Spiegel der Seele: Kapitel 18 - Zurück in den Alltag

"Guten Appetit", wünschte Harry Kim und setzte sich mit an den Tisch. "Wie geht's?" Mit einem breiten Grinsen im Gesicht sah er Ayala an. "Hören Sie auf damit", bat der Lieutenant gequält, hatte ihn Harry doch seit seiner Entlassung von der Krankenstation ständig um ein Gespräch gebeten. Jetzt hatte er ihn beim Abendessen erwischt. "Sind Sie sicher, dass Sie diese Mahlzeit von Neelix überleben?", frotzelte er und dachte nicht im Traum daran, sein breites Grinsen zu schmälern. "Sie benehmen sich wie Tom", seufzte Ayala und legte das Besteck auf den leeren Teller. "Er konnte nichts dafür, dass das Virus übertragen wurde. Nach dem Erwerb des Gemüses wurde es auf Verträglichkeit gecheckt, das wissen Sie. Wer konnte denn ahnen, dass durch die zu warme Lagerung während der letzten Monate sich dieses Virus verbreitete? Geringe Mengen davon hatten wir ja bereits zuvor zu uns genommen und unsere Immunsysteme hatten keine Probleme damit." "Soviel ich hörte, entwickelte es sich erst mit den restlichen Zutaten des Gerichtes. Es konnte ja ein paar Tage in den Töpfen gären, bevor sich das von Neelix gewünschte Aroma entwickelte und auf den Speiseplan kam. Der Doctor hätte es vorher testen müssen", erwiderte Harry. "Wir haben alle sicherlich daraus gelernt." "Ja, nun gibt es vorerst kein gargraglisches Uhm ... Oder wie hieß es? Ich frage mich nur, weshalb Neelix nicht erkrankte." Der Fähnrich machte sich an sein repliziertes Essen - Eieromelette mit Schinken. "Vermutlich hat er selbst es nicht probiert." Nun musste auch Ayala schmunzeln, auch wenn er Neelix in den letzten Tagen dafür hätte würgen können. Spaßig war das Virus garantiert nicht gewesen! "Sie könnten Recht haben", erwiderte Kim. "Jetzt sind schon ganze zwei Tage vergangen ..." Erwartungsvoll warf er diesen Satz in den Raum und blickte Ayala mit einem unschuldigen Augenaufschlag an. "Ich wurde bereits gestern entlassen, Sie erinnern sich? Und für die meiste Zeit hat mir der Doctor etwas gegeben, damit ich schlafe und nicht viel von den Halluzinationen mitbekomme." Der ehemalige Maquis rollte mit den Augen. "Oh ...", meinte Harry enttäuscht. "Aber irgendwann sind Sie aufgewacht." "Und in dem Moment wurde ich entlassen", versuchte er das Thema zu beenden. Der zweifelnde Blick von Harry ließ ihn sachte seinen Kopf schütteln. "Also schön, Sie haben gewonnen", sagte er und sah, wie das Lächeln des Fähnrichs wieder in die Breite wuchs. "Sie lag mir gegenüber ..." "Wie sah sie aus?", sprach Kim mit vollem Mund. "Nicht gut", antwortete er nachdenklich. "Genauer, bitte", forderte er ihn zu weiteren Worten auf. "War es auch das Virus?" Achselzuckend ging Ayala in sich. "Mag sein, dass das Virus dafür verantwortlich war. Der Doctor redete viel mit ihr und, bevor Sie nachfragen, ich habe nichts davon verstanden. Sie flüsterten. Irgendwann gab ihr der Doctor etwas zur Beruhigung oder ein Schlafmittel. Sie bewegte sich eine ganze Zeit nicht ein einziges Mal, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Auf mich wirkte sie körperlich geschwächt, dünn und blass war sie. Aber was mich noch viel mehr verwirrte, waren ihre langen Haare." Fast hätte sich Harry an dem letzten Bissen verschluckt. "Also stimmt das Gerücht doch?", fragte er erstaunt. "Weshalb macht unser Captain das?" "Unser Captain ist auch eine Frau. Sie wird ihre Gründe gehabt haben", sinnierte der Lieutenant. "Sie meinen, sie hat es getan, um jemandem zu gefallen? Einem Mann?" Harry grinste. "Unser Captain?" "Das habe ich nicht gesagt! Streuen Sie keine weiteren Gerüchte, das ist nicht gut!" Seine Worte glichen einem Befehl. "Hören Sie, Harry? Ich weiß es nicht. Ich habe sie nicht danach gefragt. Ebenfalls habe ich sie damals nicht gefragt, weshalb sie ihre Haare abgeschnitten hat." "Ja ja", murmelte Harry und winkte Tom zu, er möge sich zu ihnen gesellen. "Jetzt bekommen wir Informationen aus erster Hand." "Ayala, Harry", begrüßte Paris die beiden und setzte sich. "Selten wurde ich so freudig von Ihnen zum Essen begrüßt, das gibt mir zu denken, Harry", neckte er seinen Freund. "Fähnrich Kim ist sehr über den Gesundheitszustand des Captains besorgt", erklärte Ayala. "Wer ist das nicht an Bord?", meinte Tom trocken und begann zu essen. "Tom, Sie sind mein bester Freund ..." "Ich weiß", grinste dieser. "Was ist mit dem Captain? Hat das Virus sie erwischt? Für wen hat sie sich die Perücke anfertigen lassen?" Harry kribbelte es in den Fingern, er musste es einfach wissen. Tom hustete. "Perücke? Wo haben Sie denn das her?", wollte er wissen, erhielt jedoch nur ein Achselzucken von beiden. "Vielleicht ist es ein Implantat? Oder sie hat sich den mobilen Emitter des Doctors geliehen und es ist holographisches Haar?" "Tom", zog Kim seinen Namen in die Länge. "Wie geht es ihr denn nun?" "Mein bester Freund", fing er feierlich mit ernster Miene an, "das fällt unter das ärztliche Schweigegeheimnis." Harry lachte auf. "Ich bitte Sie! Gerade diese Worte von Ihnen, Tom! Im Übrigen sind Sie kein Arzt." Paris hatte den Eingang bestens im Blickfeld und setzte ein Lächeln auf. "Hey, ich bin der deltaquadrantisch-beste, erster und geschicktester Assistent des MHN's ... Im Übrigen ... der Captain wurde vor einigen Stunden entlassen. Weshalb fragen Sie sie nicht selbst nach ihren Haaren?" Ayala und Kim folgten dem Blick von Tom und entdeckten den Captain, der auf den Koch hinter dem Tresen zusteuerte. "Man sollte sie warnen", flüsterte Kim den beiden zu, um von seinem geröteten Gesicht abzulenken. Mist! Tom hatte es gesehen und grinste ihn unverschämt an. "Aber ich werde nicht gewarnt, oder wie?", sagte Paris gespielt beleidigt und aß den nächsten Bissen von Neelix' Speise. "Sie sollten es als Assistent vom Doctor aus erster Hand wissen, dass Sie mit Ihrem Leben spielen", konterte Kim. "Sie ist der Captain", erwiderte Tom, "sie weiß es ebenfalls." Unauffällig beobachteten die drei, wie der Captain mit einem Teller und einem Getränk in den Händen hinüber in die äußerste Ecke ging, um sich dort zu setzen. "Sie sieht wirklich dünn aus." Harry sah, wie sie neben den Teller ein Padd legte und las. "Und irgendwie fruchtbar einsam ..." "Sie wollen sie doch nicht im Ernst fragen, ob sie sich zu uns setzen will, oder?", schien Ayala Kims Gedanken gelesen zu haben. "Oooh nein", protestierte Tom, "wir wollen doch Spaß haben und noch etwas über Fair Haven sprechen." "Das können wir doch trotzdem", widersprach Kim, "der Captain ist auch nur ... eine Frau." Die letzten beiden Worte waren für Ayala gedacht, der seinen Kopf schüttelte. Harry wollte sich gerade erheben, als Tom ihn am Ärmel festhielt. "Warten Sie noch einen Moment ..." Paris entdeckte den Commander, der sich gerade eben auch von Neelix etwas hatte geben lassen - vermutlich wollten die ranghöchsten Offiziere den Ruf der Küche wieder herstellen und gingen mit gutem Beispiel voran - und dieser suchte den Raum mit den Augen ab. "Nur, um ganz sicher zu gehen." Seine Vermutung wurde nicht enttäuscht. Chakotay ging hinüber zu Janeway, blieb kurz artig vor dem Tisch stehen, fragte vermutlich, ob er sich setzen dürfe, und bekam die Erlaubnis erteilt. "Wir wollen doch nicht stören, nicht?" "Der Mann 'der langen Haare'?", scherzte Kim. "Harry!", kam es gleichzeitig aus den Mündern von Ayala und Tom.

"Wie geht es Ihnen?", fragte Chakotay. "Danke, gut", antwortete sie ihm lächelnd. "Hat der Doctor Sie entlassen?" "In gewisser Weise ..." Sie schmunzelte. "Ich hörte, hier wäre das Essen ... 'interessanter' und Sie wissen, mir wird schnell langweilig." Er lächelte zurück. "Nicht nur das weiß ich", sprach er, "nach all den Jahren kenne ich Sie ein wenig und weiß ebenfalls, dass Sie neben einem Dickschädel auch die Gabe besitzen, möglichst alles Sie Betreffende unter Verschluss zu halten." "Dem Captain einen Dickschädel zuzusprechen ist ein gefährliches Unterfangen, werter Erster Offizier." Janeway spießte demonstrativ ein Salatblatt auf ihre Gabel und ließ diese über ihrem Teller verweilen. "Ihr Erster Offizier kann sich sehr gut wehren", erwiderte er und tat es ihr gleich, indem er sein Gemüse auf die Spitzen der Gabel platzierte, "und er ist unerschrocken." "Gut zu wissen", meinte sie und aß ihren Salat. "Soll das heißen, Sie sagen mir nun, wie es Ihnen wirklich geht?" Auffordernd blickte er zu ihr. "Was lesen Sie dort?" Janeway wurde ernst. "Was wollen Sie wissen? Dass ich keine klare Vorstellung davon habe, was tatsächlich mit mir passierte?" Sie legte ihr Besteck ab, irgendwie war ihr der Appetit vergangen. "Fakt ist, ich habe mir kein Virus zugezogen, ebenfalls wurde nichts festgestellt, was auf eine Zeitreise hätte schließen können. Mir fehlen fast vier Jahre von meinen Erinnerungen - komplett. Ist es nicht ungewöhnlich, dass ich einzelne Dinge nicht mehr in meinem Gedächtnis abrufen kann? Ich meine von denen, die in dieser Zeit passierten." Auch Chakotays Lächeln war verschwunden. "Ich bin kein Mediziner", merkte er an. "Wir haben zwar den besten Doctor an Bord, den man sich wünschen kann, aber mag es nicht sein, dass Sie irgendeine Art von Amnesie haben, die ihm bislang unbekannt ist? Etwas, das er aus heutiger Sicht nicht zu entdecken vermag?" "Ja, das habe ich auch schon vermutet", gab sie offen zu. "Was mich an dieser Theorie jedoch zweifeln lässt, ist, dass ich innerhalb von einem auf den anderen Tag so stark abgenommen habe. Das ist unmöglich, Chakotay. Und was ist mit meinen Haaren passiert? Diese wachsen nicht über Nacht auf diese Länge." Unweigerlich blickte er auf ihre Haare, die sie heute streng hochgesteckt hatte. Wollte sie damit etwas von ihrer eigentlichen Länge verbergen? Er hatte keine Antwort darauf. "Und was ist mit Ihrer Hand? Glauben sie tatsächlich, dass das ein Zeichen von Nergal ist?" "Langsam weiß ich nicht mehr, was ich glauben soll. Eine medizinische Erklärung gibt es nicht für das, was vorgestern auf der Krankenstation passiert ist. Ich habe mir das nicht selbst zugefügt, Chakotay, und es gab dort in meiner Nähe auch kein Gegenstand, der eine solche Wunde hätte hervorrufen können. Hätten Sie es nicht bemerkt, mir wäre es wohl nicht aufgefallen. Ich verspürte keine Schmerzen, es blutete einfach nur." Kathryn griff nach ihrem Kaffee. Er war erstaunt darüber, wie sachlich sie alle Fakten betrachten konnte. "Was wollen Sie jetzt tun?" Sie deutete auf ihr Padd. "Ich versuche, mein Leben wieder zurück zu bekommen. Ich lese mir alte Logbucheinträge durch, hoffe mich zu erinnern, oder wenigstens die wichtigsten Eckdaten der letzten Jahre neu anzueignen." "Wenn ich Ihnen dabei irgendwie helfen kann", er sah sie mitfühlend an, "lassen Sie es mich wissen. Fragen Sie, wenn Ihnen etwas unklar ist." "Danke, Sie würden mir bereits helfen, wenn Sie vorerst weiter das Kommando übernehmen. Ich möchte kein Risiko eingehen, indem ich Entscheidungen treffe, die ich aufgrund von nicht fehlenden Erinnerungen niemals getroffen hätte." Janeway wollte ihre Crew nicht gefährden. Diese Worte besorgten ihn am meisten. So sehr sie auch gefasst über alles sprach, diese Entscheidung, ihm weiterhin das Kommando zu überlassen, zeigte ihren wahren Gemütszustand. Er hoffte, sie würde sich nicht wie damals, vor etwas über zwei Jahren, von der Crew zurückziehen und sich selbst mit Vorwürfen quälen. "Sie können mir vertrauen", sprach er leise. Janeway blickte ihm lange in die Augen und dachte an den anderen Chakotay. Dieser hatte ähnliche Worte an sie gerichtet, bevor sie von den Kazon gekidnappt wurde. Er hatte inzwischen seinen Blick gesenkt, aß weiter, während sie nachdenklich sein Gesicht musterte. Chakotay hatte sich verändert. Nein, sie meinte damit nicht den Captain Chakotay, sondern ihren Ersten Offizier, der vor ihr saß. Oder lag es an ihr? Er schien sich Gedanken um sie zu machen, aber irgendetwas hatte sie seit vorgestern morgen vermisst. Sie konnte es nicht in Worte fassen, was das war. Schweigend saßen sie sich gegenüber und Janeway beschloss, ein wenig weiter in dem Padd zu lesen. Weshalb war er so still? Hatte sie etwas Falsches gesagt? "Seven." Chakotay blickte erfreut von seinem Essen auf und begrüßte die Ex-Borg. "Commander Chakotay, Captain Janeway", erwiderte Seven. "Weshalb leisten Sie uns nicht Gesellschaft?", schlug Chakotay vor. Janeway war unwohl bei dem Gedanken, nickte jedoch aus Höflichkeit, denn sie war satt und würde bald gehen. "Ich möchte Ihre Unterhaltung nicht stören", warf Seven ein. "Nein, das tun Sie auf keinen Fall. Nicht wahr, Captain?" "Selbstverständlich nicht", antwortete Janeway zwangsweise und senkte ihren Blick rasch, um die Borg nicht anzustarren, dennoch sah sie genug von den Bewegungen vor ihr. Der Commander stand auf, machte Seven Platz, die sich neben ihn setzte. "Ihr Immunsystem wurde repariert?", richtete Seven ihr Wort an den Captain. Janeway konnte nicht anders und betrachtete sie länger als nötig. "Ja, ich bin geheilt", antwortete sie knapp und zwang ihre Aufmerksamkeit auf die Logbucheinträge. Sie konnte sich nicht konzentrieren. "Wie kommen Sie mit Ihrer Analyse voran, Seven?", brachte Chakotay rasch ein anderes Thema zur Sprache und wandte sich zu ihr. "Ich wurde durch Modifikationen im Astrometrischen Labor aufgehalten, Commander. Die Fertigstellung der Analyse wird dadurch den geplanten Abgabetermin um zwei Stunden überschreiten", berichtete sie. Janeway horchte auf und beobachtete die beiden. "Überhaupt kein Problem, Seven", lächelte Chakotay sie an, "es eilt nicht. Ich verlängere den Termin auf morgen Vormittag." Er lehnte sich entspannt zurück und betrachtete Seven, die mit durchgestrecktem Rücken neben ihm saß. "Sehe ich Sie später in dem neuen Fair Haven? Soviel ich weiß, haben Tom und Harry ein paar Erweiterungen zur Verfügung gestellt, die wir uns nicht entgehen lassen sollten." "Ich werde überprüfen, ob ich es einrichten kann." "Es würde mich freuen", erwiderte Chakotay. Kathryn blinzelte. Das eigenartige Gefühl nahm zu. Fühlte sie sich unwohl in Sevens Gegenwart? Was war das für ein Gefühl? "Astrometrisches Labor? An Bord der Voyager?", fragte sie mehr als irritiert. "Und was ist Fair Haven?" Seven hob eine Augenbraue. "Sie funktioniert fehlerhaft", war alles, was sie knapp in Richtung des Captains sagte. Janeway schluckte eine bissige Antwort hinunter und sah zu Chakotay, von dem sie eine Antwort erwartete. "Ja, es gibt ein Astrometrisches Labor an Bord der Voyager und das verdanken wir in erster Linie Harry. Er und Seven haben es zusammen weiterentwickelt", erklärte er. "Fair Haven ist ein Holo-Roman von Tom Paris, an dem ebenfalls Harry Kim mitarbeitet, es handelt ..." Die letzten Erklärungen bekam Kathryn nicht mehr mit, zuviel anderes ging ihr durch den Kopf. Abwesend nickte sie. "Entschuldigen Sie mich bitte", sprach sie zu den beiden und fasste nach ihrem Padd. Ohne ein weiteres Wort stand sie auf und verließ das Casino. "Der Doctor sollte den Captain gründlicher überprüfen", sagte Seven und trank von ihrem Wasser. Chakotay nickte nur und sah Janeway kurz nach, bevor er die Unterhaltung mit Seven fortsetzte.

Gut gelaunt betrat der Doctor drei Tage später die Brücke und ging zielstrebig auf den diensthabenden Ersten Offizier zu, der vertieft in ein Padd im Kommandosessel des Captains saß. "Guten Abend, Commander", begrüßte er ihn. "Wollen wir hoffen, dass der Abend besser wird als der Tag", brummte dieser und blickte nicht einmal auf. Das MHN blieb vor Chakotay stehen und beschloss, besser nicht auf dessen grimmige Aussage näher einzugehen. Es war nicht zu übersehen, dass er einen mehr als schlechten Tag erwischt hatte. "Wo ist der Captain?", fragte er nach dem Grund seines Besuches. Ohne den Fragesteller eines Blickes zu würdigen, erwiderte der Commander gereizt: "Weshalb fragen Sie nicht den Computer?" In diesem Augenblick bemerkte er, wie sich der Doctor wortlos von ihm entfernte. "Sie ist immer noch da drinnen", gab er sein Wissen preis und deutete auf den Bereitschaftsraum. "Seit dem dritten Tag!" Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf die verkleinerte Darstellung eines Planetens. "Scannen Sie den Sektor erneut, Mister Kim!", wies er den Fähnrich an der OPS an, bevor er sich wieder zum Doctor wandte. "Tun Sie mir einen Gefallen, Doctor, nehmen Sie sie wieder mit auf die Krankenstation und behalten Sie sie dort, bis sie geheilt ist . Ich kann mich derzeit nicht um einen geistig verwirrten Captain kümmern." "Wie kommen Sie zu dieser Aussage? Sie ist nicht geistig verwirrt." Stirnrunzelnd musterte er Chakotay. "Wie ich darauf komme?" Schwungvoll legte er geräuschvoll das Padd auf den Boden und stand auf. "Sie versteckt sich da drinnen, will angeblich ihre verlorene Zeit aufholen, indem sie einen Logbucheintrag nach dem nächsten liest, aber sie spricht nicht einmal das Nötigste mit mir. Sie überlässt mir weiter das Kommando, bleibt von den Briefings fern, scheint sogar in dem Bereitschaftsraum zu übernachten, aber meint offenbar fit genug zu sein, um morgen das Außenteam zum Planeten zu begleiten! Das alles soll ich einer Person mit einem klaren Geist zusprechen? Wohl kaum!" "Wie würden Sie sich an ihrer Stelle fühlen, wenn Ihnen Jahre Ihres Lebens fehlten?", wollte das MHN wissen. "Missverstehen Sie mich nicht, Doctor. Sie hat mein Mitgefühl, dennoch erkenne ich sie nicht wieder. Sturköpfig und starrsinnig war sie von je her, fast schon besessen von dem Gedanken, dieses Schiff wieder nach Hause zu bringen. Sie hat wirklich Großartiges geleistet, aber momentan sollten Sie sie des Kommandos entheben, falls sie sich entschließen würde, es wieder übernehmen zu wollen. Sie hat immer sehr an den Sternenflottenprotokollen festgehalten, so sollten wir es demnach auch. Sie ist derzeit unberechenbar", versuchte Chakotay ihn zu überzeugen. "Ich werde es zum Anlass nehmen und ihre psychische Verfassung noch einmal genauestens beobachten, auch wenn ich es nach ihrem Aufenthalt in der Krankenstation nicht so drastisch sehe, wie Sie es beschreiben. Gestatten Sie?" Der Doctor trat an Chakotay vorbei und ging hinüber zum Bereitschaftsraum, wo er den Türsummer betätigte und nach einem "Herein!" von innen diesen betrat. "Oh, Doctor!" Captain Janeway begab sich rasch aus dem Liegen auf der Sitzgruppe in eine sitzende Position. "Sie hatte ich nicht erwartet." "Wen hatten Sie denn erwartet, Captain?", fragte er fröhlich und durchquerte den Raum. Achselzuckend legte sie ihr Padd zur Seite. Wenn sie es recht bedachte, eigentlich niemanden. "Hausbesuch", meinte das MHN und zückte seinen medizinischen Tricorder. "Wie geht es Ihnen?" "Gut soweit", antwortete sie. "Bestens." Während er sie scannte, beobachtete er sie zwischendurch immer wieder. "Sie haben den Nachuntersuchungstermin vergessen, Captain", erinnerte er sie an den Grund seines Besuches. "Nein, der wäre doch erst ..." Janeway stutzte und rieb sich müde den Nacken. Morgen war bereits heute, stellte sie fest. "Das war keine Absicht. Ich habe nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist", gab sie ehrlich zu. Der Doctor beendete seinen Scan. "Es scheint alles in Ordnung mit Ihnen zu sein." "Es scheint? Wie meinen Sie das?", fragte sie erstaunt. "Gesundheitlich kann ich keine Beeinträchtigungen feststellen", druckste er etwas herum, "wie es jedoch um Ihren Gemütszustand bestellt ist, vermag keines meiner Geräte zu analysieren." "Dann lassen Sie sich von mir versichern, dass dort auch keine Beeinträchtigungen festzustellen sind." Sie musterte ihn. Er schien nicht gehen zu wollen, sondern setzte sich auch noch neben sie. "Captain, wenn Sie ehrlich wären, dann würden Sie zugeben, dass Sie sich ungewöhnlich lange zurückgezogen haben ... für Ihre Person", sprach er ruhig zu ihr. "Wir machen uns Sorgen um Sie." "Wir?", wollte sie verwundert wissen. "Die Crew." Er bemerkte ihren Blick, der zur gezielten Nennung von Namen auf seinen Augen ruhte. "Nun ja, die Crew ... Commander Chakotay." Irritiert blinzelte sie und senkte den Blick. Commander Chakotay ... Sie mochte es nicht so recht glauben. In Gedanken rief sie einige markante Szenen von heute Nachmittag in ihr Gedächtnis. Schlagartig wurde die Müdigkeit vom endlosen Studieren alter Logbucheinträge wie weggewischt von mir, als ich in der offenen Tür vom Bereitschaftsraum erstarrte. Seven of Nine und Chakotay standen nebeneinander hinter der OPS. Die Ex-Borg schien irgendwelche Modifikationen an dieser Station vorzunehmen. Sie unterhielten sich und blickten sich immer wieder zwischendurch lächelnd an. Zugegeben, er lächelte mehr als sie und zeitweise trennten nur wenige Zentimeter ihre Gesichter. Dieser Anblick versetzte mir einen weiteren Stich und fluchtartig trat ich meinen Rückzug in den Bereitschaftsraum an - unbemerkt. Minuten oder gar Stunden später, ich verlor jegliches Zeitgefühl, suchte mich Chakotay im Bereitschaftsraum auf, um mir von dem bevorstehenden Landgang des Außenteams zu berichten. Vermutlich habe ich zeitweise durch ihn hindurchgestarrt und gab mich in anderen Momenten sehr beschäftigt mit dem Studieren von Berichten. Ich hörte den Klang seiner Stimme, doch seine Worte vermischten sich mit meinem lauten Herzklopfen. So viele Fragen nach dem Warum hallten mir durch den Kopf, aber ich beherrschte mich und stellte sie nicht. Irgendwann erhob ich mich und sagte ruhig, dass ich morgen das Außenteam begleiten würde. "Sie sollten sich noch schonen", hörte ich dieses Mal jedes einzelne seiner Worte. Ich reagierte nicht - zu sehr brodelten verärgerte Gefühle in mir. "Kathryn, Sie sind dazu noch nicht in der Lage. Sie gefährden sich und wohlmöglich andere. Das lasse ich nicht zu!" Er hielt mich am Arm fest, als ich an ihm vorbei wollte. Wütend befreite ich mich von seinem Griff. "Solche Worte verbiete ich mir von Ihnen!", befahl ich ihm und wünschte, mein Blick hätte töten können. "Sie sind mit den Gedanken nicht bei der Sache. Sie haben mir vorhin ja nicht einmal zugehört, als ich Sie etwas fragte. So etwas mag vielleicht gut gehen, aber diese Unaufmerksamkeit könnte Leben kosten - nicht nur Ihr eigenes." "Ich habe nichts davon gesagt, dass Sie nicht weiterhin für die nächsten ein bis zwei Tage das Kommando über das Schiff behalten, Commander. Lediglich möchte ich mich irgendwie nützlich machen und in mein Leben zurückfinden." Es hatte keinen Sinn, die verlorenen Jahre zu betrauern, irgendwie musste es voran gehen, auch wenn es sich gerade jetzt so anfühlte, als hätte ich noch weitere Jahre verloren. "Ich begleite morgen das Außenteam." Kopfschüttelnd stand er vor mir. "Wegtreten", fügte ich ernüchtert hinzu. "Das werde ich nicht zulassen!", schwor er und stellte sich mir in den Weg. "Dann müssen Sie mich meines Kommandos entheben lassen. Ich bin immer noch Ihr Captain. Ihnen wurde das Schiff nur vorübergehend übertragen ... Und jetzt raus hier!" Wütend zeigte ich zur Tür. "Sie sind nicht ... ich kenne Sie nicht wieder." Das waren seine letzten Worte, bevor er ging und gerade dieser letzter Satz traf mich mitten ins Herz. Was war ich nicht? Nicht sein Captain? Nicht die Vertrauensperson, die ich glaubte zu sein? Ich verlor die Beherrschung und warf meinen leeren Kaffeebecher hinter ihm her, der gegen die inzwischen wieder geschlossene Tür prallte. Ein weiteres Mal öffnete sich der Zugang zum Bereitschaftsraum, den Chakotay allerdings nicht betrat. Ebenso versteinert wie ich Stunden zuvor blieb er dort stehen, blickte auf den Becher und sah dann zu mir hinüber. Wenn er diesen Vorfall als eine Sammlung an Gründen für den Doctor bräuchte, damit dieser mich vom Dienst entbinden würde, dann müsste er weitere Vorfälle zusammengetragen haben, um Aussicht auf Erfolg zu haben. Er war mir so fremd, wie ich es vermutlich ihm gegenüber auch war. Es tat weh. "Captain?" Das MHN legte vorsichtig seine Hand auf die Schulter von Janeway, da diese leicht geistesabwesend schien. "Der Commander sorgt sich um mich?", griff sie des Doctors letzte Aussage von vorhin auf. "Ich hätte eher gedacht, er würde Sie zu mir schicken, damit Sie mich komplett vom Dienst entbinden." "Spricht Ihrer Meinung denn etwas dafür, dass ich dem nachkommen sollte?", bohrte er ein wenig nach. "Nein", schüttelte sie leicht ihren Kopf und lehnte sich zurück. "Wenn ich den morgigen Tag komplett für die Außenmission einplane und übermorgen für eine restliche Aufarbeitung meiner Logbucheinträge, dann sollte ich spätestens in drei Tagen soweit informiert sein, dass ich das Schiff von Chakotay wieder übernehme." Er nickte nachdenklich. "Aber wie sieht es psychisch aus? Ein Trauma steckt man nicht so schnell weg." "Psychisch wäre es das beste, ich integriere mich so rasch wie möglich wieder in den Alltag eines Captains. Es ist kein Trauma, das ich verarbeiten muss - es sind nur ein paar Jahre meines Lebens, die fehlen und gefüllt werden müssen", spielte sie es herab. "Wenn Sie irgendwann jemanden zum Reden brauchen sollten ...", fing er leise an und erhob sich, "Sie wissen, wo Sie mich finden. Ich wünsche Ihnen für morgen einen erfolgreichen Außeneinsatz. Gute Nacht, Captain." Kopfnickend verabschiedeten sich beide und Janeway blickte ihm noch hinterher, bis sich die Türen wieder geschlossen hatten. Sie begab sich zurück in ihre ursprüngliche Position bevor der Doctor sie aufsuchte, doch versuchte sie dieses Mal nicht krampfhaft, sich auf ihr Padd zu konzentrieren, sondern ließ ihren Blick durchs Fenster zu den Sternen wandern. In knapp einer Stunde müsste Chakotays Dienst auf der Brücke beendet sein und vorher würde sie sich nicht in ihr Quartier zum Schlafen zurückziehen. Für heute hatte sie genug von ihm. Das Angebot des Doctors, ihr als Zuhörer zur Verfügung zu stehen, ehrte sie sehr. Trotz allem fühlte sie sich wie auf einem anderen Schiff, auf dem so vieles vertraut und doch fremd schien. Was war nur mit ihrer Crew los? Oder besser gefragt, was war mit ihr? Weshalb konnte der Doctor nicht den kleinsten medizinischen Anhaltspunkt für ihren Zustand finden? Die Schmerzen von den ganzen Verletzungen - nicht der kleinste Hinweis eines stattgefundenen Eingriffs war zu entdecken. Hatte sie sich alles nur eingebildet? Ihre Handfläche blutete seit dem Zwischenfall auf der Krankenstation nicht erneut. Gab es eine andere Erklärung für alles? Einen scharfen Gegenstand, eine Kante, an der sie sich unbemerkt verletzte? Nergal und die andere Crew samt der zweiten Voyager, die Xaurim, Auderby - alles nur Einbildung? Amnesie? Ausgelöst wodurch? Heilbar? Ungewiss. Was wohl nur schwer heilbar wäre, war ihre Einstellung zu der Ex-Borg. Sie versuchte, sich für Chakotay zu freuen, konnte aber ihre verletzten Gefühle nicht ausschalten. Was hatte sie in den letzten Jahren getan, dass sie die Distanz zu ihm allgegenwärtig fühlte? Sie wünschte sich ihre Erinnerungen herbei und fragte sich, ob sie sich selbst dann verstehen würde und es leichter zu akzeptieren wäre.

"Nicht mehr lange, dann haben wir es für heute geschafft, Mister Kim. Haben Sie noch etwas Besonderes für den Abend geplant?", lockerte der Erste Offizier fröhlich die Stille der ereignislosen Nachtschicht auf und blickte zur Seite. Harry wunderte sich über die plötzlich so gute Laune des Commanders, konnte er seine Verstimmung doch seit heute Nachmittag mehr als nur spüren. "Ja", antwortete er verlegen, nicht wissend, was er von dieser ungewöhnlich lockeren Kommunikation halten sollte, "ich treffe mich mit ein paar Kollegen auf dem Holodeck." "Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß dabei", erwiderte Chakotay. "Danke, Sir." Der Fähnrich wollte sein Glück heute nicht mehr überstrapazieren und unterließ Nachfragen seinerseits nach den Freizeitplänen des Commanders. Chakotay machte sich wieder an die Arbeit, seinen Bericht von seiner Schicht zu verfassen. Er strahlte innerlich vor Freude, die ihm heute Nachmittag genommen wurde. Seven hatte sich zuerst dagegen ausgesprochen, nachher die restlichen Stunden des Tages mit ihm zu verbringen, da es zuviel Arbeit für sie gab, die sie unbedingt persönlich erledigen musste. Wollte, korrigierte er sich in Gedanken. In den vergangenen Tagen hatte sich dieser Zustand des Nicht-Sehens gehäuft und es machte ihn wütend. So wütend, dass der Wortwechsel zwischen den beiden nicht gerade sehr freundlich endete, nachdem sie ihre Arbeit an der OPS beendet hatte. Er legte sein Padd zur Seite. Die restlichen Aufzeichnungen würde er morgen verfassen, denn jetzt kreisten seine Gedanken überwiegend um das bevorstehende Treffen mit Seven, welchem sie vor wenigen Minuten zugestimmt hatte. Chakotay studierte zum Abschluss ein weiteres Mal die Aufstellung des Außenteams für morgen und pausierte dabei nachdenklich. Je länger er seine Gedanken kreisen ließ, desto mehr kam er zu dem Entschluss, aufgrund seiner schlechten Laune vorhin heftiger als normalerweise dieses seinen Captain hatte spüren lassen. Es stimmte jedoch, dass er sich Sorgen machte, jemanden ins Außenteam zu nehmen, der nicht ganz bei der Sache war - Captain hin oder her. Hätte er ihr dieses auf eine freundlichere Art und Weise zu verstehen gegeben, oder ihr die Möglichkeit gelassen, ihn besser mit ihren Gegenargumenten zu überzeugen, vielleicht wäre dann nicht zum ersten Mal die Tasse seiner Vorgesetzen nach ihm geworfen worden? Er hegte den Verdacht, dass Janeway selbst einen ebenso schlechten Tag wie er gehabt haben musste. Weshalb nicht einfach zu ihr gehen und mit ihr reden? Es wäre außerdem ungünstig, sie morgen im Außenteam zu haben, wenn die Spannungen weiterhin anhielten. Der Commander gab sich innerlich einen Schubs, erhob sich und durchquerte die Brücke zum Bereitschaftsraum. Zweimal betätigte er den Summer, doch niemand bat ihn herein. Überlegend, ob sie weiterhin verärgert über ihn war und ihn nicht Einlass gewähren wollte, atmete er tief durch und befand das für kompletten Unsinn, selbst wenn dies stimmen sollte. Sie würde nicht erst den Computer bemühen um zu erfahren, wer vor ihrer Tür stünde. Oder doch? Nach ein paar Schritten blieb er in dem Raum des Captains stehen. Schmunzelnd stellte er aus der Ferne fest, dass er Recht hatte. Es war nicht ihr Groll, der ihn warten ließ, sondern sie hatte den Türsummer schlichtweg nicht gehört. Ihr rechter Arm lag angewinkelt unter ihrem Kopf, zur Seite eingerollt schlief sie auf der Sitzgarnitur. Gerade wollte er sich abwenden und gehen, da fiel sein Blick auf ihre andere Hand, dessen kleiner Finger gerade noch den Henkel eines Bechers hielt. Sein Grinsen wurde breiter und er ging leise zu ihr hinüber. Vorsichtig entfernte er den Kaffeebecher samt den letzten kalten Schlucks des Gebräus, der zum Glück nicht ausgelaufen war, und stelle ihn auf dem kleinen Tisch ab. Kurz verweilte sein Blick auf ihrem schlafenden Gesicht. "Ich freue mich darauf, Sie morgen dabei zu haben, Kathryn", flüsterte er ihr zu. "Schlafen Sie gut." Mit diesen Worten verließ er so leise wie er gekommen war den Raum.


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