
Kapitel 5 - Beschattung Seinem Zeitgefühl zufolge mussten mehrere Stunden vergangen sein. Das steife Gefühl seiner Beine bestätigte diese Annahme. Schmerzverzerrt quälte Lieutenant Ayala sich aus der Kommode, in der er sich versteckt hatte und reckte seine Gliedmaßen. Langsam kehrte wieder Blut in sie zurück. Noch einmal rieb er sich über das müde Gesicht und wandte sich dann wieder der Kommode zu. An ihrer Seite befand sich ein flaches, metallenes Gerät - der mobile Emitter des Doctors. Ayala nahm einige Einstellungen an dem Emitter vor und Sekunden später verwandelte sich die Kommode zurück in den Doctor. Verdutzt blickte dieser an sich hinunter und betrachtete eingehend seine Hände, so als ob er nachprüfen wollte, ob tatsächlich alles an der richtigen Stelle war. Nachdem er sein derzeitiges Erscheinungsbild für akzeptabel befunden hatte, drehte er sich zu seinem Begleiter um. "Lieutenant, in der ganzen Zeit seit meiner Aktivierung bin ich noch nie so gedemütigt worden! - Ich wurde geschrumpft, man stellte meine Sprachprozessoren ab, wenn man mir nicht zuhören wollte, ich wurde ignoriert, aber noch nie... wirklich noch nie wurde ich in eine Kommode verwandelt!" Das MHN hatte die Hände in die Hüften gestützt und funkelte den jungen Mann ihm gegenüber wütend an. "Es war die einzige Möglichkeit, Doctor, Sie müssen mir verzeihen. Oder hätten Sie die Nacht lieber in einer targaleanischen Arrestzelle verbracht?" Der Arzt schnaufte, als Zeichen, dass dies zwar ein logisches Argument war, er sich jedoch immer noch missbraucht fühlte. "Wir sollten jetzt gehen. Man hat uns gestern Abend zwar gesehen, aber man konnte uns nicht erkennen. Es wird also keine Schwierigkeiten geben." Ein Brummeln ertönte von Seiten des MHNs und Ayala fragte sich, wie lange er den Beleidigten spielen würde. "Wir sollten jetzt den Captain und den Commander aufsuchen."
"Guten Morgen Premierminister." Targor, der Minister für Innere Sicherheit setzte sich zu Turat an den Frühstückstisch. "Haben Sie gut geschlafen?" "Was meinen Sie, wie sollte ich bei all den Problemen um unser Volk und den Sorgen um mein Kind gut schlafen können? Ich bin fast die ganze Nacht wachgelegen." Das targaleanische Regierungsoberhaupt machte einen müden und niedergeschlagenen Eindruck. "Ich möchte heute schon nach Targala Prime zurückfliegen, hier habe ich keine Ruhe. Der Anschlag gestern hat mich in meinem Entschluss noch bestärkt." "In Ordnung, das ist kein Problem. Ich muss aber vor unserer Abreise noch ins Untersuchungsgefängnis. Die Polizei hat gestern noch zwei Verdächtige direkt am Explosionsort festgenommen." Targor war froh, diese Neuigkeit an seinen Vorgesetzten weitergeben zu können, vielleicht konnten die beiden endlich Hinweise auf das entführte Kind geben, wenn man sie nur lange genug verhörte. "Ich möchte, dass Sie danach sofort wieder zu mir kommen und mir einen genauen Bericht geben. Endlich ein Anhaltspunkt in dieser ganzen Angelegenheit." In Turats Augen war ein leiser Hoffnungsschimmer zu erkennen. "Premierminister, haben Sie eigentlich schon von Ihrer Frau gehört?" Mitfühlend hatte Targor diese Worte an seinen Vorgesetzten gerichtet. Er wusste natürlich Bescheid, dass Jewar ihm wegen der Entführung des Kindes große Vorwürfe gemachte hatte und ihn deswegen auch verlassen hatte. "Nein, leider nicht. Solange wir die Entführer und unsere Tochter nicht gefunden haben, wird sie sich auch mit Sicherheit nicht bei mir melden." Turat blickte betrübt auf sein Frühstück, welches er noch nicht einmal angerührt hatte, er verspürte einfach keinen Appetit. "Meine Frau macht mich für alles verantwortlich. In gewisser Weise hat sie auch Recht, nur kann ich unmöglich den Forderungen der Kidnapper Folge leisten."
"Guten Morgen B'Elanna, darf ich mich zu Ihnen setzen?" Harry Kim stand mit seinem Frühstückstablett am Tisch einer ziemlich wütend aussehenden Klingonin, er hatte sich schon überlegt, ob er sie überhaupt ansprechen sollte. "Ja", kam die einsilbige Antwort der Chefingenieurin. "Was ist denn los? Sie sehen aus, als wollten Sie jeden Moment Ihre Kaffeetasse in die Ecke werfen." "Tom Paris, dieser Mistkerl. Er treibt sich mit Neelix irgendwo unten auf dem Planeten rum und hält es nicht einmal für nötig, mich einmal am Abend zu kontakten. Und stellen Sie sich vor, er hatte sogar seinen Communicator deaktiviert." B'Elanna Torres war in ihrem Zorn beinahe nicht mehr zu bremsen. "Wer weiß, mit wie vielen hübschen Frauen die zwei dort unten gestern ein Fest gefeiert haben. Na der kann was erleben, wenn er wieder auf die Voyager zurückkommt." "B'Elanna, natürlich sind Sie enttäuscht, dass Tom sich nicht gemeldet hat. Aber denken Sie nicht, Sie sollten ihm die Gelegenheit zur Verteidigung geben, bevor Sie ihn verurteilen?" Harry versuchte die aufgebrachte Ingenieurin zu beruhigen, was ihm aber nicht gelang, denn mit jeder Minute wurde sie noch wütender. "Jedes Außenteam hatte die Anweisung, sich abends auf dem Schiff zu melden, warum haben es dann die anderen geschafft? " "Vielleicht sind sie in Schwierigkeiten geraten und es war ihnen nicht möglich." Kim überlegte kurz, er wollte seine Kollegin nicht auch noch beunruhigen. "Nein, das glaube ich nicht, dann wüsste doch der Captain davon. Sie werden sehen, dass es hierfür bestimmt eine einleuchtende Erklärung gibt." "Das will ich ihm auch geraten haben. Ich muss jetzt in den Maschinenraum, mein Dienst beginnt gleich." Torres erhob sich und Harry tat es ihr gleich. "Ich muss ebenfalls los, Seven erwartet mich im Astrometrischen Labor, wir müssen den Grund für den Unfall gestern finden."
Tom Paris wurde von einem durchdringenden Schnarchen geweckt, im ersten Moment wusste er gar nicht, wo er sich befand. Das Gefängnis - er riss entsetzt die Augen auf, als er sich wieder erinnerte. Der Talaxianer lag auf der Pritsche neben ihm und grunzte noch genüsslich vor sich hin. Der Pilot richtete sich ächzend aus seiner Liege auf, er meinte jeden Knochen einzeln zu spüren, dagegen war die Arrestzelle der Voyager ein Luxushotel. "Neelix, wachen Sie auf, wir müssen reden." Tom rüttelte seinen Kollegen an der Schulter, um ihn endlich wach zu bekommen und vor allem, damit er endlich mit diesem durchdringenden Sägen aufhören würde. Der selbsterkorene Moraloffizier der Voyager hustete kurz und schlug dann die Augen auf. "Tom, was ist denn los? Ach du meine Güte, die Verhaftung gestern." Er kratzte sich am Kopf und überlegte fieberhaft. "Was machen wir denn jetzt? Die werden uns doch nie glauben. Sollen wir jetzt in diesem Loch verrotten?" Panik machte sich in Neelix breit, er hatte sich aus seinem Bett erhoben und begann in der Zelle auf- und abzulaufen. "Ich habe Hunger, glauben Sie, dass wir hier auch mal etwas zu essen bekommen?" "Mr. Paris, denken Sie denn nur noch mit Ihrem Bauch? Ich schlage vor, wenn wir zurück auf die Voyager kommen, setze ich Sie erst mal auf Diät." Er sah den Piloten von der Seite an. "Sie haben einige Kilo zugenommen." Tom wollte wütend antworten, wohl darum weil er genau wusste, dass Neelix Recht hatte, jedoch kam er nicht mehr dazu, denn ein Wärter kam und sperrte die Zelle auf. "Kommen Sie mit, man will Sie sprechen." "Schon wieder ein Verhör", winselte der Talaxianer, "wir haben doch die ganzen gestrigen Vorgänge schon so oft wiederholt, bitte nicht noch einmal." Trotzdem schlurfte er, gefolgt von Tom Paris, hinter dem Wachmann her. "Sie haben ganz schönen Staub aufgewirbelt. Der Minister für innere Sicherheit ist persönlich zur Befragung anwesend." Der Wärter sperrte eine Verbindungstür auf und ließ die beiden Crewmitglieder der Voyager passieren. "Warten Sie hier, Sie werden gleich abgeholt."
"Captain, Commander, bin ich froh Sie zu sehen. Sie können sich nicht vorstellen, was ich vergangene Nacht durchgestanden habe. Es ist einfach nicht zu fassen, was Lieutenant Ayala mit mir angestellt hat. Eine Kommode - stellen Sie sich das vor, er hat aus mir eine holographische Kommode kreiert. Es war so entwürdigend, ich..." Der Doctor der Voyager hielt in seinen entrüsteten Ausführungen inne, als er sah, dass Janeway und Chakotay sich ansahen und schallend zu lachen begannen. Beleidigt wandte er sich ab. "Lieutenant, erzählen Sie die Geschichte, ich werde hier offenbar nicht ernst genommen." Der ehemalige Maquis begann mit seinem Bericht des vergangenen Tages, Janeway hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen. Ihre Augen hellten sich auf, angesichts der Fortschritte, welche die beiden trotz ihrer nächtlichen Schwierigkeiten gemacht hatten. Ayala schloss seinen Bericht mit den Worten. "Zum Glück hatte Lieutenant Torres die Einstellungen des Emitters so erweitert, dass mehrere Erscheinungsbilder des Doctors abgerufen werden konnten." "Das war hervorragende Arbeit. Sie beide gehen jetzt am Besten sofort noch einmal zu dem Graphologen und lassen die Schriftproben, die Sie sich", Kathryn musste schmunzeln, "ausgeliehen haben, analysieren. Das könnte den Durchbruch bedeuten. Kontakten Sie mich sofort, wenn Sie Neuigkeiten haben." Zufrieden sah Janeway die beiden Männer an. "Und bitte bringen Sie Ihr Diebesgut danach sofort wieder in Targors Büro zurück." Nach einem kurzen "Aye, Captain" machten die beiden Amateureinbrecher kehrt und gingen wieder. "Chakotay, wie gehen wir zwei jetzt weiter vor? Sollten wir uns erneut in dieses schäbige, mottenzerfressene Hotel begeben?" Kathryn schauderte bei dem Gedanken daran, allerdings konnte dort der Schlüssel für viele unbeantwortete Fragen sein. "Ich denke, das wäre das beste. Eine weitere Option steht uns im Moment sowieso nicht zur Verfügung. Oder hatten Sie heute Nacht eine Eingebung, wo wir weitere Spuren des Gelben Kreises finden könnten?" Der erste Offizier der Voyager stand neben ihr, sie blickten gemeinsam durch das Fenster von Kathryns Hotelzimmer auf die Stadt, die jetzt im Morgenlicht erstrahlte. "Nein, natürlich nicht." Janeway musste lächeln, als sie an die Ereignisse des letzten Abends dachte, was wäre wohl passiert, hätte ihr Communicator nicht gepiepst? Ein wohliger Schauer durchrieselte sie bei diesem Gedanken. Sie konzentrierte sich aber sofort wieder auf ihre Aufgabe und die Probleme, die sie noch erwarteten. "Haben Sie etwas von Tom und Neelix gehört, sollten wir uns vielleicht Sorgen machen?" "Leider nein, Captain. Ich habe vorhin noch einmal die Voyager kontaktet, auch dort haben sie sich nicht gemeldet. B'Elanna ist schon so wütend, sie will ihr Bath'let hervorholen, um Tom gebührend zu empfangen." Bei seinem letzten Satz musste Chakotay grinsen, als er sich vorstellte, wie die Klingonin ihren Ehemann begrüßen würde. "Hoffentlich sind die beiden nicht doch in Schwierigkeiten geraten." Kathryn überlegte kurz, "Geben wir ihnen noch etwas Zeit." Sie wandte sich vom Fenster ab. "Kommen Sie, Chakotay, machen wir uns auf den Weg in dieses ... Hotel."
"Lassen Sie mich bitte allein mit den beiden Häftlingen sprechen." Der targaleanische Minister für innere Sicherheit wies die beiden Wachen an, den Raum zu verlassen, was diese auch sofort taten. "Minister Targor", begann Neelix beflissen, "ich hoffe, Sie glauben uns wenigstens. Wir haben mit dem Bombenanschlag nichts zu tun. Wir...", er wurde in seinem Redefluss schnell unterbrochen. "Ich weiß, wer Sie sind. Sie kommen vom Raumschiff Voyager. Ich habe Sie vor dem Attentat bereits im Publikum auf der Messe gesehen. Ihre Ermittlungen sind mit Premierminister Turat abgesprochen. Er hat mich gestern noch in alle Fakten eingeweiht, als ich ihn mit der Tatsache konfrontierte, Sie unter den Leuten erkannt zu haben." Targor hielt kurz inne, um seinen Worten Wirkung zu verleihen. Tom und Neelix blickten sich verblüfft an, dann erhellten sich ihre Mienen, offenbar waren sie doch nicht dazu verdammt, für alle Zeiten in diesem Gefängnis zu schmoren. "Lassen Sie mich aber gleich vorweg klarstellen. Ich bin mit Ihrer Einmischung hier auf Targala absolut nicht einverstanden. Ihre Anwesenheit bringt mehr Probleme für unser Volk, als wir ertragen können. Da es sich hier aber um ein Arrangement mit dem Premierminister handelt, muss ich mich dem wohl oder übel beugen." Targor blickte den beiden Sternenflottenoffizieren ins Gesicht, es war für sie zu erkennen, dass sie von ihm keinerlei Hilfe erwarten konnten. "Minister Targor, was wird jetzt mit uns passieren? Sie glauben uns doch, dass wir diese Bombe nicht gelegt haben, im Gegenteil, wir haben sogar wieder das Bekennerzeichen, diesen kleinen gelben Kreis, gefunden. Wenn Sie uns freilassen, könnten wir unsere Ermittlungen wieder aufnehmen. Es ist doch nur zu Ihrem und des Premierministers Nutzen." Tom Paris hatte sich bemüht, betont sachlich und ruhig zu sprechen, er war Neelix zuvorgekommen, der bereits den Mund geöffnet hatte, um Targor wieder mit einem seiner Redeschwalle zu überrollen. Der Minister für innere Sicherheit ging in dem kleinen Zimmer auf und ab, er rieb sich das Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, in der anderen Hand hielt er das Protokoll der gestrigen Vernehmung der beiden Crewmitglieder der Voyager. Er überflog die Zeilen noch einmal und dachte angestrengt nach. Wenn er die beiden nicht freiließ und der Premierminister davon erfahren würde, wäre er dessen Vorwürfen gewiss. Auf der anderen Seite behagte ihm die Einmischung dieser Fremden überhaupt nicht. Er war es gewohnt, Probleme selbst zu lösen. Targor hatte keine andere Wahl, als eine Entscheidung zu treffen, die ihm überhaupt nicht behagte. "Gut, Sie können gehen. Ich weiß, dass ich Sie nicht daran hindern kann, weiter wegen der Entführung des Kindes Ihre Ermittlungen anzustellen, aber ich rate Ihnen: Kommen Sie nicht mehr in meine Nähe."
Als Fähnrich Kim das Astrometrische Labor der Voyager betrat, war Seven of Nine bereits an den Konsolen beschäftigt, sie blickte kurz auf, als sie das Zischen der Türen hörte und widmete sich ohne ein Begrüßungswort wieder ihrer Arbeit. "Guten Morgen", unbeeindruckt von ihrer kühlen Arroganz ging Harry freundlich auf sie zu, "haben Sie angenehm ... regeneriert?" "Danke, Fähnrich, ich bin übrigens bereits seit einer Stunde hier. Die Schäden durch die gestrige Energieentladung wurden vom Reparaturdienst der Nachtschicht beseitigt. Wir können also sofort damit beginnen, die neuen Sensoren wieder zu laden." "Seven, wir wollten doch noch die genaue Ursache für den Unfall herausfinden. Ich weiß genau, dass ich nicht schuld bin." Harry Kim hatte die Hände in die Hüften gestützt, er stand direkt vor ihrem Arbeitsplatz und blickte sie herausfordernd an. "Meine Arbeiten gestern waren alle einwandfrei, wenn Sie die Logbücher meiner Station überprüfen würden, hätten Sie die Bestätigung." Die ehemalige Borg blickte überrascht über die Hartnäckigkeit des jungen Fähnrichs auf, offenbar war er sich seiner Sache sehr sicher. "In Ordnung", erwiderte sie schließlich, "das wird nicht zuviel Zeit in Anspruch nehmen." Die beiden arbeiteten einige Zeit schweigend an einer Konsole, sie luden Daten herunter und verglichen sie. Plötzlich stieß Harry einen erfreuten Schrei aus. "Hier, sehen Sie, meine Konfigurationen waren vollkommen ordnungsgemäß ausgeführt, die Ursache für die Entladung ist woanders zu suchen." Seven of Nine zog überrascht ihre Augenbraue in die Höhe, damit hatte sie nicht gerechnet. "Sie haben Recht Fähnrich. Ich schlage vor, den genauen Grund für die falsche Energieverteilung zu lokalisieren, bevor wir wieder mit der Arbeit an den Sensoren beginnen." Die Borg überlegte kurz und betätigte währenddessen einige Schaltfelder, um weitere Daten abzurufen und zu überprüfen. "Die benötigte Zusatzenergie wurde aus dem Maschinenraum transferiert, wir sollten Lieutenant Torres in unser weiteres Vorgehen miteinbeziehen." Harry Kim tippte kurz seinen Communicator an. "Kim an Torres." "Torres hier." "B'Elanna, wir brauchen Ihre Hilfe. Der Unfall im Astrometrischen Labor hatte anscheinend etwas mit dem Energietransfer aus dem Maschinenraum zu tun. Wir müssen alles noch einmal überprüfen, bevor wir die Sensorenphalanxen neu laden können." "Warum denkt eigentlich im Moment jeder auf diesem Schiff, dass wir für alle Fehlfunktionen verantwortlich sind?" Die Chefingenieurin war immer noch wütend auf ihren Gatten und ließ ihre Aggressionen jetzt ungerechterweise an der falschen Person aus. B'Elanna merkte jedoch sofort, dass ihre scharfen Worten nicht angebracht waren, der arme Fähnrich konnte schließlich nichts für ihre persönlichen Probleme, und versuchte, diese zu entschärfen. "Tut mir leid Harry, aber wir mussten gestern schon eine unnötige Diagnose durchführen. Fähnrich Jenkins meldete eine Kursabweichung in der Umlaufbahn und gab den Impulsgeneratoren die Schuld."
"Lieutenant Ayala, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie auf der Voyager nicht publik machen würden, was Sie im Regierungsgebäude mit mir angestellt haben. Ich würde zum Gespött des gesamten Schiffes werden." Der holographische Notarzt und der ehemalige Maquis, beide immer noch stilgerecht als Targaelaner verkleidet, gingen die Straßen entlang. Sie waren auf dem Weg zu Kumor, dem etwas kauzigen Graphologen, um die entwendeten Schriftstücke analysieren zu lassen. "Keine Sorge, Doctor, das bleibt unser Geheimnis. Jetzt müssen Sie nur noch dafür sorgen, dass auch der Captain und der Commander nichts darüber erzählen." Ayala prüfte kurz, ob noch alle Papiere richtig unter seiner Tunika verstaut waren, allerdings tat er dies während des Gehens so ungeschickt, dass einige Blätter herausfielen. Unglücklicherweise wehte sie der Wind ein Stück davon, der Arzt hatte dieses kleine Fauxpas sofort bemerkt und sprintete, nicht ohne vorher einen vorwurfsvollen Blick zu seinem Crewkollegen zu werfen, hinterher. Es gelang ihm alle Zettel, bis auf einen zu fassen. "Lieutenant, da - ein Blatt fehlt noch. Schnell, laufen Sie hinterher." Das MHN verstaute die erbeuteten Papiere sorgfältig unter seiner Bekleidung und blickte dann zu Ayala. Dieser hatte ziemliche Mühe, dem Blatt zu folgen. Immer wenn es auf der Straße lag, und der Lieutenant meinte, es zu fassen, kam eine neuer leichter Windstoss und ließ es wieder durch die Luft tanzen. Dieses Spiel ging so lange, bis sich der Zettel in einem Busch, ein Stück abseits vom Straßenrand in einer Grünanlage verfing. Triumphierend ging der ehemalige Maquis auf den Strauch zu und griff nach dem Blatt. Plötzlich sah er irgendetwas Farbiges hinter dem Gebüsch, neugierig wie er doch war, wollte er kurz nachsehen, ob hier jemand etwas verloren hatte. Ayala ging um den Strauch herum, in der Erwartung eine Stola oder Ähnliches zu finden, als er jedoch sah, was da vor ihm lag, erschrak er. "Doctor, kommen Sie sofort hierher." "Lieutenant, wir haben keine Zeit mehr. Wir müssen jetzt zum Graphologen, Sie haben doch den Zettel." Der Arzt wurde langsam ungeduldig, das Einsammeln von Blättern, die durch die Lüfte tanzten, war nicht gerade eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. "Bitte, Doctor, hier liegt jemand." "Was? Ich bin sofort da." Erschrocken machte sich das MHN unverzüglich auf den Weg, als er bei Ayala ankam, sah er diesen auf dem Boden neben einer bewusstlosen Frau knien. Er ging ebenfalls in die Hocke, holte sofort seine medizinische Ausrüstung unter der Tunika hervor und beglückwünschte sich zum ersten Mal zu dieser ungewohnten Kleidung, die wirklich ihre Vorteile hatte. Der Arzt ließ seinen Tricorder über die Frau gleiten, um ihre Lebensfunktionen zu prüfen. Lieutenant Ayala kniete immer noch hilflos neben der Frau, unfähig zu helfen, was ihn sehr belastete. Sie war jung und hatte ein sehr hübsches Gesicht, ihre langen goldenen Haare waren feucht, auch ihre Kleidung fühlte sich klamm an. Offenbar lag die Frau schon länger hier, die Feuchtigkeit rührte seiner Meinung nach vom Morgentau her. "Doctor, was ist mit ihr? Können Sie schon etwas feststellen?" "Ja, leider. Meinen Tricorderdaten zufolge wurde sie mit Lekortoxin betäubt." Der Arzt klappte sein medizinisches Untersuchungsgerät zu und blickte seinem Gegenüber ernst ins Gesicht. "Ich kann ihr nicht helfen, ich weiß einfach immer noch zu wenig über dieses Nervengift und die Physiologie der Targaleaner." Ayala blickte ihn ratlos an. "Was machen wir jetzt?" "Wir sind nicht weit vom Regierungsgebäude entfernt. Das Beste wird sein, wir bringen die Frau zu Doktor Trewis. Er konnte schließlich auch das Leben von Premierminister Turats Leibgarde retten." Der Arzt nahm die Frau, sie war klein und zierlich und kam ihm leicht wie eine Feder vor, auf die Arme und hob sie hoch.
Seit einer halben Stunde warteten Tom und Neelix nun schon darauf, dass der Minister für Innere Sicherheit das Gelände des Polizeipräsidiums, an dem das Untersuchungsgefängnis angrenzte, verließ. "Glauben Sie wirklich, dass es nötig ist, ihn zu verfolgen. Ich habe Hunger. Ach was würde ich jetzt für eine schöne, heiße Leolawurzelsuppe geben." Der kleine Talaxianer hüpfte nervös von einem Bein auf das andere, er stand neben Paris hinter einem Mauervorsprung, über den sie den Eingang zur Polizeiwache bestens beobachten konnten, ohne sofort entdeckt zu werden. "Wer denkt denn jetzt mit dem Bauch?" Tom hatte seinen Kopf kurz zu seinem Kollegen gedreht und antwortete ihm leise. "Neelix, ich sage Ihnen, mit dem Kerl stimmt etwas nicht. Warum hat er uns so schnell laufen lassen und wieso sollen wir ihm nicht noch einmal in die Quere kommen? Schrillen da bei Ihnen nicht sämtliche Alarmsirenen?" "Sie haben ja Recht. Aber was machen wir, wenn er nicht herauskommt?" Neelix blickte Paris zweifelnd an, dieses Herumstehen und Warten war ihm einfach zu langweilig. "Wir warten einfach so lange, bis er erscheint. Und wenn es Stunden dauert. Oder haben Sie etwas vor - außer Essen?" Neelix wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als Targor das Gebäude mit raschen Schritten verließ. Die beiden Crewmitglieder der Voyager blickten sich kurz an und zogen ihre Köpfe ein Stück weiter zurück, so dass sie gerade noch über den Vorsprung sehen konnten. Der targaleanische Minister für innere Sicherheit blickte sich auf dem Platz um, er schien einen Moment unschlüssig, dann ging er schnell über die Strasse und kam direkt auf Paris und Neelix zu, die sich nun vollends hinter der Mauer verbergen mussten. Als sie nach geraumer Zeit wieder vorsichtig hervorspähten, sahen sie wie Targor bereits ein Stück weiter den Gehweg entlang ging. Sie verließen vorsichtig ihr Versteck und folgten dem Minister in genügendem Abstand, so dass sie keinen Verdacht erregen konnten. Sie gingen die Straße bis zum Ende und bogen dann nach links ab, auf diesem Weg überquerten sie noch zwei Kreuzungen, bis Targor schließlich anhielt, um mit einer Frau zu sprechen. Tom und der Talaxianer schlichen sich so nah wie nur irgendwie möglich an die beiden Gestalten heran, hofften sie doch, irgendetwas Interessantes aus der Unterhaltung zu erfahren. Die beiden Amateurdetektive versteckten sich hinter einem großen Baumstamm und lugten vorsichtig hervor. Als Neelix das Gesicht der Frau sah, stieß er Tom unwillkürlich in die Rippen. "Mr. Paris, wissen Sie wer das ist?" "Natürlich nicht, Neelix, wie sollte ich?" Tom blickte seinem Kollegen etwas erstaunt ins Gesicht und wandte dann wieder den Blick auf das seltsame Paar. Der Minister hatte der für ihn fremden Frau die Hand auf die Schulter gelegt und sprach auf sie ein. "Das ist Jewar, die Ehefrau des Premierministers. Ich frage mich, was sie hier in der Provinz Rankesch macht." Der selbsternannte Moraloffizier der Voyager konnte sich das nicht erklären. Er überprüfte noch einmal genau das Gesicht der Targaleanerin, es gab keinen Zweifel, er hatte sich nicht getäuscht. Was machte diese Frau hier, wieso war sie nicht in Targala Prime und wartete darauf, dass sie Nachricht über ihr vermisstes Baby bekam? Ihr Verhalten gab ihm Rätsel auf. Während Neelix noch weiter sinnierte, pfiff Tom Paris plötzlich leise durch die Zähne. "Nun sehen Sie sich mal das an - die getreue Ehefrau des Premierministers. Ich fasse es nicht." Der verkleidete Talaxianer blickte wieder zu den beiden Gestalten und musste verblüfft mit ansehen, wie Targor Jewar in die Arme genommen hatte und Ihr Kopf vertrauensvoll auf seiner Schulter lag.
"Zu schade, dass Rigar uns heute nicht mehr begleiten konnte. Aber wir müssen eben ohne ihn zurechtkommen." Janeway hatte diese Worte bedauernd zu Chakotay gesprochen, als sie sich langsam der Bleibe näherten, in die sie gestern Molot gefolgt waren. Sie hofften, ein weiteres Treffen mit seinem Bruder Karak belauschen zu können, um endlich Licht ins Dunkel zu bekommen. Hatten die beiden etwas mit dem Gelben Kreis zu tun oder interpretierten sie die mitangehörten Wortfetzen falsch? "Keine Sorge Kathryn, wir schaffen das schon. Was meinen Sie, ist Turats Assistent bereits da oder sollten wir hier warten?" Kaum hatte der erste Offizier der Voyager diese Worte ausgesprochen, zupfte der Captain ihn am Ärmel seiner Tunika. "Ssht, ich sehe ihn, dort - er geht auf den Eingang zu. Kommen Sie, wir bleiben so dicht wie möglich hinter ihm." Die beiden gingen langsam, offensichtlich in ein Gespräch vertieft über die Straße auf das sogenannte Hotel zu, dessen Fassade genauso schäbig aussah, wie es um die Innenausstattung bestellt war. Die Eingangstür stand weit offen, so dass sie sich wie zufällig daneben hinstellen konnten. Sie hofften, bereits von dort aus erste Informationen zu erlauschen und diese Erwartung hatte sie nicht getrogen. "Was soll das heißen, er ist abgereist?" "So wie ich es sage, Ihr Bruder bekam gestern Abend noch Besuch von zwei Männern. Danach hat er sein Zimmer bezahlt und unser Etablissement verlassen." "Aber er muss doch eine Nachricht für mich hinterlassen haben, oder wenigstens eine Adresse, wo ich ihn finden kann." "Guter Mann, ich bin hier nicht für die Übermittlung von Botschaften zuständig. Ich vermiete Zimmer, glauben Sie mir, das ist schwer genug." Molot unterhielt sich offenbar mit dem Portier und war alles andere als glücklich, diese niederschmetternden Neuigkeiten zu erfahren. Janeway und Chakotay hatten für den Moment genug gehört, sie gingen ein Stück des Weges entlang, um sich über das soeben Erfahrene unterhalten zu können. Kathryn fuhr sich nachdenklich mit den Fingern über die Stirn, aber als sie dort die targaleanischen Augenwülste spürte, ließ sie ihre Hand sofort wieder sinken und blickte ihren ersten Offizier an. "Also wenn ich bisher nicht der Meinung war, hier einen offenen Verdacht auszusprechen, dann muss ich jetzt meine Ansicht revidieren. Hier stimmt doch irgendwas nicht, warum verschwindet Karak so schnell, obwohl die beiden für heute morgen ein weiteres Treffen vereinbart hatten?" "Das ist in der Tat merkwürdig, aber wie sollen wir ihn jetzt finden, nachdem er nicht einmal seinem Bruder eine Nachricht hinterlassen hat? Der Commander der Voyager nahm sein Ohrläppchen zwischen Daumen und Zeigefinger und zog daran. Janeway beobachtete ihn dabei und musste schmunzeln. "Was ist denn so lustig an mir, meine targaleanische Verkleidung?" "Nein, mir ist nur aufgefallen, immer wenn Sie nachdenken oder die Lösung für ein Problem suchen, zupfen Sie an Ihrem Ohr." Chakotay ließ sofort die Hand sinken, er fühlte sich irgendwie ertappt, aber dann musste er lächeln, wobei er den Blick kurz senkte. "Sie haben Recht, es war mir gar nicht bewusst, dass ich das mache. Beobachten Sie mich heimlich?" Jetzt war es an Kathryn, leicht verlegen zu werden, denn er hatte es auf den Punkt getroffen. Natürlich betrachtete sie ihn ab und an, wenn sie glaubte, er würde es nicht registrieren. Aber das konnte sie auf keinen Fall zugeben, sie musste jetzt ganz geschickt das Thema wechseln, ohne dass er es bemerkte. "Ich denke, wir gehen am Besten zurück in das Regierungsgebäude um Premierminister Turat aufzusuchen. Die Geschichte mit Molots Bruder ist in der Tat so merkwürdig, um nicht zu sagen verdächtig, dass wir unbedingt genauere Informationen über seinen Assistenten brauchen. Und die bekommen wir hier auf der Straße nicht." Sie blickte ihrem ersten Offizier ins Gesicht, ein wissendes Lächeln hatte sich auf seinen Lippen breitgemacht, er hatte ihr Manöver natürlich durchschaut. "Außerdem haben der Doctor und Lieutenant Ayala vielleicht schon weitere Informationen." "Captain, sollten wir nicht noch einmal versuchen Neelix und Tom zu kontakten. Ich mache mir jetzt doch Sorgen, weil sich die beiden nicht melden." Chakotay hatte beschlossen, auf ihr Ablenkungsmanöver einzugehen, es war für den Moment besser so. Später blieb vielleicht wieder Zeit für ein etwas persönlicheres Gespräch, hoffte er zumindest. "In Ordnung." Janeway fuhr mit der rechten Hand unter ihre Tunika, um den Communicator, der dort verborgen war, zu aktivieren. Sie sandte die vereinbarten kurzen Töne, um Paris zu signalisieren, dass er sich bei ihr melden möchte. Die beiden warteten einige Minuten, um ihnen Zeit für die Antwort zu geben, doch nichts geschah. Auch ein weiterer Versuch, die beiden zu kontakten schlug fehl. "Janeway an Voyager." "Tuvok hier, Captain." "Commander, haben sich Lieutenant Paris und Mr. Neelix inzwischen bei Ihnen gemeldet?" Langsam machte sich Kathryn doch Gedanken über den Verbleib der beiden, wie Chakotay an ihrem Gesichtsausdruck erkannte. "Leider nicht, Captain, soll ich Sie rufen, sobald ich von ihnen Nachricht habe?" "Nein Tuvok, ich melde mich wieder bei Ihnen. Janeway Ende." Sie tippte zum Abschluss noch einmal ihren Communicator an, rückte ihre Tunika wieder zurecht, und wandte sich dann an Chakotay. "Jetzt werde ich wirklich unruhig. Es ist nicht ihre Art, Anweisungen einfach zu ignorieren. Es muss einen Grund dafür geben." "Paris an Janeway." Große Erleichterung machte sich in Kathryns Gesicht breit, als sie die vertraute Stimme ihres Piloten vernahm. "Tom, wo stecken Sie denn?", antwortete sie erfreut, "wir haben uns schon Sorgen um Sie gemacht. Bitte erzählen Sie was passiert ist und rufen Sie danach die Voyager. Auch dort vermisst man Sie beide bereits." Der Steuermann der Voyager gab, einige Male von Neelix unterbrochen, der geschäftig dazwischen funkte, einen genauen Bericht über die Vorkommnisse in der Provinz Rankesch. Er ließ nichts aus, am Schluss erwähnte er noch die vorhin gemachten Beobachtungen zwischen Targor und Jewar. Als er seinen Report beendet hatte, antwortete der Captain der Voyager ihm lächelnd. "Gut, Sie beide bleiben auf jeden Fall dort und ermitteln weiter. Das ist ja alles hochinteressant." Kathryn musste grinsen. "Janeway, Ende." Sie wurde jedoch sofort wieder ernst, da sie sich beileibe nicht vorstellen konnte, dass Jewar ihren Ehemann mit Targor betrog. Die Targaleanerin liebte ihren Mann, sie hatte ihm sogar ein Kind geboren. Kathryn war fest davon überzeugt, dass eine solche Frau niemals zu einem Ehebruch fähig wäre, jedenfalls aus ihrer Sicht. Sie würde ihren Gatten und Vater ihres Kindes niemals betrügen. Unweigerlich musste sie bei diesen Gedanken den Mann neben ihr betrachten. "Also, Premierminister Turat ist in Rankesch", sinnierte Chakotay laut und holte Kathryn damit zurück in die Realität, "was halten Sie davon, wenn wir die örtliche Polizei aufsuchen, um uns dort ganz diskret", er musste schmunzeln, "nach unserem Freund Karak zu erkunden? Außerdem sind in deren Datenbanken bestimmt mehr Informationen über den Gelben Kreis gespeichert, als wir je erfragen können." "Dieser Vorschlag ging mir auch gerade durch den Kopf", log Kathryn lächelnd, die sich sofort auf seine Ausführungen konzentriert hatte. Sie hakte sich bei ihm unter, da sie beobachtet hatte, dass viele Paare in Targala Prime so nebeneinander gingen und wollte dies gleichtun, um nicht aufzufallen. Lüg' dich doch nicht selbst an, in Wahrheit genießt du die Nähe deines ersten Offiziers. Ihre innere Stimme hatte ihr wieder einmal die Wahrheit gesagt.
Vollkommen unerwartet wurde die Brücke in Rotlicht getaucht und ein akustisches Warnsignal ertönte. Nur den Bruchteil einer Sekunde später neigte sich die Voyager im Sturzflug so weit nach vorne, dass die Crewmitglieder sich an ihren Stationen festhalten mussten. "Bericht", verlangte Lieutenant Rollins, welcher die Hände fest um die Lehnen des Captainsessels geklammert hatte, damit er nicht hinaus fiel. Er war momentan der kommandierende Offizier, da sich aufgrund Tuvoks gestriger Doppelschicht die Einteilung des Dienstes verschoben hatte. Doch die junge dunkelhaarige Navigatorin hatte im Augenblick zu viel zu tun, als dass sie Zeit zum Antworten hatte. In berauschender Geschwindigkeit flogen ihre Finger über die Schaltflächen. Sie versuchte zu vermeiden, dass die Voyager aufgrund ihres plötzlichen steilen Anflugwinkels in der Atmosphäre von Targala verglühte. Angespannt arbeitete sie mit dem Blick stur auf ihre Station gerichtet, während die anderen auf dem Hauptbildschirm die Planetenoberfläche in rasendem Tempo näher kommen sahen. Die Voyager neigte sich ein weiteres Mal jetzt sehr weit nach links, doch kontrolliert, denn Sarah Stadi hatte dem Computer diese Anweisung erteilt, dadurch und dass sie die Voyager kontinuierlich wenige Grad nach oben zog, surfte sie förmlich über die Stratosphäre. Kurz darauf konnte sie sich mit einem befreienden Aufatmen zurücklehnen. Der Bildschirm zeigte wie gewohnt Sterne am schwarzen Firmament und einen Teil des Planeten, den sie umkreisten. Der Computer erkannte, dass die Gefahrensituation vorüber war und deaktivierte automatisch den roten Alarm. "Was ist geschehen?", bat Rollins noch einmal um einen Bericht und erhob sich. Sarah Stadi war wie ihre Zwillingsschwester, die gleich zu Beginn der Reise der Voyager tragisch ums Leben gekommen war, Pilotin. Doch etwas derartiges hatte sie während ihrer ganzen Zeit noch nicht erlebt. "Die Umlaufbahn hat sich ganz plötzlich so drastisch verringert, dass die Voyager in einen direkten Sturzflug übergegangen ist, Sir." Es war schwer gewesen, die Katastrophe zu verhindern, denn der Impulsantrieb und die Manövrierdüsen arbeiteten sehr träge in Atmosphären, dafür war die Voyager einfach nicht konstruiert worden. "Was war die Ursache für die Veränderung der Umlaufbahn?" Rollins stand nun hinter Stadi und schaute ihr über die Schulter. "Wenn ich das wüsste, Sir. Fähnrich Jenkins hat einen Eintrag hinterlassen, dass die Manövrierdüsen einen Defekt hatten, wodurch es bereits am gestrigen Tag zu solchen Ereignissen kam", Sarah neigte den Kopf schräg und fügte noch zynisch hinzu, "nur nicht ganz so stark." "Im Computerlogbuch befand sich ebenfalls ein Vermerk. Es scheint jedoch, als ob das Problem immer noch nicht behoben ist", berichtete Rollins. Plötzlich drehte sich Stadi in ihrem Sessel zu Rollins herum, ihre Brauen waren leicht zusammen gezogen, wodurch sich zwischen ihnen kleine Falten bildeten. "Was wäre, wenn es gar nicht an der Hardware wie dem Impulsantrieb und den Manövrierdüsen gelegen hat, wenn es von Anfang an ein Softwarefehler war? Der Autopilot könnte einen Defekt haben oder sogar die Navigationsphalanx." Stadis ansonsten so heitere Gesichtszüge waren nunmehr verdüstert, als sie sich ausmalte was passieren konnte, würden sie mit fehlerhafter Navigationsphalanx auf Warp gehen. Der Computer könnte den Kurs irrtümlicherweise durch einen Planeten legen. "Sir", Leben kehrte wieder in die braunen Augen der Pilotin zurück, "bitte um Erlaubnis in den Maschinenraum zu gehen, um Lieutenant Torres bei der Fehlersuche behilflich zu sein." "Erlaubnis erteilt", antwortete Rollins. Er wusste, dass Stadi nicht nur eine hervorragende Pilotin war, sondern sich auch exzellent mit den zur Navigation notwendigen Systemen auskannte. Gedankenverloren rieb er sich das Kinn, während bereits die Vertretung für Sarah Stadi im Sessel direkt vor dem Hauptschirm Platz nahm.
"Doktor Trewis?", mit einem Bein stieß der Doctor die Tür zur medizinischen Abteilung des Regierungsgebäudes auf und rief nach dem zuständigen Arzt. Immer noch trug er die bewusstlose Frau, die Lieutenant Ayala versteckt hinter einem Busch in einer Seitengasse entdeckt hatte, auf den Armen. Der Gerufene erschien wie bereits am gestrigen Tag durch eine Tür an der Seite der Abteilung, die vermutlich zu seinem Büro führte. "Doctor", sagte er freudig, als er den Arzt der Voyager, verkleidet als Targaleaner wieder erkannte. Jedoch hielt er in seinen Bewegungen inne, denn er musterte skeptisch die Frau, die das medizinisch holographische Notfallprogramm einfach auf eines der freien Betten legte. "Entschuldigen Sie Doctor, aber wir sind nicht das städtische Krankenhaus", wies er mit einem Schmunzeln hin. "Ich bin mir dessen bewusst, Doktor, und bitte Sie um Verzeihung für diese Störung. Die Umstände machten dies erforderlich. Sie werden mir sicherlich zustimmen." Doktor Trewis hob angesichts dieser nebulösen Erklärung die Brauen, was gleichzeitig die hervorstehenden targaleanischen Augenwülste ein Stück empor wandern ließ. Neugierig geworden nahm er sich ein Scannergerät und fuhr es über die Frau. "Lekortoxin", stieß er plötzlich hervor und riss die Augen noch weiter auf. "Aber wie ist das möglich? Bei dem Angriff wurden doch nur drei Personen in Mitleidenschaft gezogen und wie Sie sehen, konnte ich sie bereits wieder entlassen." Trewis deutete kurz auf die leeren Betten, denen man ansah, dass kürzlich jemand in ihnen gelegen hatte, da sie noch nicht wieder frisch bezogen worden waren. "Die Frau wurde nicht in der Nacht der Entführung betäubt." Das MHN war um das Bett gegangen und deutete auf einige Anzeigen auf dem Diagnosegerät des targaleanischen Arztes, "Der Zerfallsrate des Toxins zufolge, schätze ich, dass es erst vor wenigen Stunden in ihren Metabolismus gelangte." "Sie haben Recht", murmelte Trewis, "Einige Moleküle sind bereits zerfallen, aber noch nicht so viele wie bei den anderen Patienten." Abrupt hob der Targaleaner den Kopf, "Das heißt, sie hat die Entführer gesehen und kennt vielleicht sogar deren Aufenthaltsort." "Davon gehe ich ebenfalls aus", meinte der Doctor mit einem nicht zu überhörenden Maß an Selbstlob für seine detektivischen Fähigkeiten. "Daher ist die Aussage dieser Frau extrem wichtig. Hüten Sie sie wie Ihren Augapfel, während wir zu Kumor gehen und endlich den Schuldigen identifizieren lassen." Trewis brummelte etwas Unverständliches, indes er weitere Scans an der Frau vornahm. Anscheinend hatte er die letzte Bemerkung des Doctors überhört, so sehr war er in seine Arbeit vertieft. "Wir schauen nachher noch einmal vorbei, wie es ihr geht", meinte das MHN noch beim Hinausgehen. Doch auch dies ging bei dem zuständigen Arzt vollkommen unter.
Tom und Neelix waren immer noch Targor und Jewar auf den Fersen, um weitere 'intime Details' - wie Paris sich ausgedrückt hatte - über die beiden zu erfahren. Er bestand felsenfest darauf, dass der Minister für innere Sicherheit und die Frau des Premierministers eine geheime Affäre und die Entführung des Babys nur inszeniert hatten. "Aber das verstehe ich nicht", machte Neelix erneut seine Zweifel laut, "Warum sollte Jewar ihr eigenes Kind entführen?" Paris seufzte ergeben, "Es ist gar nicht gekidnappt worden. Sie haben es an einen sicheren Ort gebracht und alles nur vorgespielt, um den Premierminister dies glauben zu machen. Wenn wir ihnen folgen, werden sie uns bestimmt zu dem Versteck führen." "Ja, aber warum sollten sie das alles überhaupt vortäuschen?" Neelix war immer noch nicht überzeugt von Paris' Hypothese. "Ich meine, was wollen sie damit erreichen?" "Neelix", Tom atmete hörbar die Luft aus, angesichts des Unglaubens seines Freundes. "Ich weiß auch nicht, was in den Köpfen der beiden vorgeht. Vielleicht wollen sie Turat in den Wahnsinn treiben, um ihn so loszuwerden." Er zuckte mit den Schultern. "Ist das nicht ein wenig kompliziert?", kam prompt der Einwand des Moraloffiziers zurück, der damit heftig die Moral des jungen, blonden Mannes abbaute. "Vertrauen Sie mir, Neelix, ich habe alle Fälle von 'Thomas Magnum' gesehen. Die Leute tun die obskursten Dingen, wenn sie verzweifelt sind." "Tom, Sie sind besessen von dieser Idee!" Das konnte Tom Paris natürlich nicht auf sich sitzen lassen. "Nicht so besessen wie Sie von Ihrer Leolawurzelsuppe." Empört stotterte der kleine Talaxianer, "Das ... das habe ich gehört, Mr. Paris!" Sogleich verfiel er jedoch ins Schwärmen, "Was würde ich jetzt für einen schönen Teller meines geliebten Eintopfes geben, anstatt das hier ...", Neelix wackelte mit den beiden übereinander gelegten hellen Teiglappen, zwischen denen sich die verschiedensten Sorten von Gemüse und wohl auch einige Fitzelchen Fleisch befanden, "... essen zu müssen." Tom hatte den Händler, bei dem sie diese angebliche Köstlichkeit erworben hatten, als Vorgänger einer Fast-Food-Kette bezeichnet und grinsend in sein labberiges Essen gebissen.
Chakotay genoss jede einzelne Minute, die Janeway ihm gestattete so engen Körperkontakt zu ihr zu halten. Er war recht erstaunt gewesen, als sie sich vorhin plötzlich bei ihm eingehakt hatte. Dies und ihr Verhalten am gestrigen Abend ließen ihn nach langer Zeit einmal wieder über Kathryns Gefühle für ihn sinnieren. Hätte sie ihn tatsächlich geküsst, wenn ihr Communicator sich nicht gemeldet hätte? Ihr Blick hatte wirklich Bände gesprochen und ihn ziemlich verwirrt. Es sah ihr gar nicht ähnlich, einen solchen Schritt zu tun. Die Parameter waren vor vielen Jahren definiert worden und sie hatte sich ihrerseits stets daran gehalten. Er war derjenige gewesen, der sie von Zeit zu Zeit ein wenig aufgeweicht hatte. Jedoch immer wenn ihr Verhalten ihm Hoffnung gemacht hatte, zog sie sich im nächsten Augenblick zurück und sie waren mehr Captain und erster Offizier als zuvor. Er hatte es aufgegeben und begonnen sich einen Schutzpanzer anzulegen, damit es nicht zu sehr schmerzte. Es war ihm gelungen, nicht das geringste Zeichen von Eifersucht zur Schau zu tragen, als Kathryn sich in Michael Sullivan verliebt hatte. Selbstverständlich hatte es ihn getroffen, doch er wollte, dass sie glücklich war. Und in Michaels Gegenwart blühte sie förmlich auf und schien nach langer Zeit, endlich einmal wieder richtig gelöst zu sein. Ein Hologramm war ihre einzige Chance, der Doctor hatte es selbst gesagt. Seine Eifersucht hätte alles verdorben. So vergrub er den Kummer in sich und schloss ihn weg. Diese Abschottungstaktik hatte immer besser funktioniert im Laufe der Zeit und er war sogar zu der Überzeugung gekommen, dass seine Gefühle für sie erloschen waren. Aber wenn er gesagt hätte, dass diese Berührung gestern Abend ihn kalt gelassen hätte, dann wäre diese eine glatte Lüge gewesen. Ihr Verhalten ihm gegenüber hatte wie ein Katalysator gewirkt und seine Emotionen so hoch schlagen lassen wie einstmals. Nichts sehnlicher als das Ende dieses Auftrages wünschte er sich, um endlich mit ihr ungestört zusammen sein zu können. Es war ihm nicht entgangen, dass sie die Entführung des Kindes emotional stark in Anspruch nahm. Wobei ihm nicht ganz klar war, weshalb dem so war, denn sie hatten keine tiefere Bindung zu dem Baby aufbauen können. "Captain", ereilte sie ein freudiger Ruf von der Strasse gegenüber. Der Doctor, gefolgt von Ayala, steuerte auf sie zu. Chakotay bemerkte die leichte Röte, die sich auf Janeways Gesicht abzeichnete, als sie sich schnell aus der vertrauten Bindung löste. Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu, der ihm ein Lächeln entlockte. Vielleicht war sie bereit sich ihm gegenüber zu offenbaren, aber dies auch der Crew mitzuteilen, war ein sehr viel größerer Schritt. "Captain, wir haben mitunter eine Augenzeugin in diesem Fall gefunden. Sie wurde vermutlich gestern Abend mit Lekortoxin betäubt. Doktor Trewis kümmert sich derzeit um sie. Wir sollten später noch einmal nach ihr schauen, ihre Aussage könnte diesen Fall aufklären." Aus dem MHN sprudelten die Informationen förmlich hinaus, während sich Lieutenant Ayala unauffällig im Hintergrund hielt. "Dennoch werden wir jetzt Kumor aufsuchen. Wer weiß schon, wann die Frau erwacht. Die Wachen waren immerhin mehrere Stunden ohne Bewusstsein." Janeway konnte angesichts dieser ungebremsten Informationsflut nur mit dem Kopf nicken und schaute dem leicht überdrehten Doctor und dem Sicherheitsoffizier lächelnd hinterher, wie sie hinter der nächsten Biegung verschwanden. "Ich habe ihn lange nicht so begeistert gesehen", grinste Chakotay. "Da haben Sie Recht, er scheint in diesem Einsatz richtig aufzugehen", bestätigte Janeway. "Dann können wir uns ja auf etwas gefasst machen. Den nächsten Diavortrag wird er vermutlich in einen Monolog über seine kriminalistischen Fähigkeiten umwandeln." Janeway verdrehte gespielt leidend die Augen und versetzte Chakotay mit dem Ellenbogen einen leichten Hieb in die Rippen, den er ebenso theatralisch getroffen kommentierte. Etwas aufgeheiterter nahmen sie ihren Weg zum hiesigen Polizeigebäude wieder auf und Janeway hakte sich erneut bei ihrem ersten Offizier ein.
"Warum machen Sie die Analyse nicht gleich selber, wenn Sie sowieso immer alles besser wissen wollen als ich?!" Kumor war noch exzentrischer als bei ihrem ersten Besuch. Diesmal aber auch nicht ganz zu Unrecht, denn der Doctor scharwenzelte ständig um ihn herum und gab ihm kluge Ratschläge, was die Schriftproben anbelangte. Immer wollte er eine angebliche Übereinstimmung gesehen haben. Er war der Ansicht den Prozess damit zu beschleunigen, doch das Gegenteil war der Fall wie Lieutenant Ayala feststellte. "Hier! Dieser Buchstabe ist in seiner Form dem auf dem Bekennerschreiben vollkommen identisch", beharrte der Doctor diesmal sehr vehement. Kumor verdrehte nur verächtlich die Augen und legte das Schriftstück zur Seite. "Warum tun Sie das? Wir haben ihn!" Der Doctor hatte nach dem Stück Papier gegriffen und wedelte nun damit vor Kumors Gesicht herum. Lieutenant Ayala war der Auftritt des Doctors schon richtiggehend peinlich. "Es handelte sich nicht einmal um den selben Buchstaben! Sie sollten Ihre Augen untersuchen lassen guter Mann!", sprach der Graphologe und man sah ihm an, dass dies so höflich auszusprechen ihm sein letztes bisschen an sozialer Interaktion abverlangte. "Meine optischen Subroutinen funktionieren einwand ... Was ist Lieutenant?" Der Doctor hatte sich gereizt zu Ayala umgedreht, welcher ihm vorsichtig an der Tunika zupfte, damit das MHN nicht mehr über seine wahre Identität preis gab. "Finden Sie nicht auch, dass dies ein erstaunliches Meisterwerk mechanischer Feintechnik ist, Doctor? Und wie gut es erhalten ist." Ayala deutete auf eine der antiken Schreibmaschinen. Der Doctor verstand den versteckten Hinweis des jungen Mannes und verzog sich daraufhin beleidigt, um geheucheltes Interesse an irgendwelchen minderentwickelten Schreibautomaten kund zu tun. Ayala gesellte sich neben Kumor und reichte ihm stumm, wenn er eine Analyse beendet hatte, ein neues handschriftliches Dokument. So arbeiten sie eine ganze Weile stillschweigend und effizient. In Ayala schwand jedoch mehr und mehr die Hoffnung, dass sie den Täter bestimmen könnten, denn der Stapel an Unterlagen, den sie vorübergehend 'ausgeliehen' hatten wurde immer kleiner. Schon nahm Kumor das letzte Stück Papier unter die Lupe und Ayala warf dem Doctor einen resignierten Blick zu. Dieser stand immer noch gekränkt vor den Ausstellungsstücken, hatte die Nase hoch erhoben und die Arme vor der Brust verschränkt. Wen man seine Hilfe nicht wollte ... Bitte, er würde sich nicht aufdrängen. Seine Fähigkeiten wurden hier offensichtlich unterschätzt und nicht gewürdigt. "Der hier ist es", teilte Kumor wie nebensächlich mit und schob seine Sehhilfe nach hinten. Der Doctor spielte zuerst weiter den Verschmähten und schickte sich zu keiner Reaktion an. Ayala war ebenfalls wie in eine Starre verfallen, aber aus anderen Gründen, denn er konnte nicht fassen, dass das letzte Schriftstück ihnen den Täter zeigen konnte. "Sind Sie sich sicher?", fragte der Doctor leicht vorwurfsvoll und trat näher. "Selbstverständlich bin ich mir sicher!", empörte sich Kumor über diesen Zweifel an seinen Fähigkeiten. Der Doctor riss das Papier an sich und begann nun selbst zu vergleichen. "Diese Schriftzüge sehen sich überhaupt nicht ähnlich", warf er sofort unverhohlen ein. "Für einen Laien nicht." Kumor hatte sich längst wieder seinem vergilbten, dicken Buch zugewandt und starrte durch das Vergrößerungsglas. Der Doctor gab nicht nach: "Woher wollen Sie dann wissen, dass es von derselben Person geschrieben wurde?" "Weil ich im Gegensatz zu Ihnen diesen Beruf erlernt habe und eine unangefochtene Ikone auf diesem Gebiet bin." Der hagere Mann mit den schlohweißen Haaren stützte sich mit dem Ellenbogen auf seinem Tresen ab. "Es ist selbstverständlich, dass sich die Schriften nicht identisch sind. Wenn ein Targaleaner etwas reproduziert, tut er es nie hundertprozentig auf die gleiche Weise wie zuvor. Dies können Sie zum Beispiel an Unterschriften sehen. In diesem Fall ist eine offen ersichtliche Übereinstimmung noch unmöglicher, denn das Bekennerschreiben wurde an die Wand gezeichnet, während das Schriftstück in Ruhe auf einem Tisch erstellt wurde. Jeder Graphologiestudent im ersten Jahr wäre sich der Tatsache bewusst gewesen, dass die Hand ganz anders gehalten wird und das man dies bei seinen Vergleichen berücksichtigen muss", Kumor ließ sich dazu herab, eine Erklärung zu geben, aber auch nur, um gleichzeitig seine Überlegenheit zur Schau zu tragen. "Er ist es also tatsächlich?", fragte der Doctor nun schon sehr davon überzeugt, konnte ihr Glück aber immer noch nicht ganz fassen. "Die Eigenarten der Handschrift sind unverkennbar und auch in dem Bekennerschreiben wieder zu finden. Es besteht kein Zweifel." Der Doctor überflog das Papier nach einer Unterschrift oder einem Namenszug, irgendetwas, das auf die Identität der Person schließen ließ. Mit einem entsetzen Blick in den Augen ließ er das Blatt wieder sinken, "Mein Gott", stieß er aus, "wenn das wahr ist ... Wir müssen sofort den Captain informieren!" Ayala erging es ähnlich, als er die Unterschrift las. Eilig ein Dankeschön murmelnd folgte er dem Doctor hinaus aus dem finsteren, kleinen Laden. Noch vor der Tür griff der Doctor unter seine Tunika, um den Communicator zu betätigen, damit er dem Captain die erschreckenden Neuigkeiten mitteilen konnte. Doch ehe er das kleine goldene Gerät aktivieren konnte, legte sich eine grobschlächtige Hand auf seine Schulter und ein dröhnender Bass fragte, "Können wir Sie bitte einen Augenblick sprechen?"
Janeway und Chakotay waren unterdessen in einem höher gelegenen Stockwerk des Polizeigebäudes zu Gange, denn in den unteren Etagen herrschte zu viel Publikumsverkehr, als dass sie unbemerkt an die gewünschten Informationen gelangen könnten. Offen jemanden nach dem Gelben Kreis fragen konnten sie nicht, denn damit gefährdeten sie ihre verdeckte Ermittlung. Mehrmals hatten sie sich jetzt bereits vergewissert, dass sie niemand bemerkt hatte, bevor sie sich für ein leer stehendes Büro entschieden. Der hier Tätige hatte vermutlich Mittagspause. "Sie gehen hinein, während ich darauf achte, dass Sie nicht überrascht werden. Zur Not halte ich ihn hin", flüsterte Kathryn und legte Chakotay geleitend die Hand auf den Rücken. "Ich beeile mich", antwortete er genauso gedrungen und schlüpfte durch die teils gläserne Tür. Janeway sah hindurch und beobachtete ihn, wie er das Computerterminal aktivierte und nach den Daten zu suchen begann. Wieder konnte sie nicht verhindern, bei seinem Anblick ins Träumen zu verfallen. Obwohl sein targaleanisches Erscheinungsbild so gar nicht seinen sonstigen Zügen entsprach und sie die Tätowierung auf seiner Stirn vermisste, fühlte sie sich extrem stark zu diesem Mann hingezogen. Es war nicht rein körperlich und irgendwie befriedigte sie diese Erkenntnis. Seine Fürsorge und das uneingeschränkte Vertrauen, das er ihr entgegen brachte, berührten sie. Es mochte vielleicht unangemessen erscheinen, aber sie wollte von ihm gehalten werden. Sehnsüchtig lehnte sie an der Tür und verfolgte jede seiner Bewegungen. Oftmals waren sie heute bereits alleine gewesen und sie hätte das Thema des gestrigen Abends wieder aufgreifen können, aber irgendwo in ihr hatte sich die Angst fest gefressen, wieder gestört zu werden. "Kann ich Ihnen behilflich sein?", schreckte sie eine Stimme hinter ihr aus den Gedanken. Mit dem Schock noch in den Gliedern drehte sie sich um, darauf bedacht, demjenigen keinen Blick in das Büro zu gewähren, damit Chakotay Zeit hatte sich ein geeignetes Versteck zu suchen. Schüchtern und mit einem möglichst unschuldigen Lächeln blinzelte Kathryn den großgewachsenen Mann in der typisch targaleanischen rötlichbraunen Tunika an, welche sehr funktionell geschnitten war. "Haben Sie sich verlaufen?", fragte der Mann noch einmal zuvorkommend nach und lächelte sie seinerseits an. Sein Haar war sehr kurz, beinah stoppelig und an einigen Stellen bereits von einem verräterischen Grau gezeichnet. "Um ehrlich zu sein, habe ich auf Sie gewartet", log Janeway und setzte einen hilflosen Blick auf. "Wissen Sie", während sie weiterhin hilfsbedürftig tat, reihte sich mit jedem weiteren Wort, das sie sprach, eine fantastische Geschichte zusammen, die sie dem targaleanischen Polizisten für bare Münze verkaufte, "ich habe ein größeres Anwesen außerhalb der Stadt, einen Butler, einen Gärtner, ich habe sogar eine Leibwache ...", langsam öffnete sie ihre Tunika, die sie wie eine Jacke geschlossen hatte, um den Blick des Mannes zu fangen - es funktionierte tadellos, er hatte Mühe ihr weiterhin ins Gesicht zu blicken und von Zeit zu Zeit wanderte sein Blick zu ihrem Ausschnitt. "Wenn man vermögend ist, sind die Neider nicht fern und natürlich auch diese, die einem die Besitztümer nehmen wollen ...", sie tat wie ein wehrloses, kleines Kind und konnte bereits erste Beschützerinstinkte bei dem Targaleaner erwachen sehen. "Natürlich ist das Anwesen von Zäunen umgeben und ein Sicherheitsdienst kontrolliert alles regelmäßig, ...", Kathryn trat einen Schritt näher, setzte ihren charmantesten Augenaufschlag auf, legte ihre Hände auf seine Brust und schüttelte ihren Kopf leicht, so dass ihre goldenen Haare in Wallung gerieten. Kurz spitzte sie die Lippen, um wenig später mit ihrer Zunge darüber zu fahren und mit einer tiefen verführerischen Stimme weiter zu sprechen, "aber trotz all dieser Vorsichtsmaßen fühle ich mich ... verletzlich. Mir fehlt die starke und Trost spendende Schulter eines Mannes."
Chakotay hatte Stimmen gehört und war sofort hinter den Schreibtisch zurück gewichen. Vorsichtig lugte er ab und an dahinter hervor, wartete ungeduldig auf das Ende der Datenübertragung, die er eingeleitete hatte, und hoffte inständig, dass Kathryn den Polizisten solange hinhalten konnte. Zwar standen sie direkt vor der Tür, aber es gab glücklicherweise noch einen anderen Ausgang in diesem Büro. Chakotay glaubte sich versehen zu haben, seine Augen wurden groß und er fühlte sich so wie in dem Augenblick, als Kathryn ihm eröffnet hatte, dass Q sich mit ihr paaren wollte. Dort stand sie und flirtete mit diesem großen Unbekannten. Flirten traf es dabei wohl nicht ganz, denn das sah schon nach einem Schritt weiter aus. Sie verdrehte dem Targaleaner mit der Betonung ihrer weiblichen Reize geradezu den Kopf und nutzte das schamlos aus. Gut für Chakotay, denn so erhielt er die benötigte Zeit, um unauffällig zu verschwinden. Auf der anderen Seite war er darüber überhaupt nicht glücklich. Zwar war diese Eifersucht vollkommen irrational, da sie dies nur spielte, aber dennoch konnte er nichts gegen dieses nagende Gefühl tun. Gepeinigt verzog er das Gesicht und lehnte den Kopf nach hinten an den Schreibtisch. Ein leises Piepsen riss ihn aus seinen Gedanken. Blindlings tastete er über den Kopf nach dem Tricorder neben dem Computerterminal und zog ihn zu sich nach unten. Schnell verstaute er ihn wieder in seiner Tunika. Mit einem Seitenblick vergewisserte er sich, dass die Augen des Targaleaners an einer anderen Stelle als seinem Büro hafteten, so konnte er an den Boden gepresst und auf allen Vieren zur zweiten Tür kriechen. Vielleicht konnte er als Indianer kein Feuer machen, aber das lautlose Fortbewegen auch in fremdem Terrain war ihm mit in die Wiege gelegt worden. Alle Büros waren verglast und man konnte nur durch Jalousien ungewünschte Blick aussperren. Auch in diesem Arbeitszimmer war es nicht anders, so konnte Chakotay, der sich nun hinter dem Rücken des Polizisten befand, Kathryn ein Zeichen geben, dass keine weitere Gefahr bestand, ertappt zu werden.
Seven of Nine und Fähnrich Kim waren seit Stunden damit beschäftigt, in Koordination mit dem Maschinenraum den Fehler im Energietransfer, der offensichtlich die Ursache für die gestrige Explosion der Konsole gewesen war, zu lokalisieren. Die Arbeiten zogen sich mehr in die Länge, als die beiden gedacht hatten. Sie brannten darauf, die modifizierte Sensorenphalanx neu zu laden, konnten aber nicht beginnen, da das Risiko einer weiteren Entladung zu groß war. "Es ist zum verrückt werden, wir finden einfach nichts." Schnaubend stützte Harry sich an der Konsole, an welcher er arbeitete, ab und blickte zu Seven. "Fähnrich, verrückt wird man davon bestimmt nicht. Hierfür gibt es andere Gründe, zum Beispiel ...", Harry ließ die Frau nicht aussprechen, da er befürchtete, sich einen ewig langen Vortrag über menschliche Psychen von ihr anhören zu müssen. "Das war doch nur eine Redewendung, Sie müssen nicht immer alles für bare Münze nehmen." "Ich verstehe", antwortete die ehemalige Borg, "Mr. Kim, nutzen wir die Zeit, indem wir unsere Modifikationen noch einmal überprüfen, nur um sicherzustellen, dass die Explosion hier keine Schäden verursacht hat." Kaum hatte Seven diese Worte ausgesprochen erging roter Alarm und das Schiff senkte sich urplötzlich so weit ab, dass die Trägheitsdämpfer diese Irregularität nicht mehr kompensieren konnten. Die ehemalige Borg konnte, genau wie Kim nicht schnell genug reagieren, sie waren auf ein derartiges Ereignis nicht gefasst gewesen. Harry versuchte noch erfolglos, sich an seiner Konsole festzuhalten, konnte aber nicht mehr verhindern, dass er hart zu Boden stürzte. Seven of Nine erlitt das gleiche Schicksal, sie stürzte direkt auf Kim, der sie mit beiden Armen festhielt. Als dann die Voyager noch in starke Schräglage ging, rollten die beiden Senior-Offiziere über den Boden und blieben schließlich an einem fest montierten Stuhl hängen. Harry, der seine Arme immer noch schützend um Seven geschlungen hatte, musste mit Entsetzen feststellen, dass eine seiner Hände an ihrem Bauch zu weit nach oben gerutscht war. Peinlich berührt ließ er sie sofort los und murmelte eine Entschuldigung, der junge Chinese konnte nicht verhindern, dass plötzlich eine dunkle Röte sein Gesicht überzog, was ihm noch unangenehmer war, da die ehemalige Borg dies sofort bemerkte. Die Voyager kam wieder in Normallage, der rote Alarm erlosch kurz darauf und die beiden richteten sich auf, Harry wagte es nicht mehr, Seven ins Gesicht zu blicken. "Mr. Kim", sagte diese plötzlich mit ungewohnt sanfter Stimme, "Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, ich weiß dass Sie mich ... dort nicht mit Absicht berührt haben." Harry machte sich schnellstens auf dem Weg zum Ausgang des Astrometrischen Labors. "Ich bin auf der Brücke, vielleicht brauchen sie dort meine Hilfe." Er musste sich erst wieder fangen.
Kathryn Janeway war immer noch so damit beschäftigt, diesem Fremden den Kopf zu verdrehen, dass sie sein Handzeichen nicht sah. Chakotay konnte nicht stärker winken, das würde das Augenmerk des Targaleaners auf ihn lenken. Er blieb bleib weiter neben der zweiten Bürotür stehen und überlegte. Er konnte den Raum unbemerkt verlassen und sich so in Sicherheit bringen, aber was war dann mit Kathryn? Wie sollte sie sich von dem Mann wieder loseisen? Der Indianer beschloss, dies nicht dem Zufall zu überlassen. Vorsichtig lugte er noch einmal zur Tür, sein Captain stand weiterhin dort und war dem Fremden inzwischen bedenklich nahe gekommen. Es gab ihm einen Stich in der Herzgegend, kurz dachte er an den vergangenen Abend und beschloss, dem ganzen ein jähes Ende zu bereiten. Der erste Offizier der Voyager löste sich aus seiner Starre und ging mit festen Schritten auf den Ausgang zu. Schwungvoll öffnete er die Tür, Kathryn und der Targaleaner blickten ihm überrascht entgegen. Bevor einer der beiden jedoch etwas sagen konnte, kam er ihnen zuvor. "Madam, da sind Sie ja", stieß er erleichtert hervor, "ich habe Sie im ganzen Haus gesucht, wie sind Sie nur in diese Etage gekommen?" Er hielt kurz inne und genoss Janeways fassungslosen Blick. "Sie wissen doch, Ihre Therapiesitzung beginnt gleich. Sie dürfen nicht zu spät kommen." Der targaleanische Polizist überwand seine Überraschung als erster. "Therapiesitzung? Was meinen Sie damit, und vor allem, wie kommen Sie in dieses Zimmer?" Chakotay legte Janeway fürsorglich den Arm auf den Rücken, die ihn immer noch entsetzt und sprachlos anblickte. "Es handelt sich um eine Psychotherapie, Madam ist ein wenig ... exzentrisch." Ohne dass Kathryn es sehen konnte, tippte er sich mit der freien Hand leicht an die Stirn, um dem Fremden klar zu machen, dass 'Madam' nicht ganz richtig im Kopf sei. "Ich bin durch sämtliche Büros gelaufen, ich weiß gar nicht mehr, wie ich in diesen Raum gekommen bin." Entschuldigend lächelte er den Mann vor ihm an. "Es gibt hier auch so viele Ein- und Ausgänge." Janeway erwachte erst aus ihrer Starre, als sie den sanfte Druck von Chakotays Hand auf ihrem Rücken spürte, der ihr bedeutete, dass sie gehen sollten. "Wenn Sie uns bitte entschuldigen wollen", wandte sich der als Targaleaner verkleidete erste Offizier der Voyager noch einmal an den Polizeibeamten, "Sie wissen, die Therapiesitzung." "Ja ... ja, natürlich, ich wünsche Ihnen viel Erfolg." Betroffen wandte sich der Mann von den beiden ab und ging in das Büro, das Chakotay gerade verlassen hatte. "Psychotherapie? Nicht ganz richtig im Kopf, was?" Kathryn blickte ihren ersten Offizier und engsten Vertrauten vorwurfsvoll an. "Ist Ihnen nichts Besseres eingefallen?" Schmunzelnd antwortete er. "Na ja, ich musste Sie doch irgendwie aus dieser Situation befreien. Und diese Methode erschien mir ausgesprochen effizient, wie Seven es ausdrücken würde." Mit gespielter Empörung stieß sie ihn leicht in die Rippen. "Das werde ich mir merken, irgendwann kommt der Tag, an dem ich Ihnen das heimzahlen werde. Übrigens, haben Sie die Daten alle herunterladen können?" "Natürlich", antwortete Chakotay, dem die Szene zwischen Janeway und dem fremden Targaleaner nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, "jetzt brauchen wir nur noch einen ruhigen Platz, um sie auszuwerten." Schweigend gingen die beiden zum Ausgang des Polizeigebäudes, jeder in seine Gedanken versunken.




