte er wissen und fragte sich, weshalb sie ihn intensiv musterte. "Etwas in der Art", antwortete sie unsicher. Ein Ja oder ein Nein würde das ganze vereinfachen, dachte Chakotay, aber 'etwas in der Art'? Wie sollte er diese Bemerkung deuten? "Fühlen Sie sich nicht gut?", flüsterte er. Kathryn starrte ihn an. Bevor sie antworten konnte kam Neelix fröhlich summend mit einem Teller in der Hand auf sie zugesteuert. "Ich wünsche einen guten Appetit", sprach der Talaxianer zum Captain. "Danke, Neelix", erwiderte Janeway und kostete sogleich von der Suppe, da er erwartungsvoll neben dem Tisch stehen blieb. "Sie ist köstlich, vielen Dank." "Stets zu Diensten." Niemand hatte ihm einen Platz angeboten und da er noch einige Vorbereitungen fürs Frühstück zu treffen hatte, entfernte er sich achselzuckend von den beiden. Nach dem ersten Löffel bemerkte Janeway, wie ausgehungert sie sich fühlte. Hungrig aß sie weiter und vergaß dabei die Frage des Commanders. Dieser beobachtete sie. Ihre Wangenknochen wirkten spitzer als sonst, unter ihren Augen lagen leichte Ringe. War es ihm entgangen, dass sie immer mehr abgenommen hatte? Beunruhigte sie etwas, das sie nicht schlafen ließ? Sie wollte ihm offenbar nicht auf seine Frage eine Auskunft geben. Vielleicht würde eine dienstliche Information ihr gut tun, sollte das der Grund für eine schlechte Nachtruhe bei ihr gewesen sein. "Sie müssen sich keine Sorgen machen, Captain", flüsterte er und bezog sich auf ihre gestrige Unterhaltung, denn Neelix musste nicht alles hören, "bevor ich hierher kam, habe ich mit dem Doctor gesprochen und er versicherte mir, alles im Griff zu haben." Wovon sprach er? "Alles im Griff?", äußerte sie ebenso leise wie er und aß weiter. Inzwischen kämpfte sie bei jedem weiteren Löffel der Suppe, ob sie diesen noch schaffen würde. Sie hatte nicht viel gegessen und trotzdem zeigte ihr Magen deutliche Anzeichen der Sättigung. "Ja", bestätigte er, "die ersten Crewmitglieder können in ein paar Stunden entlassen werden und er rechnet damit, im Laufe des Tages die restlichen Patienten für dienstfähig erklären zu können." "Was?", fragte sie knapp. Chakotay las in ihrem Blick mehr als deutlich, dass sie erstaunt war und das beunruhigte ihn immer mehr. "Sie wissen nicht, wovon ich rede, nicht wahr?", pokerte er und sprach gleichzeitig sein ungutes Gefühl aus. Sie war satt und schob den Teller von sich weg. "Sie werden es mir bestimmt gleich sagen", erwiderte sie trocken. "Was ist los mit Ihnen? Wenn Sie das nicht mehr wissen, Captain, sollten Sie dringend zum Doctor", forderte er sie auf. "Ich bin nicht krank!", antwortete sie lauter als beabsichtigt. Neelix horchte beim Klang der Stimme des Captains auf und legte das Besteck zur Seite. "Captain ...", rief er und trat näher an den Tresen, um nicht zu sehr zu schreien. Er hatte ganz vergessen, ihr vorhin eine Antwort zu geben. "Sternzeit 54830.3", sprach er lächelnd zu ihr und machte sich weiter an die Arbeit. Der Erste Offizier bemerkte, wie Janeway langsam blass wurde und sie mit entsetzten Augen in Neelix' Richtung starrte. Eine Bewegung auf dem Tisch ließ ihn auf ihre Hände blicken, die nach ihrem Kaffeebecher tasteten. "Was ist mit Ihnen, Kathryn?" Sie blinzelte. Nein, das konnte sie nicht glauben! "Was ist mit meiner Crew passiert?", hauchte sie. "Ein Virus ...", er schluckte schwer. Der Doctor musste bei ihrer Untersuchung etwas übersehen haben. "Es verursacht eine zeitweise Amnesie, teilweise sogar Wahnvorstellungen ..." Kathryn biss sich auf die Unterlippe. Wahnvorstellungen, man wäre in einem Paralleluniversum? Amnesie? Man würde die letzten fast vier Jahre seines Lebens vergessen? Sie setzte die Tasse ab. "Ich sollte zum Doctor", gab sie zu, denn das war die Erklärung für ihren Zustand, nachdem sie gesucht hatte. "Ich bringe Sie hin", meinte Chakotay ein wenig verstört darüber, dass sie freiwillig auf die Krankenstation wollte, und erhob sich ebenfalls.
"Deck 5", befahl Janeway. "Mögen Sie mir erzählen, was in Ihnen vorgeht?", fragte Chakotay, nachdem sie eben das erste Wort gesprochen hatte, seit sie sich von Neelix verabschiedeten. "Sie hielten mich für verrückt", flüsterte sie, obwohl es dazu keinen Grund gab, denn sie befanden sich alleine im Turbolift. "Ich zweifle ja selbst schon an meinem Verstand." "Ich habe Sie noch nie für verrückt gehalten, Captain, und das wissen Sie", widersprach er ernst. Sie nickte. "Wir befanden uns auf Tase", begann sie leise, "es folgte eine Einladung zu einem Fest, das Volk war sehr freundlich. Bei der Rückkehr zur Voyager wurde ich ..." Wohin gelangte sie? "Ich kam auf eine Voyager, wo ich nicht der Captain gewesen bin, sondern Sie hatten das Schiff übernommen." "Ich?", fragte er irritiert. "Ja", bestätigte sie. "Es wurde unter dem Regiment des Maquis geführt und Sie machten gemeinsame Sache mit den Kazon, die mich irgendwann entführten, doch die Xaurim befreiten mich und nahmen mich auf", kürzte sie die Geschichte sehr stark ab. "Seska enthob Sie Ihres Kommandos, wollte an meine Sicherheitscodes für dieses Schiff gelangen, was damit endete, dass Sie Ihre Voyager samt Besatzung zerstörten." Er atmete nur hörbar aus und blickte ratlos zu ihr. "Ich blieb dort bis gestern an Bord der Xaurim, bis ich mich plötzlich wieder auf Tase befand und von Ihnen zurück auf die Voyager gebracht wurde. Und bereits jetzt, wenige Stunden Schlaf später, fehlen mir knapp vier Jahre meines Lebens!" Es gelang ihr nicht, die Verzweifelung aus ihrer Stimme zu verbannen. "Verliere ich meinen Verstand, Chakotay?" Der Erste Offizier legte ihr eine Hand auf die Schulter. "Aber nein, das glaube ich nicht", versuchte er sie zu beruhigen. "Der Doctor wird übersehen haben, dass Sie sich mit dem Virus ebenfalls infiziert haben ... Glauben Sie mir, er bekommt es schon wieder hin. In ein paar Tagen werden Sie über Ihre Halluzinationen lachen." Sie schluckte den Kloß im Hals hinunter. "Das hoffe ich", sprach sie mit zitternder Stimme und atmete tief durch. Diese Wahnvorstellungen wünschte sie ihrem ärgsten Feind nicht. Sie fühlte sich furchtbar bei dem Gedanken daran, wenn auch auf gewisse Weise erleichtert, den möglichen Grund gefunden zu haben. Bevor sich die Türen öffneten, war er auf Abstand zu ihr getreten. Sie tat ihm leid und er konnte nur im Ansatz erahnen, wie schlimm das war, was sie glaubte durchlebt zu haben. "Erinnern Sie sich an das, was Sie gestern zum Frühstück gegessen haben?", versuchte er ihren Zustand einzugrenzen und folgte ihr durch den Korridor. "So weit ich mich erinnere, habe ich die letzten Tage nichts gefrühstückt", antwortete sie möglichst ruhig. Chakotay spürte plötzlich ihre Hand auf seinem Brustkorb und hörte sie leise "Zurück!" befehlen, während sie inmitten des Gehens innehielt und ihren Communicator betätigte. "Was ...", entfuhr es ihm erstaunt. "Computer: Eindringlingsalarm auf Deck 5! Sicherheitsteam ..." "... machen Sie? Computer: Befehl ignorieren!" Er fasste sie an beiden Armen und drehte sie zu sich. "Sind Sie des Wahnsinns?", zischte sie ihn an und deutete erregt mit einem Kopfnicken in die Richtung des Korridors, wo ein Borg auf sie zukam. "Computer: Ein..." "Ignorieren!", rief er dazwischen. Jemand sollte sie ihres Kommandos entheben. "Sie halten Seven für einen Eindringling?", fragte er sie ungläubig. "Sie haben Sie selbst an Bord genommen. Wissen Sie das denn ebenfalls nicht mehr?" "Eine Borg auf meinem Schiff? Weshalb sollte ich ..." "Sie sind krank, Kathryn!", er schüttelte sie leicht an den Schultern, als wolle er ihr auf diese Weise die Erinnerung zurück bringen. Seven blickte von ihrem Padd auf, in das sie vertieft war und entdeckte den Commander, der den Captain festhielt. Wozu diente diese unübliche Haltung der beiden? Sie hob ihre Augenbraue, die nicht von dem Implantat verdeckt wurde, an und näherte sich. "Captain, Commander ...", begrüßte sie die beiden. "Seven", erwiderte Chakotay mit einem Kopfnicken den Gruß und war froh, dass Seven ihnen nur einen ihrer fragenden Blicke schenkte und sie ohne ein weiteres Wort passierte. Er sah, wie Janeway ihr schweigend nachsah, ohne etwas zu erwidern. "Sie haben sie aus dem Borg-Kollektiv befreit", sprach er sie an. Schweigend blickte sie zu ihm auf und der Ausdruck ihres Gesichtes ließ ihn kurz pausieren. "Der Doctor kann Ihnen helfen", machte er ihr und sich selbst Mut, während er sie losließ. "Kommen Sie."
Vor wenigen Minuten hatte der Doctor zwei weitere Patienten entlassen können und langsam begann wieder die Normalität in die Krankenstation zurückzukehren. Seit Tagen hatte ihn das Virus in Atem gehalten. Jetzt war sein Reich nur mit drei Mitgliedern aus der Crew gefüllt, die allerdings noch mindestens einen Tag bei ihm verbringen würden. Er las die Werte von Lieutenant Ayala am Monitor ab und blickte nicht auf, als er hinter sich das Zischen der Türen hörte. "Ich bin gleich bei Ihnen", sprach er und beugte sich über seinen Patienten. Schweiß stand auf der Stirn des Mannes und er führte einen kräftezehrenden Kampf gegen die Wahnvorstellungen. "Sie werden sich gleich besser fühlen", sagte er leise zu ihm und entlud eine Injektion an seinem Hals, die ihn ins Reich der Träume befördern würde. Dort war er am besten aufgehoben. Er legte den Injektor zur Seite und beobachtete, wie sich augenblicklich die Lider des Lieutenants schlossen. Die Werte am Monitor waren stabil. Er hatte sich als einer der Letzten infiziert, bevor er die Ansteckung des Virus' eindämmen konnte. Bald würde er zurück in den Dienst überlassen werden können. Das MHN drehte sich um und entdeckte ein Häufchen Elend auf einem der Betten sitzen, oder besser den Captain, der den Kopf gesenkt hielt und den Commander, der neben ihr stand und mit ihr redete. Schnell eilte er zu den beiden. "Captain?" Er blickte zum Commander und wechselte einen fragenden Blick mit ihm. "Sie hat sich mit dem Virus infiziert", erklärte Chakotay und trat einen Schritt zur Seite, um den Mediziner Platz zu machen. "Das ist absolut unmöglich!", widersprach der Doctor und griff nach seinem Tricorder, den er über sie schwenkte. "Sie kann sich an die letzten Jahre nicht mehr erinnern, nicht einmal an Seven", ergänzte der Erste Offizier. "Captain?", sprach der Doctor sie an, denn untypisch für sie hatte sie bislang geschwiegen. "Wie fühlen Sie sich?" Weiterhin scannte er sie. "Der Commander hat Recht", antwortete sie. "Außerdem hatte sie heute Nacht Wahnvorstellungen, sie wäre nicht mehr an Bord ihres Schiffes ..." "Stimmt das, Captain?", fragte das MHN stirnrunzelnd und scannte sie zur Sicherheit ein weiteres Mal. Kopfnickend bestätigte sie auch dieses. "Ich muss Sie beide enttäuschen", sprach das Hologramm und klappte seinen Tricorder zu. "Alles, was ich bei ihr feststelle, ist ein Gewichtsverlust, aber kein Virus." Kathryn blickte mit Falten auf der Stirn zu ihm hoch. "Abgesehen davon, sind Sie kerngesund", ergänzte das MHN. "Wie kann das sein?", wollte Chakotay wissen. Ratlos blickte er ihn an. "Ich werde Ihnen ein Mittel zur Beruhigung geben, Captain, und ein paar Vitamine. Es wird Ihren Appetit anregen ..." Rasch lief er nach hinten, um einen Injektor und die benötigten Ampullen zu holen. Janeway starrte zum Doctor, der die erste Ampulle ins Gerät lud und mit vorgestreckter Hand auf sie zutrat. Innerlich verkrampfte sie. "Muss das sein?", fragte sie und wich instinktiv zurück. Als der Doctor weiterhin näher kam, rief sie ihm ein "Halt!" entgegen und erntete irritierte Blicke von ihm und Chakotay. "Ich meine, gibt es vielleicht eine andere Art, das einzunehmen?" "Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde es vorsichtig injizieren", versprach der Doctor. Was war nur mit dem Captain los? "Sie werden höchstens kurz etwas Kühles spüren." Kathryn biss die Zähne zusammen und willigte in die Behandlung ein. Ihr Gesicht zuckte, als er den Injektor bei ihr am Hals entlud. Sie glaubte für den Bruchteil einer Sekunde den stinkenden Geruch der beiden Kazons in der Nase zu haben. Chakotay senkte betroffen seinen Blick, während der Doctor die zweite Injektion vorbereitete. Janeways Reaktion tat ihm weh. "Ich möchte Ihre Biowerte gerne ständig aufzeichnen lassen, denn ich ahne, dass Sie sich weigern, hier bei mir auf der Krankenstation zur Beobachtung zu verbleiben", stellte er in den Raum und entfernte sich, um das Gerät zu holen. "Chakotay", ihre Stimme klang müde und leicht deprimiert, "ich möchte Ihnen vorerst das Kommando übertragen." "Aye, Captain", erwiderte er betroffen. Freiwillig hatte sie es bislang nicht abgegeben. Sein Blick fiel auf ihre Hand, die nervös ihr linkes Handgelenk massierte. "Was haben Sie ...?" Er beugte sich hinunter und fasste vorsichtig nach ihrer linken Hand, dessen Handfläche blutverschmiert war. "Chakotay?", sie blickte auf ihre Hand, die er ihr festhielt. Ihr Atem wurde schneller beim Anblick des Blutes. Ein eiskalter Schauer durchfuhr ihren Körper. Sie hatte nichts getan und sie spürte keinen Schmerz. 'Dadurch wirst du auch in Zukunft wissen, dass du lebst und es nicht vorbei ist', hallten die Worte von Nergal durch ihren Kopf. "Doctor, schnell! Sie blutet!", rief er den Mediziner herbei. "Ich gehöre nicht hierher", flüsterte sie verzweifelt und wiederholte den Satz ein weiteres Mal. Chakotay drückte ihren Kopf kurz an sich. "Selbstverständlich gehören Sie hierher", erwiderte er nicht minder verzweifelt.




