Targala Prime: Kapitel 7 - In letzter Sekunde

Der Wind war warm, fast streichelnd umfing er sie. Tief atmete Kathryn die frische Meeresluft ein und öffnete die Augen. Diesen Strand suchte sie immer in ihren Visionen auf, hier hatte sie einst das größte Glück verspürt. Doch diesmal war etwas anders als sonst. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie hierher gelangt war. Normalerweise trug sie ihre Uniform, aber die Brise auf ihrer nackten Haut überzeugte sie davon, dass dem nicht so war. Auch etwas, das anders war als gewöhnlich. - Wann hatte sie das letzte Mal einen Bikini getragen? Das angenehm kühle Wasser umspülte ihre Füße und der feine Sand rann durch ihre Zehen. Befreit hob und senkte sich ihr Brustkorb. - Frische Luft. Sie legte den Kopf weit zurück in den Nacken und blickte in den strahlend blauen Himmel. Über ihr kreiste eine kreischende Möwe. Verträumt folgte Kathryn ihrer Bahn und sah mit an, wie sie sich in die dunkelblauen Fluten stürzte. Und plötzlich erblickte sie ihn, wie er dort unweit von ihr fast bis zur Hüfte im Wasser stand. Er war nur mit einer schwarzen Badehose bekleidet und seine dunkle, bronzenfarbene Haut glänzte unter der Sonne. Seine weißen Zähne blitzten, als er den Mund zu einem Lächeln öffnete und ihr zuwinkte. Ihr Herz schlug schneller bei seinem Anblick und instinktiv wusste sie, was zu tun war. Ohne Eile watete sie durch das erfrischende Nass. Er kam ihr genauso langsam entgegen und lächelte sie weiterhin an. Einen Meter voneinander entfernt blieben sie stehen und begutachteten den anderen. Als wenn sie alle Zeit der Welt hätte, ließ Kathryn ihre Augen über sein Gesicht wandern. Sie studierte jede Linie, jede noch so kleine Falte. Seine Augen versprühten Leben und zeigten unsägliches Glück. Beide gleichzeitig schlossen sie die letzte Distanz zwischen ihnen und umfingen den anderen mit einer innigen Umarmung. Sie wusste nicht wie viel Zeit verstrichen war, es war ihr auch egal, sie hätte ewig so stehen bleiben können und von dem Mann gehalten werden, dem all ihre Zuneigung galt. Doch mit einem Mal spürte sie sanft gehauchte Küsse auf ihrer Schulter, die ihren Hals hinauf wanderten. Es kribbelte in ihren Fingerspitzen. Sie liebte diese Art von Berührungen. Woher konnte er das wissen, wenn sie nie ...? Die Liebkosungen stoppten und bedauernd öffnete sie die Augen. Sein Blick hing an ihren Lippen und wieder wusste sie genau, was sie tun musste. Wie in Zeitlupe näherten sich ihre Köpfe und mit einem letzten nervösen Blinzeln schlossen sich ihre Augen. Zuerst drückten sie nur zaghaft ihre Lippen aufeinander, doch dann öffneten sie ihren Mund und gewährten dem anderen Zugang. Der Kuss offenbarte eine ungeahnte Intensität und war dennoch zugleich grenzenlos einfühlsam. Kathryn fühlte eine ungeahnte Vertrautheit. Obgleich sie wusste, dass es nicht möglich war - Sie küssten sich nicht zum ersten Mal, davon war sie überzeugt. Überraschend wurde sie nass gespritzt. Die Störung ignorierend umschloss sie seine Lippen erneut und fuhr mit ihren Händen durch sein Haar. Er seinerseits strich über ihren Rücken und verursachte eine wohlige Gänsehaut, die sich schnell über ihren gesamten Körper ausbreitete. Wieder wurden sie mit Wasser bespritzt, diesmal jedoch so heftig, dass sie erschrocken auseinander fuhren. "Brian", entrüstete sich Chakotay gespielt, "Na warte, das sollst du mir büßen." Lachend rannte er dem grinsenden Jungen hinterher, der nur mühsam durch das Wasser laufen konnte. Kathryn war bewusst, dieses Kind niemals zuvor gesehen zu haben, doch auf der anderen Seite spürte sie genau, dies war ihr Sohn - Ihr gemeinsamer Sohn. Es kicherte hell und im nächsten Augenblick erhielt Kathryn eine neuerliche Dusche. Schockiert über die unerwartete Erfrischung schnappte sie nach Luft. Ein dünnes Mädchen mit langen Haaren, die auf beiden Seiten zu Zöpfen hinab hingen, stand nahe bei ihr und hielt sich grinsend die Hand vor den Mund. "Sarah Janeway", tadelte Kathryn ihre Tochter ebenso gespielt ernst wie zuvor Chakotay Brian, "Du willst eine Wasserschlacht? Du sollst eine bekommen, aber mach' dich auf etwas gefasst." Theatralisch kreischend wandte sich das Mädchen ruckartig um und flüchtete Richtung Strand. Einen ersten Schwall Wasser nach ihr aussendend nahm Kathryn die Verfolgung auf. Dies war nicht nur der Ort, an dem sie das größte Glück verspürt hatte, hier hatte sie ihren inneren Frieden gefunden.

Überall auf der Brücke der Voyager waren Reparaturen im Gange, es sah wie auf einem Schlachtfeld aus. Der Boden war noch übersäht mit Fragmenten, die aus Entladungen der einzelnen Konsolen stammten. Größere Teile waren bereits weggeräumt worden, um ein problemloses Durchkommen der Techniker zu ermöglichen. Abgerissene Leitungen hingen weiterhin von der Decke, die teilweise immer noch Funken sprühten. Vereinzelt flackerten noch Konsolen, die wichtigsten von ihnen waren jedoch bereits wieder in Funktion gesetzt worden. Der rote Alarm war erloschen, vor allem um bessere Lichtverhältnisse für die Reparaturen zu haben. Commander Tuvok ging von Station zu Station, um die Arbeiten zu überprüfen und zu koordinieren. Sie standen alle unter enormen Druck, da der Grund für die Beinahe-Katastrophe noch nicht klar war und somit gefolgert werden musste, dass es jederzeit wieder passieren konnte. Harry Kim saß mit einer blutenden Kopfwunde auf einer Stufe und wurde von Seven of Nine behandelt, die sofort nach diesen Ereignissen auf die Brücke gekommen war, um den Doctor als medizinische Assistentin zu vertreten. "Fähnrich, bitte halten Sie still, sonst kann ich die Wunde nicht verschließen." Sie kniete vor ihm und hatte ihm die eine Hand auf die Schulter gelegt, während sie in der anderen den Hautregenerator hielt und damit in entsprechendem Abstand langsam an dem Schnitt an seiner Stirn entlang fuhr. Der Strahl, den das kleine Gerät aussandte, vermochte binnen Sekunden die Blutung zu stillen und eine absolute Heilung zu erzeugen. Der junge OPS-Offizier wurde langsam nervös, es war ihm unangenehm, dass Seven so nah bei ihm war, vor allem nach dem Vorfall im Astrometrischen Labor. Der Ausrutscher seiner Hand war ihm immer noch ausgesprochen peinlich und so bald er daran dachte, überzog wieder eine feine Röte sein Gesicht. "Ich glaube, es ist wieder alles in Ordnung." Harry Kim stand rasch auf und schickte sich an, seine Station wieder einzunehmen. Die ehemalige Borg nickte ihm kurz zu und sah sich dann nach weiteren Verletzten um. Da sie niemand mehr entdecken konnte und sie wusste, dass weitere Hilfs-Sanitäter in verschiedenen Teilen des Schiffes eingesetzt waren, legte sie ihre medizinische Ausrüstung beiseite und begann, bei den Reparaturen mitzuhelfen. Über die Schulter hinweg warf sie einen kurzen Blick zu Harry, der inzwischen beflissen seine Schaltflächen betätigte, ein leises Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Seven hatte seine Unsicherheit ihr gegenüber natürlich längst bemerkt.

In der Zentrale der P.A.S. herrschte ein reges Treiben, wie durch die Glasscheiben, die die einzelnen Büros voneinander trennten, zu sehen war. Es war schwer, die Mitarbeiter dieser Sicherheitseinrichtung von den übrigen Targaleanern zu unterscheiden, da hier keine Uniformen getragen wurden. Auch Rangabzeichen waren nicht auszumachen. Die Agenten dieser Elite-Truppe der Polizei arbeiteten hauptsächlich inkognito, aus diesem Grund war zivile Bekleidung für sie am effektivsten. Ein Mann saß an seinem Schreibtisch und begutachtete interessiert die Utensilien vor sich. Er nahm jedes Teil einzeln in die Hand, betrachtete es von allen Richtungen und legte es vorsichtig wieder zurück. Dann wandte er sich an die beiden Männer, die ihm gegenüber saßen. Ihnen hatte er diese Gerätschaften abgenommen, eigentlich waren sie ja so freundlich gewesen, sie ihm anstandslos auszuhändigen. "Das ist ja eine hübsche Räuberpistole, die Sie mir da auftischen wollen. Wieso sollte ich so verrückt sein, Ihnen zu glauben?" "Mr. ...., wie heißen Sie noch einmal?", begann der Doctor und sah den Polizisten fragend an. Er mochte es, die Leute bei ihrem Namen anzusprechen. "Ich bin Major Sebik, der Chef der Spionageabwehr." "Also gut", begann das Hologramm erneut, "Major Sebik, wie ich Ihnen bereits erklärt habe, funktioniert leider die Com-Verbindung zu unserem Schiff und zu unserem Captain nicht. Die Gründe hierfür sind mir nicht bekannt." Er machte eine kurze Pause und sah den Targaleaner vor sich an, um aus seiner Mimik zu erlesen, ob er seinen Worten endlich Glauben schenken würde. Er war sich nicht sicher, deshalb beschloss der Doctor, seinen wichtigsten Beweis preiszugeben. Genau genommen, war es ja der einzige, aber dieser musste einschlagen wie eine Bombe. "Dieses Schriftstück", fuhr er fort, er holte ein Papier unter seiner Tunika hervor, welches er bisher gut verborgen gehalten hatte, und reichte es dem Major, "ist von Kumor, dem Graphologen untersucht worden. Er hat es einwandfrei dem Bekennerschreiben des gelben Kreises, welches im Regierungsgebäude nach der Entführung des Babys des Premierministers gefunden wurde, zugeordnet. Laut Kumor gibt es keinen Zweifel." Triumphierend blickte er den Mann ihm gegenüber an. Lieutenant Ayala saß schweigend neben dem Doctor und ließ diesen gewähren. Sebik nahm das Dokument zur Hand und las es durch, als er die Signatur der Verfassers am Ende des Blattes erkannte, wurde er bleich. "Das ist doch ...." Fassungslos ließ er das Papier sinken. "Ja, genauso erstaunt waren wir auch", antwortete der Doctor. "Was gedenken Sie jetzt zu tun? Wollen Sie uns noch immer hier festhalten, während der wahre Straftäter frei herumläuft?" Ayala war aufgestanden, er stemmte die Hände auf den Schreibtisch und sah den targaleanischen Major herausfordernd an. "Wie gelangte dieses Dokument eigentlich in Ihren Besitz?", fragte dieser und blickte dabei dem Lieutenant kühl ins Gesicht, der jedoch dem Augenkontakt nicht auswich. "Nun, wir ... wir haben es uns ausgeliehen", antwortete der Doctor und setzte bei seinen Worten sein freundlichstes Lächeln auf. "Dachte ich's mir doch. Sie waren das, die beiden Männer, die gestern im Regierungsgebäude verfolgt wurden und nicht gestellt werden konnten. Jetzt wird mir einiges klar. Verraten Sie mir, wie Sie der Sicherheit entkommen konnten." "Das ist eine lange und komplizierte Geschichte", begann der Doctor, "es würde Stunden dauern, es Ihnen zu erklären. Aber das spielt doch jetzt keine Rolle mehr. In Ihrem Bericht über diesen Vorfall wird doch auch stehen, dass wir niemand verletzt und nichts gestohlen haben. Wir brauchten lediglich handschriftliche Unterlagen, um das graphologische Gutachten erstellen zu lassen. Wie Sie sehen, war unser Vorgehen zwar ein wenig unkonventionell, aber erfolgreich." Major Sebik stand auf, für einen ranghohen Sicherheitsbeamten der P.A.S. wirkte er relativ klein und unscheinbar, dieses Tatsache durfte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass er ein absolut fähiger Kopf war, dessen Abteilung eine ausgesprochen gute Erfolgsstatistik vorweisen konnte. Er ging einige Schritt auf und ab und begann, nachzudenken. Die Geschichte der beiden erschien ihm einleuchtend, allerdings war er verärgert, hintergangen worden zu sein. "Sagen Sie mal, sind Sie nie auf die Idee gekommen, uns direkt um Hilfe zu bitten? Sie haben hinter unserem Rücken agiert und unsere Arbeit untergraben." "Das hätten wir gerne getan. Aber Targor, Ihr Minister für innere Sicherheit zog es vor, die Ermittlungen allein durchzuführen. Premierminister Turat hat dann unseren Captain um Mitwirkung bei der Suche nach den Entführern seines Kindes gebeten. Er wird unsere Angaben gern bestätigen." Der Arzt der Voyager war nun ebenfalls aufgestanden und sah dem Major in die Augen. "Bitte, Sie müssen uns glauben, wir sagen die Wahrheit." "Meine Herren", begann Sebik nun etwas versöhnlicher, "Sie werden verstehen, dass ich Ihre Behauptung überprüfen muss. Sie haben sich hier nicht gerade in einer Weise eingeführt, die mir Vertrauen einflößen könnte. Sie geben sich als Mitarbeiter der P.A.S. aus, um Unterlagen zu entwenden und stellen dann diese tollkühne Behauptung auf. Der Entführer soll ..., nein, ich wage es gar nicht, es auszusprechen." Er machte eine kurze Pause, um sich zu fangen, der Schock über diese Erkenntnis saß ihm noch immer in den Gliedern. "Sie bleiben hier, während ich Kumor kontakte. Seien Sie versichert, ein Fluchtversuch aus diesem Raum ist absolut zwecklos, nach meinem Verlassen werde ich die Tür sofort durch ein Kraftfeld sichern."

"Das darf doch alles nicht wahr sein." Verzweifelt kniete der Koch auf dem Boden, ein bei seinem Umfang schwieriges Unterfangen, und sammelte heruntergeworfene Töpfe und Lebensmittel auf. "Erst verschwindet meine Küchenhilfe und dann kommt diese Verrückte und macht hier Kleinholz." Ächzend richtete er sich auf und blickte geradewegs in das Gesicht Commander Chakotays. "Wo kommen Sie denn her?" "Entschuldigen Sie bitte, ich wollte Sie nicht stören oder gar erschrecken. Ich suche eine Freundin von mir, sie wollte sich bei Ihnen nach dem Rezept für Tegoch erkundigen. Ist sie noch hier?" "Zum Glück nicht, sie hat dieses Chaos hier angerichtet. Diese ... diese Frau gehört hinter Schloss und Riegel." Schweiß perlte auf der Stirn des Chefkochs des Regierungsgebäudes, auch hatte sein Gesicht vor Ärger und Anstrengung eine hochrote Farbe angenommen. Irritiert blickte Chakotay sich um. "Wissen Sie, was hier vor sich gegangen ist, wurde sie angegriffen?" Besorgnis mischte sich in die Stimme des Commanders. "Tut mir leid, ich hörte das Poltern und bin sofort hierher gekommen, aber ich sah sie nur noch rausstürmen und dieses ... dieses Durcheinander hinterlassen." Wütend richtete der Mann seine Stimme an zwei Küchenhilfen, die soeben zur Tür hereingekommen waren. "Räumt gefälligst hier auf." Verschüchtert machten sich die beiden Frauen sofort an die Arbeit. "Sie wissen nicht zufällig, wohin sie gegangen ist?" Chakotay hatte seiner Stimme einen betont ruhigen und sanften Klang gegeben, um den Mann nicht noch mehr zu reizen. Er sah aus, als würde er bei der geringsten weiteren Aufregung einen Herzinfarkt erleiden. "Nein, leider nicht, denn ich hätte sie längst der Sicherheit übergeben." "Urteilen Sie nicht etwas zu früh?", versuchte der erste Offizier der Voyager den Mann zu besänftigen, "es entzieht sich doch Ihrer Kenntnis, was vorgefallen ist." Der dicke Koch murmelte etwas Unverständliches in seinen Bart. "Vielleicht ist sie schon wieder in der medizinischen Station", sagte Chakotay mehr zu sich selbst, "ich werde auch dorthin zurückkehren." Er überlegte kurz, die Worte des Küchenchefs, als er hier hereingekommen war, fielen ihm wieder ein. "Sagten Sie nicht, Ihre Küchenhilfe wäre verschwunden, handelt es sich vielleicht um eine junge Frau?" Ihm war ein Verdacht gekommen. "Ja, und seien Sie gewiss, ich werde ihr fristlos kündigen, wenn sie wiederkommen sollte." Wieder verfärbte sich sein rundes Gesicht vor Wut. "In der Krankenstation liegt eine bewusstlose junge Frau, sie wurde heute morgen hier in der Nähe von ein paar Freunden von mir gefunden. Vielleicht handelt es sich um Ihre Angestellte?" "Das könnte gut möglich sein", überlegte der Wirt, "aber nein, Himal hat sich schon gestern unerlaubt von ihrem Arbeitsplatz entfernt." "Kommen Sie mit, die Frau war schon länger ohne Bewusstsein, als sie gefunden wurde." Chakotay bedeutete dem gutgenährten Koch, mit ihm nach oben zu gehen. Dieser folgte ihm, nicht dass es ihn besonders interessierte, was einer unzuverlässigen Küchenhilfe passiert war, die er nicht einmal besonders gut kannte. Aber in den oberen Trakt des Gebäudes zu kommen, diese Gelegenheit hatte er ausgesprochen selten und wollte sie ausnutzen.

Überrascht blickten die beiden Männer hoch, als sich die schwere Tür öffnete. Endlich war für ein paar Minuten Ruhe eingekehrt, die sie nutzen wollten, um etwas Schlaf zu finden, aber offenbar war ihnen dies nicht vergönnt. Eine ihnen von Größe und Statur her bekannte Gestalt kam herein, die wie üblich einen Leuchtkörper vor sich trug und den Lichtstrahl voll auf sie beide richtete, damit sie ihn nicht erkennen konnten. "Wie ist die Lage?", vernahmen sie eine ausgesprochen herrschsüchtige Stimme. "Es ist alles unter Kontrolle", begann einer der beiden, "das Kind schläft endlich. Bitte sprechen Sie etwas leiser, damit es nicht wieder erwacht." Der Fremde wandte kurz den Kopf, um zu dem Baby zu sehen, das in eine Decke gewickelt, auf einer Art Klappbett lag und friedlich vor sich hinschlummerte. "Gute Arbeit." Unvermittelt griff er mit der freien Hand in seine Tunika und holte eine Waffe hervor. "Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt." Namenloses Entsetzen machte sich auf den Gesichtern der zwei Männer breit, voller Angst sahen sie ihn an. "Wie ... wie meinen Sie das?" "So wie ich es sage. Ich kann keine Zeugen gebrauchen." Der Mann richtete die Energiewaffe auf einen seiner Gehilfen. "Wir ... wir werden bestimmt nichts verraten, außerdem kennen wir nicht einmal Ihr Gesicht, geschweige denn Ihren Namen." Verzweifelt redete er flehend um sein Leben. Er hoffte, mit Worten Zeit zu gewinnen und ihren geheimnisvollen Auftraggeber zu überzeugen, sie am Leben zu lassen. Statt einer Antwort schaltete der Mann an der Tür seine Lampe aus, sein Gesicht war nun für seine Komplizen zu erkennen. Vollkommen überrascht sahen sie ihn an. "Sie ...", weiter kamen sie jedoch nicht, in Sekundenbruchteilen leuchteten direkt in Folge zwei Energiestrahlen aus der Waffe des Mannes. Die zwei kleinen Ganoven wurden getroffen und waren tot, bevor ihre leblosen Körper hart auf dem Boden aufschlugen. Der Mann verstaute in aller Ruhe seine Laserpistole und ging dann zu dem Bett, in dem das Baby noch immer friedlich schlief. Es hatte zum Glück von all dem nichts mitbekommen. Vorsichtig hob er das kleine Bündel hoch und bettete es in seine Arme. Beinahe geräuschlos verließ er das Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab.

"Torres an Brücke." "Tuvok hier." "Commander", begann die Halbklingonin hektisch, "die Antimaterie wurde inzwischen auf zwanzig Prozent dezimiert. Noch immer können wir keinen Grund dafür finden. Sie verschwindet einfach. Ich muss Ihnen dringend raten, die Umlaufbahn um Targala zu verlassen, sonst könnten wir es nicht mehr schaffen." "Verstanden." Tuvok überlegte kurz, er war aus dem Sessel des Captains aufgestanden und blickte sich auf der Brücke um, auf der noch immer Chaos und Verwüstung herrschte. Die Reparaturen waren noch nicht einmal zu Hälfte beendet, lediglich die wichtigsten Stationen waren wieder halbwegs in Funktion gesetzt worden. Zu mehr hatte die Zeit noch nicht gereicht. Die meisten Mitglieder der Brückenbesatzung hatten die Uniformjacken ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt. Fast alle waren im Gesicht und an den Händen schmutzig. Der taktische Offizier der Voyager, der in Vertretung Janeways das Kommando inne hatte, wandte sich um zu Harry, der an seiner Konsole stand und arbeitete. "Mr. Kim, versuchen Sie noch einmal den Captain oder ein anderes Mitglied des Außenteams zu erreichen." Der Vulkanier stieg die wenigen Stufen zur OPS hoch und stellte sich neben den Fähnrich, der nach kurzer Zeit niedergeschlagen den Kopf schüttelte. "Dann müssen wir tatsächlich später wiederkommen und sie abholen. Fähnrich Jenkins", sprach Tuvok zu der jungen Frau, die das Steuer übernommen hatte, "bringen Sie uns aus der Umlaufbahn." "Aye Sir." Sie betätigte in rascher Folge einige Schaltflächen auf der Steuerkonsole vor ihr, mit dem Erfolg, dass ein protestierendes Piepsen ertönte. Die Piloten veränderte einige Einstellungen und startete einen neuen Versuch. Mit dem selben negativen Ergebnis. Jenkins wandte sich kurz um, sie sah dem Vulkanier besorgt ins Gesicht. "Tut mir leid, Sir, aber die Energie reicht bereits jetzt nicht mehr, die Voyager kann sich aus der Gravitation des Planeten nicht mehr lösen." Sie wandte sich wieder ihren Anzeigen zu, hektisch betätigte sie mehrere Schaltfelder hintereinander. Sie musste entsetzt eine erneute Meldung machen. "Sir, die Umlaufbahn wird langsam enger und ich kann sie nicht stabilisieren." Der taktische Offizier der Voyager ging mit raschen Schritten zur Steuerung, er sah kurz auf die Daten vor sich und versuchte eigenhändig einige Einstellungen, mit dem selben negativen Ergebnis wie Jenkins vorhin. Er berührte kurz seinen Communicator. "Brücke an Lieutenant Torres." "Torres hier." "Wir können uns nicht mehr aus der Umlaufbahn lösen, Sie müssen Zusatzenergie frei machen, damit die Voyager genug Schub bekommt." "Commander, können Sie mir sagen, wo ich die noch hernehmen soll?", war die wütende Antwort von B'Elanna Torres, sie hatte es vorausgesehen und früh genug geraten, den Orbit um Targala zu verlassen. Nun standen sie vor einem Problem.

"Dr. Trewis, sind Sie da?" Achselzuckend blickte Commander Chakotay sich in der Krankenstation um und wandte sich an den Koch, der mit ihm gekommen war. "Offenbar ist er kurz weg, er kommt aber sicher bald wieder. Kommen Sie, ich weiß wo die Frau liegt." Er führte den Mann in den Raum. Hier war alles, im Gegensatz zu einigen Teilen der Küche absolut sauber, wie es für eine medizinische Station üblich war. Sie gingen zu dem Krankenbett, in dem die junge Frau, offenbar noch immer bewusstlos, lag. Der dicke Targaleaner blickte sie an und rief überrascht aus. "Bei Joral, das ist Himal. Was ist mir ihr passiert, schläft sie?" Sein Gesicht drückte das schlechte Gewissen aus, das er verspürte, nun da er die Frau so daliegen sah und er sie ungerechtfertigterweise der Unzuverlässigkeit beschuldigt hatte. "Tut mir, leid ..., bitte entschuldigen Sie, ich weiß nicht einmal Ihren Namen, wie heißen Sie?" Chakotay sah den Koch fragend an. "Mein Name ist Watos." "Ich bin Chakotay." "Seltsamer Name, habe ich noch nie gehört, hmm ..., aber was ist denn nun mit ihr?" "Sie wurde bewusstlos ein Stück von hier entfernt in einem Gebüsch gefunden, irgendjemand hat sie mit Lekortoxin betäubt." "Was? Dieses Nervengift, ich habe bereits davon gehört." Entsetzt sah Watos zum ersten Offizier der Voyager. "Wird sie wieder gesund?" "Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten, da sie schon länger als gewöhnlich ohne Bewusstsein ist. Dr. Trewis meinte, die Dauer der Betäubung hängt unter anderem auch von der Physiologie der einzelnen Personen ab." Chakotay ging in der medizinischen Abteilung auf und ab, irgendetwas war merkwürdig hier, er hatte ein Gespür für Dinge, die nicht stimmten. Der Captain war ebenfalls noch nicht wieder zurückgekommen, wie er sofort bei seinem Betreten hier enttäuscht feststellen musste. Dann die Abwesenheit des Arztes. Er fasste sich in alter Manier an das linke Ohrläppchen und zupfte daran, um besser nachdenken zu können. Sofort fielen ihm Kathryns Worte wieder ein, die ihn erst vor kurzem auf diese Eigenart angesprochen hatte. Er ließ die Hand wieder sinken. Chakotay dachte plötzlich an das Funkgespräch, das Dr. Trewis bei seinem letzten Eintreffen hier geführt und sofort beendet hatte, als er nach ihm rief. Irgendetwas war merkwürdig daran. Er wusste nur noch nicht, was.

Der Sand war nass und von den letzten Wellen glattgespült worden. Kathryn saß, die Beine gegrätscht und die Knie angewinkelt auf dem weichen Boden, einen kleinen Stock in der Hand und malte Linien. Sie zeichnete Kreise, die fortlaufend nach innen liefen, wie ein Schneckenhaus, danach setzte sie noch zwei gerade Linien, die sich im zweiten Ring über Kreuz trafen, ein. Zufrieden betrachtete sie ihr kleines Kunstwerk. Irgendetwas gefiel ihr noch nicht daran, es fehlte noch eine Kleinigkeit. Sie brachte den kleinen Holzstock erneut in Position und zeichnete unten rechts außerhalb der Kreise ein C ein. Jetzt war es vollkommen. Kathryn blickte hoch und sah zum Meer hinaus, dessen Wellengänge sie immer und immer wieder betrachten konnte. In weiter Ferne war eine Inselgruppe zu erkennen, sie nahm sich vor, diese bei nächster Gelegenheit zu erkunden. Stundenlang konnte sie so dasitzen und träumen, diese Ruhe und Abgeschiedenheit, nur begleitet von dem Rauschen des Meeres, war eine Wohltat für ihre Sinne. Entspannt und mit gelockerten Muskeln genoss sie die warmen Sonnenstrahlen, keine Versteifung ihres Nackens war zu verspüren, wann hatte sie das letzte Mal mit Genickstarre gekämpft? Sie wusste es nicht. Es spielte auch keine Rolle mehr. Eine Gestalt war hinter sie getreten, wie sie durch den Schatten, der sich im Sand vor ihr abzeichnete, unschwer erkennen konnte. Kathryn verhielt sich ruhig und voller freudiger Erwartung, selbst ohne sich umzudrehen und nachzusehen, wusste sie genau, wer dort stand. Er setzte sich direkt hinter sie und grätschte ebenso die Beine. Er rutschte langsam zu ihr vor, bis ihre beiden Körper sich berührten. Sie spürte, wie seine Hände sie zärtlich umschlangen und legte den Kopf zurück an seine Schulter. Er küsste sie ganz sacht auf die Schläfe und blickte dabei über sie nach vorne auf den Boden. Er sah sofort ihre kleine Zeichnung im Sand. "Ein Chah-moo-zee, willst du das Land ehren?" Immer noch hielt Chakotay sie fest umschlungen, seine Fingerspitzen liebkosten zart ihre Arme, was ihr eine wohlige Gänsehaut verursachte. Seine Stimme hatte einen fast streichelnden Klang. "Nicht nur das Land", entgegnete Kathryn ihm, während sie den Kopf wandte, um ihm in die Augen zu sehen, "sieh es dir noch einmal genau an." "Du hast etwas hinzugefügt. Was bedeutet es?" "Ich ehre nicht nur das Land mit dieser Zeichnung, die du von deinen Vorfahren übernommen hast, sondern auch dich." "Mich?" Überrascht und glücklich blickte er sie von der Seite an. "Ja", antwortete sie ihm und schmiegte sich mit dem Rücken noch fester an Chakotay, "ich ehre den Mann, den ich über alles liebe und der mir das größte Glück der Welt geschenkt hat. Dich und unsere Kinder." Wie selbstverständlich waren ihr diese Worte über die Lippen gegangen, Kathryn wusste genau, dass es stimmte, das sagte ihr ihr Gefühl. Zutiefst berührt von ihren Worten hob der Indianer eine Hand von ihrem Arm und fasste damit sacht unter Kathryns Kinn. Er blickte ihr tief in die Augen und sah dort in überwältigendem Maße ihre Worte bestätigt. Sein Kopf näherte sich langsam dem ihren und sie schloss in glücklicher Erwartung die Augen. Ihre Lippen trafen sich zu einem zarten Kuss, der rasch an Intensität gewann, Chakotay ließ sich rücklings in den Sand fallen und sie ließ sich mit ihm ziehen. Immer leidenschaftlicher wurden ihre Küsse und Umarmungen. Die Welt um sie herum war vergessen. Eine Welle spülte über sie hinweg und verwischte das Chah-moo-zee, das Kathryn so liebevoll in den Sand gezeichnet hatte, beide bemerkten es nicht.

Die Tür zur Medizinischen Station im Regierungsgebäude auf Targala Prime wurde schwungvoll aufgerissen und mehrere Personen kamen hereingestürmt. Chakotay und Watos, der Koch, drehten sich sofort um, als sie die Geräusche hörten. Erleichterung machte sich auf dem Gesicht des ersten Offiziers der Voyager breit. "Tom, Neelix, schön Sie gesund wiederzusehen. Als wir von dem Bruch des Dammes hörten, befürchteten wir schon das Schlimmste, konnten aber nicht eingreifen, da uns kein Hover nach Rankesch bringen durfte." Die Worte sprudelten aus dem Mann, der sonst seine Worte mit viel Bedacht wählte, nur so heraus. Die Freude, die beiden Männer, die in all den langen Jahren auf der Voyager trotz anfänglicher Skepsis seine Freunde geworden waren, gesund und munter wiederzusehen, war übermächtig. Er blickte hinter die beiden auf den Mann und die Frau, die ebenfalls den Raum betreten hatten. Fast hätte er den Mann neben sich vergessen, rasch erklärte er ihm, wer er und seine Freunde tatsächlich waren, um verwirrten Fragen des Kochs vorzubeugen. Dieser blickte ihn jedoch nur entgeistert an und verließ mit raschen Schritten den Raum, wobei er nur noch den Kopf schüttelte. "Premierminister Turat", begann Chakotay, "Jewar, ich bin unendlich erleichtert, zu sehen, dass auch Sie beide bei bester Gesundheit sind." Er ging auf die vier Personen zu und schüttelte ihnen nacheinander die Hände. "Bitte erzählen Sie, was vorgefallen ist." Der Navigator und der Koch der Voyager gaben einen genauen Bericht über ihre dramatische Flucht ab, wobei sie allerdings in stummer Übereinstimmung die peinliche Szene ausließen, in der sie das Hover-Shuttle wegen der vergessenen Schließung der Kraftfelder nicht starten konnten. Als sie ihren Rapport beendet hatten, blickte Tom sich fragend um. "Wo ist denn der Captain?" Ehe Chakotay jedoch eine Antwort geben konnte, wurde sein Ansatz zu sprechen von Jewar unterbrochen, die auf dem Flug hierher von ihrem Ehemann über die Untersuchungen der Crewmitglieder der Voyager unterrichtet worden war. "Wissen Sie etwas von unserer Tochter, hat man sie inzwischen gefunden, was ist mit den Attentätern?" Mit einer stummen Bitte im Gesicht blickte sie den Mann vor sich an, hoffte sie doch auf eine positive Antwort. "Leider noch nichts Genaues, Madam, aber wir ermitteln laufend. Ein weiteres Team ist noch unterwegs, ich hoffe, dass auch sie bald hier eintreffen werden. Vielleicht erfahren wir dann Neuigkeiten, die beiden waren auf eine vielversprechende Spur gestoßen." Chakotay trat zu der Frau des Premierministers und fasste ihr mit einer beruhigenden Geste an den Arm. Diese warf sich jedoch sofort verzweifelt in die Arme ihres Ehemannes. "Turat, ich halte das nicht mehr länger aus, es ist schon so viel Zeit vergangen." Jewar schluchzte auf. "Lebt unser Kind überhaupt noch?" "Davon bin ich absolut überzeugt", versuchte das targaleanische Regierungsoberhaupt seine Frau zu beruhigen, "glaub mir, wir werden unsere Kleine bald wieder in die Arme schließen können." Der erste Offizier der Voyager wandte sich mit niedergeschlagenem Gesichtsaudruck von den beiden ab und blickte zu Tom, um dessen vorherige Frage zu beantworten. "Ich weiß auch nicht, wo Captain Janeway sich im Moment befindet. Eigentlich sollte sie längst wieder zurück sein. Langsam mache ich mir Sorgen um sie." Neelix meldete sich daraufhin erregt zu Wort. "Wir müssen sie sofort suchen, wissen Sie, wohin sie gegangen sein könnte?"

"Alles fertig?" B'Elanna Torres sah sich im Maschinenraum um und blickte jedem ihrer Mitarbeiter ins Gesicht, von allen erhielt sie ein bestätigendes Nicken. "Torres an Brücke." "Tuvok hier." "Commander, wir sind hier fertig." "Verstanden." Der Vulkanier blieb ruhig im Sessel des Captains sitzen, ihm war nicht anzusehen, in welch kritischer Situation die Voyager sich im Moment befand. Lediglich ein Blick auf die Brücke ließ den wahren Zustand des Schiffes erahnen. "Fähnrich, versuchen Sie erneut, die Umlaufbahn zu verlassen." "Aye Sir", gab Jenkins, die Frau die das Steuer noch immer innehatte, zur Antwort. Leider mussten sie feststellen, dass der gewünschte Erfolg auch diesmal ausblieb. Die zusätzlich freigesetzte Energie reichte noch bei weitem nicht aus, um die Schubaggregate genügend zu versorgen. Alle Anwesenden blickten fragend auf ihren kommandieren Offizier. Tuvok bedauerte ein wenig, in diesem kritischen Moment die alleinige Befehlsgewalt über die Voyager zu haben, ihm fehlte die Spontanität und Risikobereitschaft des Captains, die hier von Nöten gewesen wären. Er konnte Entscheidungen nur auf logisch fundierten Daten tätigen. Eine schnelle Anordnung musste getroffen werden, er beschloss, trotz einiger Bedenken, ein großes Wagnis einzugehen. "Brücke an alle Stationen, Code blau, wir landen das Schiff. Fähnrich", wandte der Vulkanier sich an die Frau am Steuer, "Sie haben den Befehl gehört, landen Sie die Voyager. Nur auf diese Art können wir kontrolliert in die obere Atmosphäre eindringen, ohne zu verglühen." Entsetzt blickte Jenkins zu Tuvok. Binnen Sekunden war alle Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. "Commander, ich habe noch nie ... ich weiß nicht ...", stammelte sie. Lieutenant Rollins, der bislang die taktische Station betreute, meldete sich sofort zu Wort. "Ich beherrsche diese Technik." "Gut", antwortete der Vulkanier, "dann werden Sie das Steuer übernehmen." Beinahe fluchtartig hatte Jenkins die Conn verlassen, um dem Lieutenant Platz zu machen. Rollins saß jedoch noch nicht richtig im Stuhl des Piloten, als eine weitere schwere Erschütterung durch die Voyager ging, die dafür sorgte, dass er unsanft zu Boden stürzte. Erneut flackerten die Lichter und automatisch aktivierte der Computer den roten Alarm. "Commander", schrie Harry Kim aufgeregt auf, "Hüllenbruch auf Deck sieben. Die Noteindämmungsfelder sind zwar in Kraft, aber sie werden nicht lange halten. Die Ausmaße sind enorm, dort sind bereits Entladungen zu verzeichnen." Tuvok wandte sich an den Fähnrich an der OPS. "Können Sie den Grund für den Bruch lokalisieren?" Hektisch bediente der junge Chinese die Schaltfelder vor sich und schüttelte ratlos den Kopf. "Das ist sehr merkwürdig, keine Anzeichen einer Explosion oder Anomalie, auch Waffenfeuer wurde nicht verzeichnet. Laut meinen Anzeigen handelt es sich auch nicht um einen Bruch im üblichen Sinne, es sieht aus, als ob ein großes Stück der Außenhülle einfach fortgerissen worden wäre." "Mr. Kim, beordern Sie sofort ein Reparaturteam dort hin und geben Sie Anweisung, dass genaue Scans durchgeführt werden." "Die Umlaufbahn um Targala verengt sich weiter", meldete Lieutenant Rollins, "wir müssen mit der Landeprozedur beginnen." Der Vulkanier traf seine Entscheidung. "Wir werden uns um den Hüllenbruch kümmern, sobald die Voyager auf Targala ist. Das Reparaturteam soll warten. Lieutenant Rollins, landen Sie das Schiff."

"Kathryn wollte sich in der Küche nach Karak, dem Bruder von Molot, dem persönlichen Assistenten des Premierministers, umhören. Inzwischen habe ich erfahren, dass diese Frau hier, ..." Chakotay hatte den beiden von ihrem geheimnisumwobenen Auftauchen kurz zuvor berichtet, "... in der Küche gearbeitet hat. Und jetzt kehrt Kathryn von dort nicht zurück. Das ist nicht ihre Art ... es muss etwas vorgefallen sein." Tom musste trotz der prekären Lage schmunzeln, hatte sein Chakotay doch gerade den Captain beim Vornamen genannt. Sein Gefühl die beiden betreffend hatte ihn also nicht getäuscht. "Alles deutet auf die Küche hin ...", Neelix hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Die Küche der Tatort für eine Entführung oder noch mehr, diese Vorstellung trieb ihm kalte Schauer über den Rücken. Wie konnte man diesen Ort nur derartig entweihen? "Wir müssen sofort nach unten." Neelix war bereits auf halbem Wege zur Tür, schließlich kannte er sich in der Küche bestens aus, hatte er doch während des Aufenthaltes der Voyager im Orbit sehr viel Zeit dort verbracht, um mit Watos' kulinarische Köstlichkeiten auszutauschen. Doch noch ehe der Talaxianer die Tür erreicht hatte, schwang diese mit Wucht auf. Der Doctor stand in einer heroischen Pose inmitten des Rahmens, hatte das Kinn hoch erhoben und vermittelte den Eindruck, dass er erleuchtet worden war. Hinter ihm standen Lieutenant Ayala und drei unbekannte Männer in Zivilkleidung, die jedoch einen sehr ernsten Anschein erweckten. Ohne ein Wort der Begrüßung stürmte das medizinisch holographische Notfallprogramm an den verdutzten Anwesenden vorbei in das kleine Büro, das der hiesigen Krankenstation anlag. Mit tiefen Falten auf der Stirn trat er zurück in den Behandlungsraum, "Wo ist Dr. Trewis?", fragte er in einem herrscherischen Tonfall. "Das wissen wir nicht", erklärte Chakotay sichtlich irritiert über das seltsame Gebaren des Doctors. "Der Captain ist ebenfalls verschwunden. Warum ist es so wichtig für Sie, Dr. Trewis zu finden?" "Er hat die Forderung über den Rücktritt Turats an der Wand hinterlassen", wurde das Geheimnis um die Identität eines der Entführer gelüftet. "Trewis?", kam die ungläubige Frage des targaleanischen Oberhauptes, "Ein Verräter? Aber das ... das ist unmöglich. Er war stets integer und zuverlässig." Jewar schlang schluchzend die Arme um den Hals ihres Mannes. "Ich bedaure, aber er wurde eindeutig identifiziert. Wir müssen ihn umgehend finden!" Das MHN war in seinem Element. Neelix stand mit einem Blick, der weit weg war, hinter der Tür, seine Hände ruhten bedächtig auf seinem Bauch, mehr für sich, als für jemand anderen sprach er, "Ich wette, er ist in der Küche."

"Gehe auf Kondition blau", mit gezielten Handgriffen leitete Lieutenant Rollins die Landeprozedur ein. Die Voyager wurde kurz durchgerüttelt. "Das sind nur die Turbulenzen in der Atmosphäre. Da die Trägheitsdämpfer nicht mehr mit voller Leistung arbeiten, bekommen wir sie zu spüren. Ich versuche zu kompensieren." Doch anstatt einer Besserung verschlimmerten sich die Schwankungen. Plötzlich fing die Voyager an zu schlingern. "Sir, die Atmosphärentriebwerke sind ausgefallen. Das System hat nicht genügend Energie. Unser Antimaterievorrat ist erschöpft. Wir sind steuerlos", berichtete Rollins mit einem leichten Anflug von Unsicherheit in der Stimme. "Leiten Sie Hilfsenergie um, Fähnrich Kim." Tuvok war angespannt, aber ruhig wie immer. Harry gab beflissen Befehle in seine Station ein, "Das habe ich bereits versucht. Es ist jedoch nichts mehr da, was ich umleiten könnte." Rollins drehte sich mit dem Stuhl zu den Kommandosesseln, "Manövrierdüsen versagen ebenfalls. Ich kann unseren Landepunkt nicht mehr beeinflussen, Sir. Nach meinen Berechnungen werden wir über einer großen Wassermasse von Targala niedergehen." "Wir werden untergehen, wie die Titanic", lautete der Kommentar von Harry. Seven hob eine Augenbraue und fixierte den jungen Asiaten, "Wer ist die Titanic?" "Vielmehr was. Das größte und modernste Kreuzfahrtschiff des neunzehnten Jahrhunderts, welches als unsinkbar galt. Auf seiner Jungfernfahrt rammte es einen Eisberg, ..." "Mr. Kim, der Geschichtsunterricht muss warten." Tuvoks Stimme verstrahlte Autorität und ließ den Fähnrich sofort verstummen. "Sie sagten, wir haben bereits alle Energiereserven aufgebraucht? Was ist mit der Lebenserhaltung?" "Die könnten wir abschalten, aber die Crew..." Tuvok schnellte geradezu aus seinem Sessel, kurz zuvor hatte er die schiffsweite Kommunikation angeschaltet, "Hier spricht der Commander Tuvok: An alle, begeben Sie sich in die Rettungskapseln und steuern Sie den südlichen Kontinent auf Targala an." "Zeit bis zum Aufschlag: Drei Minuten."

Ein warmes Sommerlüftchen wehte den lieblichen Geruch von Kaffee in das Schlafzimmer und an Kathryns Nase, deren Lebensgeister selbst im Schlaf von dem anregenden Getränk stimuliert wurden. Genießerisch räkelte sie sich und rollte sich zurück auf den Bauch, noch nicht dazu bereit aufzustehen, zu warm und weich war das Bett. Fast spürte sie nicht wie das dünne Bettlaken, mit dem sie zugedeckt war, zur Seite geschoben wurde. Aber diese Gegebenheit war einfach zu unbedeutend, als dass sie deswegen die Augen öffnen würde. Doch plötzlich trat etwas in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit, ein gehauchter Kuss auf ihren Hals, dem ein weiterer folgte. Genüsslich brummte sie und gab damit zu verstehen, dass sie mehr wollte. Mit einem Mal wurde sie auf den Rücken gedreht und die Küsse wanderten von ihrem Hals hinab zu ihrem weit geöffneten Ausschnitt. Wieder gab sie einen zufriedenen Laut von sich, schickte sich jedoch nicht zu größeren Aktivitäten an, dafür war sie noch zu schläfrig. Der Weckende ging nun allerdings vollends in die Offensive und küsste sie leidenschaftlich auf den Mund. Dabei konnte sie nicht einfach nur genusssüchtig daliegen, gemächlich öffnete sie die Lippen und erwiderte die ihr gebotenen Zärtlichkeiten liebevoll. Viel zu früh endete der Kuss, wie sie fand. "Guten Morgen. Frühstück ist fertig", flüsterte eine Stimme direkt über ihr. Gespielt widerwillig öffnete sie ein Auge, während sie das andere zugekniffen ließ. Chakotays charmant schmunzelndes Gesicht schwebte über ihr und sah ihr erwartungsvoll entgegen. "Du verpasst deinen Termin mit Admiral Paris", sagte er schelmisch, was sie aber aufgrund ihrer Schlaftrunkenheit nicht bemerkte. Entsetzt fuhr sie auf, "Oh nein, wie spät ist es, wieso ist das Wecksignal nicht ertönt?" Mit einem Schlag war sie hellwach und bereits aufgestanden. Aufgedreht ging sie neben ihrem gemeinsamem Bett auf und ab, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Verwundert sah sie ihren Mann an, der immer noch gemütlich auf dem Bett lag und sie mit einem Lächeln bedachte, "Reingelegt." Fragend hob sie die Augenbrauen und zerwühlte ihre durch den Schlaf ohnehin durcheinander liegenden Haare. "Heute ist Sonntag, die Besprechung ist erst morgen." Entrüstung über das unfaire Weckmanöver machte sich in Kathryn breit, wurde aber sofort durch Amüsement ersetzt. Nun glitzerte in ihren Augen der Schalk, blitzartig griff sie sich eines der Kopfkissen und bewarf Chakotay damit. Grinsend rollte dieser sich auf dem Bett herum und ehe sich Kathryn versah, hatte er sie an der Taille gepackt und zu sich gezogen. Dort rangen sie eine Weile miteinander, bis Chakotay letztendlich die Oberhand gewann. Beide lachten aus voller Seele und waren vollkommen außer Atem. Ihre Albernheit ebbte nur langsam ab und fließend gingen sie darin über, den anderen mit stürmischen Küssen zu überdecken. Mit geschlossenen Augen und weit von sich gestreckten Armen blieb Kathryn auch noch auf dem Bett liegen, als Chakotay sich von ihr erhoben hatte. So wollte sie diesen Augenblick in sich bewahren. "Der Kaffee wird kalt", bat der Indianer seine Frau indirekt darum, zum Frühstück zu kommen. Sie sah ihn noch kurz von hinten, wie er das Schlafzimmer verließ. Ein schelmisches Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen. Der Anblick von ihm, nur in einer Schlafanzughose und ansonsten rein gar nichts, war einfach zu anregend für ihre Fantasie. Und sein bloßer Oberkörper brachte sie vollends auf unschickliche Gedanken. "Bin schon unterwegs", rief sie ihm hinterher und räkelte sich ein letztes Mal, bevor sie sich erhob. Auf dem Weg zur Tür verharrte sie kurz am geöffneten Fenster, das einen atemberaubenden Ausblick auf die Landschaft Indianas frei gab, welche ganz charakteristisch für die Region von Getreidefeldern gezeichnet war. Tief atmete sie den aromatischen Geruch der von der Nacht noch feuchten Luft ein. Von unten aus dem Haus drang Klappern an ihr Ohr und so entschied sie sich, jetzt wirklich frühstücken zu gehen. Ihre blanken Fußsohlen klebten leicht bei jedem Schritt am hellen Holz der Treppe an. Chakotay stand mit dem Rücken zu ihr an der Anrichte, hingebungsvoll schlang sie die Arme um seinen Oberkörper und schmiegte sich ganz eng an ihn. Irgendwie gelang es ihm doch, sich in ihrer Umklammerung umzudrehen und lächelnd blickte er auf sie hinab. "Dieses Schlafanzugoberteil kommt mir bekannt vor...", sagte er schelmisch, denn er wusste genau, dass es das seine war. Verspielt glitten seine Finger auf ihrer Hinterseite unter das dünne Stück Stoff, was sie dazu animierte noch enger an ihn zu rücken. Abermals am heutigen Morgen trafen sich ihre Lippen, diesmal jedoch viel fordernder von Kathryns Seite aus, seine Berührungen waren zu stimulierend gewesen. "Die Kinder sind noch immer bei meiner Mutter?", fragte sie mit einem Wispern, nachdem sie sich kurz von ihm getrennt hatte. Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe, er schien zu ahnen, was für eine Intension sie mit dieser Frage hegte. Ein bestätigender Laut entrann seiner Kehle, "Genau wie gestern." "Das heißt, wir sind allein?" Auf ihre Gesichtszüge hatte sich ein hintergründiges Lächeln gelegt und verträumt zeichnete sie die Konturen seiner Lippen nach, ohne den Blick von ihnen zu lassen. "Warum holst du dir dann dein Schlafanzugoberteil nicht wieder?" Bei diesen Worten stieß sie sich von ihm ab und zog ihn an beiden Händen rückwärts gehend zurück Richtung Schlafzimmer. "Willst du keinen Kaffee?", stammelte Chakotay verblüfft. Ihre Antwort war nur ein heißes Raunen, "Später."

"Zeit bis zum Aufschlag: Vierzig Sekunden." Sevens Kühlheit war auch in dieser Krisensituation ihr herausstechendes Merkmal. "Sind alle Rettungskapseln gestartet?" Tuvoks Blick verfinsterte sich nun doch aufgrund des Ausblicks auf den Hauptbildschirm. Solange er sich nicht sicher war, dass alle Crewmen von Bord waren, konnte er die Lebenserhaltung nicht abschalten. "Noch nicht, Sir, es fehlen immer noch zwei." "Dreißig Sekunden. Sie müssen die Lebenserhaltung abschalten, Commander. Das Leben weniger Crewmen im Vergleich zur Rettung der Voyager ist ein akzeptabler Verlust", drang Seven auf eine Entscheidung. Tuvok bemaß die ehemalige Borg mit einem prüfenden Blick. Ihre Anmerkung entbehrte nicht einer gewissen Logik - Das Wohl vieler wog mehr als das Wohl weniger. Doch unter Captain Janeway hatte Tuvok gelernt, dass sie stets alles riskierte, um selbst nur ein einziges Crewmitglied zu retten. "Die vorletzte Kapsel ist gestartet!" "Zwanzig Sekunden." "Mr. Kim, schalten Sie die Lebenserhaltung auf allen Decks ab, ausgenommen der Brücke." "Zehn Sekunden." "Aber Sir, es ist immer noch eine Rettungskapsel ...", protestierte der junge Fähnrich. Doch Tuvok ließ sich nicht erweichen, "Mr. Kim, leiten Sie alle verfügbare Energie der Lebenserhaltung in die Triebwerke." Mit einem Ausdruck deutlichen Missfallens gehorchte Harry, sein eigenes Leben gegen das eines anderen zu tauschen, schmeckte ihm nicht, "Ja, Sir." "Fünf, vier, drei, ..." Für Seven war die Angabe der verbleibenden Zeit lediglich eine Information, sie konnte nicht nachempfinden, wie sehr sie damit den Offiziere an den Nerven zerrte. "Der Delta-Flyer ist soeben gestartet", berichtete Harry aufgeregt, fand jedoch in der angespannten Situation keine Beachtung. Auf Rollins' Station gingen einige rote Lichter aus und sprangen um auf grün, sofort zog er die Voyager nach oben. Das Schiff zitterte widerwillig angesichts der plötzlichen Kursänderung, es schien sich beinah dagegen zu sträuben, doch dies lag lediglich an der Anziehungskraft Targalas. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit schoss die Voyager über eines der Meere des Planeten. Rollins glaubte, das an den Seiten hinfort spritzende Wasser zu hören. Noch immer reichte die Antriebskraft nicht, um sich dem Gravitationsfeld zu entziehen. "Wir schaffen es nicht." "Wir haben noch Energie", meinte Harry plötzlich. Skeptisch stellte sich Seven neben ihn und meinte in ihrer herrscherischen Art, "Es sind bereits alle Energiequellen ausgeschöpft, Fähnrich." "Nicht die Lebenserhaltung auf der Brücke", sagte er und sah auf in Richtung Tuvoks. Tuvok verharrte einige Sekunden und wog Vor- und Nachteile ab, dann fällte er seine Entscheidung: "Mr. Kim, deaktivieren Sie die Lebenserhaltung auf der Brücke."

"Sie sind dort entlang gelaufen." Dieser Kommentar von einem Angestellten der Küche und die Richtung, in die er zeigte, genügten Chakotay, um sich sofort wieder in Bewegung zu versetzen. Sein ungutes Gefühl hatte sich mehr und mehr verdichtet. Ebenso seine Vorwürfe sich selbst gegenüber, da er Kathryn allein gelassen hatte. Dem ersten Offizier folgte die Ansammlung von Leuten, die eben noch in der Krankenabteilung gestanden hatten, nur Watos, der Chefkoch blieb jammernd um seine Küche zurück. Chakotay betrat einen entlegenen Raum, in dem ein seltsamer Geruch in der Luft lag. Für einen Sekundenbruchteil schien sich der Raum zu drehen, doch es besserte sich sofort wieder. In seiner Eile hatte er den kleinen zylindrischen Gegenstand auf dem Boden nicht bemerkt, der unter seinem Fuß wegrollte und ihn zu Fall brachte. Neelix und Tom waren sofort zur Stelle und halfen dem Commander, dem nichts weiter geschehen war, wieder auf die Beine, während einer der echten P.A.S.-Agenten den Zylinder in die Hand nahm. "Der gleiche Gegenstand wie in der Nacht der Entführung, Sir", erstattete er seinem Vorgesetzten Bericht. "Commander", erschall Ayalas Stimme, der bereits in den anliegenden Raum weiter gegangen war, "der Captain!" Chakotay schob Neelix beiseite, war aber auf den Anblick nicht gefasst, weshalb er eine Schreckssekunde lang in der Tür zu einer Art Treppenhaus stehen blieb. Eine große schwere Tür und einige Stufen, die ebenfalls zu einer Tür führten, und am unteren Ende der Treppe lag Kathryn. Sie schien rückwärts hinunter gefallen und mit dem Kopf aufgeschlagen zu sein. Unsanft wurde Chakotay vom Doctor beiseite geschubst, der sich sogleich neben den Captain kniete und mit einem Scan begann. "Sie hat nicht viel des Lekortoxins eingeatmet, es ist nur wenig davon in ihrem Kreislauf. Vermutlich hat sie den Zylinder gerade noch in den Nachbarraum gestoßen, wo wir ihn eben fanden." "Dann wird sie bald wieder zu Bewusstsein kommen?", wollte der erste Offizier dem MHN Informationen entlocken. "Das kann ich jetzt noch nicht sagen." Absichtlich war der Doctor ausgewichen, denn seine Anzeigen hatten ihm offenbart, dass der Fall komplizierter war als bei den Targaleanern, die dem Nervengas ausgesetzt waren. Ihre Körper hatten zwar einige Zeit benötigt, um es abzubauen, aber sie waren nicht, so wie der Captain, in einen komatösen Zustand gefallen. Hier war jedoch nicht der richtige Ort, um dem ersten Offizier davon Meldung zu machen. "Ich muss sie in die hiesige Krankenstation schaffen, da wir keinen Kontakt zur Voyager haben." "Ich werde Sie begleiten", sagte Chakotay mit einer Festigkeit, die keinen Widerspruch duldete. Gebannt beobachteten alle Anwesenden wie der Commander, die zierliche Frau auf seine Arme hob und die wenigen Stufen zur Tür hinauf nahm. Das MHN schloss sich ihnen an und bald war die Aufregung wieder erloschen. Alle standen mehr oder weniger unschlüssig in dem kalt anmutenden Treppenhaus. "Bleiben immer noch die Fragen, ...", schnitt Major Sebiks Stimme in die Stille, "was machte sie hier? Und wer hat sie betäubt?"

Hilflos und den unbekannten Kräften im Orbit auf Gedeih und Verderb ausgeliefert trieb die Voyager in der Umlaufbahn um Targala. Die Decks waren ausgestorben, nur auf der Brücke regten sich noch vier Gestalten. Aufgrund des Sauerstoffmangels waren sie am Ende ihrer Kräfte, nur Tuvok, der dank seiner vulkanischen Abstammung in der Lage war, in einer viel dünneren Atmosphäre zu atmen, war noch nicht ganz so stark beeinträchtigt. Doch auch bereits auf seiner Stirn zeigten sich erste dünn gesäte Schweißperlen. Es war fast stockduster, denn sie hatten die Energie, mit denen die Konsolen betrieben wurden, in die Lebenserhaltung geleitet. Harry saß auf dem Boden mit dem Rücken gegen seine Konsole gelehnt und atmete schwer. Sein Brustkorb hob und senkte sich bleiern. Seven saß neben ihm. Borg waren in der Lage im Vakuum zu existieren, doch ihre Physiologe war der menschlichen angepasst worden, wie sie sich ausgedrückt hatte, und daher war sie den gleichen Beschränkungen unterworfen wie ein Mensch. Schwerfällig drehte und wand sie ihre linke Hand und betrachtete sie eingehend. "Was ist?", fragte Harry angestrengt und flach. "Mein Okularimplantat weist Fehlfunktionen auf." "Das ist wohl der Sauerstoffmangel." "Anzunehmen." "Sie sollten keinen kostbaren Sauerstoff mit Sprechen verschwenden", vernahm man Tuvoks leise Stimme. Jetzt ging das Sauerstoffniveau auch an seine Grenzen. "Wir sterben doch eh alle, ob nun ein paar Minuten früher oder später spielt auch keine Rolle mehr", kam die sarkastische Antwort von Harry zurück. Es folgte kein Einspruch des Vulkaniers wie er erhofft hatte. Seven jedoch merkte etwas an, "Der Tod ist irrelevant."

Vorsichtig legte Chakotay seinen Captain auf das erste freie Bett in der medizinischen Station des Regierungsgebäudes, das er vorfand. Sanft strich er ihr die langen Haare aus dem Gesicht und streichelte behutsam über ihre blasse Wange. "Kathryn", sprach er beschwörend auf sie ein, "bitte ... bitte, wachen Sie auf." Ein wenig brüsk wurde er vom Doctor weggeschoben. "Commander, durch Ihre Worte wird der Captain bestimmt nicht wieder zu sich kommen. Bitte machen Sie Platz, ich muss sie eingehend untersuchen, um eine Behandlung einleiten zu können." Chakotay trat widerwillig beiseite und umrundete an der Kopfseite das Bett, um sich erneut neben Kathryn zu stellen. Gespannt beobachtete er die Arbeiten den MHNs, ohne ihn jedoch mit Worten zu stören. Er wusste, dass das Hologramm alles nur menschenmögliche für Janeway unternehmen würde. "Hmm ...", begann der Doctor, unterbrach sich jedoch selbst und führte seine Untersuchungen mit den wenigen Gerätschaften, die er bei sich hatte, weiter. Er wandte sich kurz von Kathryn ab und ging an das Bett daneben, in welchem noch immer die bewusstlose Küchenhilfe lag. Der Arzt untersuchte die Frau ebenfalls und ging dann mit merkwürdigem Gesichtsausdruck zu dem Krankenbett, an dem noch immer Chakotay stand, zurück. Nach einer Zeit, die dem ersten Offizier der Voyager schier endlos vorkam, klappte er endlich seinen medizinischen Tricorder zu und blickte mit ernstem Gesichtausdruck auf. "Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass sich meine Vermutung von vorhin, die ich jedoch noch nicht äußern wollte, bestätigt hat. Der Captain befindet sich im Koma." "Wie ist das möglich?", sprach Chakotay entsetzt aus. "Nun, es ist so", begann das MHN um eine verständige Wortwahl bemüht, "die menschliche Physiologie reagiert anders auf dieses Nervengift als die eines Targaleaners. Das Lekortoxin hat in ihrem Körper Nebengifte freigesetzt, glücklicherweise ist die Dosis relativ gering gewesen, denn sonst wäre Captain Janeway inzwischen tot." Der Commander starrte das Hologramm nur stumm an und blickte dann sofort wieder zu Kathryn, die ohne Bewusstsein vor ihm auf dem Bett lag. Ihr Blick sah so friedlich, fast glücklich aus, als ob sie etwas sehr Schönes träumen würde. "Welche Nebengifte, Doctor, wie gefährlich sind sie?" "Es handelt sich um Alkaloide", führte der Arzt seine Erläuterungen fort, "das sind stickstoffhaltige, heterocyclische Basen, die starke physiologische Wirkungen in ihrem Körper verursachen. Ich kann hier im Moment nichts dagegen unternehmen, wir müssen einfach abwarten. Die Physiologie eines jeden Menschen hat ihr eigenes Abwehrsystem, um diese Gifte selbst wieder abzubauen." "Wird sie ...?", verzweifelt blickte Chakotay den Arzt an, unfähig das letzte, für ihn so entsetzliche Wort auszusprechen. Das MHN trat neben den Indianer und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. Entgegen der Meinung manch anderer Crewmitglieder der Voyager war er einfühlsam genug, um sofort zu bemerken, wie nahe dem ersten Offizier der lebensbedrohliche Zustand des Captains ging. Beruhigend sprach er auf Chakotay ein, der beide Hände Kathryns in seine genommen hatte und seinen Blick nicht mehr von ihrem Gesicht abwenden konnte. "Wir müssen Geduld haben, es wird bestimmt alles wieder gut. Sie ist eine Kämpfernatur und wird sich sicherlich nicht aufgeben." "Kathryn, bitte tun Sie mir das nicht an. Bitte - wachen Sie wieder auf. Für mich."

"Sehen wir doch mal nach, was da unten hinter dieser Tür so Geheimnisvolles ist." Lieutenant Ayala war bei seinen Worten langsam die Treppe abwärts gegangen. "Wieso durfte der Captain es nicht sehen?" An dem wuchtigen Portal angekommen, wollte der ehemalige Maquis, der immer noch als Targaleaner verkleidet war, gerade die Klinke herunterdrücken, als diese schwungvoll aufgestoßen wurde. Ayala, der nicht mehr schnell genug reagieren konnte, wurde unsanft gegen die Wand geschleudert und ging benommen zu Boden. Entsetzt musste die anderen sehen, wie Dr. Trewis mit dem Baby auf dem Arm, in der anderen Hand eine schussbereite Strahlenwaffe, herauskam. Mit bedrohlichem Gesichtsausdruck und zusammengekniffenen Augen blickte er umher. "Lassen Sie mich sofort vorbei, oder ich töte das Kind." Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hielt er die Waffe an den Kopf des schlafenden kleinen Mädchens. "Mein Kind, ich will sofort zu meinem Kind." Beinahe hysterisch hatte Jewar diese Worte ausgerufen, die genügten, um Premierminister Turat aktiv werden zu lassen. Ohne über die Konsequenzen seines Handelns nachzudenken, stürmte er auf Dr. Trewis zu. Dieser feuerte ohne zu zögern auf das targaleanische Regierungsoberhaupt, der aufstöhnend in sich zusammensackte. "Turat, das wollte ich nicht." Weinend kniete Jewar neben ihrem Ehemann. Major Sebik beugte sich ebenfalls zu dem Verletzten hinunter, während die anderen für einen Moment hilflos, schockiert und zu keiner Bewegung fähig waren. Diese Gelegenheit nützte der Arzt zur Flucht. Behänd rannte er los, wobei er noch Tom und Neelix ruppig beiseite stieß, und stürmte die Treppe hoch. Ayala erhob sich langsam und schüttelte den Kopf, um wieder vollends zu sich zu kommen. "Wir müssen sofort hinterher." Seine Worte genügten, um die wie gelähmt dastehenden Personen aktiv werden zu lassen. Während Turat und Jewar zusammen mit einem der P.A.S.-Agenten zurückblieben, stürzten alle anderen die Treppe hoch, um den vermeintlichen Attentäter zu verfolgen. "Da vorn ist er!", schrie Neelix nach der ersten Biegung, der trotz seiner kurzen Beine die Gruppe anführte. Für ihn wäre es besser gewesen, er hätte Stillschweigen bewahrt, denn Trewis wandte sich, immer noch das Baby fest auf dem Arm, kurz um und schoss ziellos um sich. Energiestrahlen zückten wild durch die Gegend und hinterließen rußgeschwärzte Spuren in den Mauern, am Boden und in der Decke. "Aaahhh....", der kleine Talaxianer wurde von einer dieser Strahlen getroffen und lehnte sich aufstöhnend an die Wand. Seine Beine versagten ihm den Dienst und er glitt langsam mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden. "Laufen Sie weiter", brachte er noch hervor, "es ... geht mir gut, nur ein Streifschuss." "Bringen Sie ihn in die medizinische Station", gab Major Sebik seinem noch verbliebenen Mitarbeiter die Anweisung und setzte zusammen mit Tom Paris und Lieutenant Ayala die Verfolgung fort. Der Steuermann der Voyager sprintete, gefolgt von den anderen beiden, mit seinem Phaser in der Hand weiter die Gänge entlang. In dem schwachen Kellerlicht war es schwierig, den Mann vor ihnen richtig auszumachen. Endlich hatte er ihn so weit erreicht, dass er einen gezielten Betäubungsschuss wagen konnte, wurde aber sofort von dem P.A.S.-Agenten zurückgehalten, der seinen Arm nach unten riss. "Wenn Sie feuern, stürzt Dr. Trewis und begräbt vielleicht das Kind unter sich."

"Die Voyager hängt antriebslos im Orbit um Targala. Wir müssen etwas unternehmen." Sarah Stadi gab diese Meldung mit erregter Stimme bekannt, während sie weiter eifrig an der Konsole vor ihr arbeitete. "Ich habe es bemerkt", antwortete B'Elanna Torres, "meinen Anzeigen zufolge verfügen sie über keinerlei Energie mehr und die komplette Lebenserhaltung wurde deaktiviert." Die schwarzhaarige Betazoidin blickte hoch. "Sogar auf der Brücke, sie werden ersticken. Ich empfange nur noch schwache Lebenszeichen." "Verdammt", entfuhr es der Chefingenieurin der Voyager wenig damenhaft, "hätte Tuvok nur auf mich gehört und die Umlaufbahn sofort verlassen. Dieser vulkanische Sturschädel, jetzt haben wir die Katastrophe." "Der Delta-Flyer verfügt noch über die volle Antimaterie-Kapazität, wir könnten einen Transfer auf die Voyager leiten." Fähnrich Vorik hatte sich von seinem Platz erhoben und war nach vorne zu Torres gegangen, er setzte sich neben sie, um von dort aus Daten hoch zu scrollen, damit B'Elanna diese einsehen konnte. "Bereiten Sie sofort alles vor, Vorik", antwortete die Halbklingonin und bediente hektisch die Konsole vor ihr. "Wir leiten die Energie zur Deflektorphalanx der Voyager, von dort aus kann sie in deren Systeme übernommen werden." "Hoffentlich ist es nicht zu spät." Traurig hatte Sarah Stadi diese Worte mehr zu sich selbst gesprochen. "Wir schaffen es." Lieutenant Joe Carey, der ebenfalls mit im Delta Flyer saß und die Geschehnisse bisher schweigend verfolgt hatte, legte ihr mitfühlend den Arm auf die Schulter.


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